«Man sollte versuchen, verschiedene Stile einzubringen, aber trotzdem ein Quantum Eigenheit zu bewahren», sagt Fabian Römer. (Foto: PS Fotodesign, Petra Schramböhmer)

«Man sollte versuchen, verschiedene Stile einzubringen, aber trotzdem ein Quantum Eigenheit zu bewahren», sagt Fabian Römer. (Foto: PS Fotodesign, Petra Schramböhmer)

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Fabian Römer: «Gute Filmmusik trifft ins Herz»

In seinem Studio in München komponiert der Freienbacher Fabian Römer Musik für Kinofilme. Bei einem Besuch in den Höfen erzählt er, was gute Film musik ausmacht und für welchen Regisseur er gerne komponieren würde.

Zur Person

Name:
Fabian Römer

Wohn­orte:
München und Frei­en­bach

Geburts­datum:
28.10.1973

Zivil­stand: verhei­ratet

Beruf:
Film­mu­sik­kom­po­nist

Hobbys:
Surfen, Tauchen

Stärke: Geduld

Schwäche: «bin manchmal
zu sehr Workaholic»

Weitere Infos

www.movies­cores.de

Freienbach

Mit Fabian Römer sprach Irene Lustenberger

Fabian Römer, Sie komponieren Filmmusik. Warum haben Sie diesen Beruf gewählt?

Ich hatte immer eine Passion für die Musik und für den Film. Verschiedene Umstände haben dann dazu geführt, diesen Weg zu wählen. Ich habe Musik studiert, aber während des Studiums gemerkt, dass ich nicht mein Leben lang als Musiker arbeiten möchte. Dafür war ich zu wenig diszipliniert. Ausserdem hat mich die Filmmusik immer fasziniert. Aber man kann natürlich nicht von einem Moment auf den anderen sagen: «Ich bin jetzt Filmkomponist.» Während meines Studiums wurden die Weichen dafür gestellt. Und ich bin froh, dass ich dieses Wagnis – ich habe das Studium abgebrochen – eingegangen bin.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Auftrag erinnern?

Das war ein französischer Kurzfilm. Ich lernte den Regisseur auf Korsika kennen, und er hat mir erzählt, dass er einen Film drehen möchte. Ich sagte dann, dass ich Filmmusik mache, obwohl ich damals noch in der Schule war und keine Kompositionserfahrung hatte (lacht). Er hat mir dann seinen Film geschickt. Es war ein französischer Kurzfilm, der den Titel «Les Egarés» trug. Und der Regisseur fand meine Musik gut. Es folgten einige Kurzfilme, die Musik zu meinem ersten Langfilm komponierte ich erst in Deutschland. Durch Mundzu- Mund-Propaganda hat sich dann der Erfolg eingestellt.

Wie kann man sich den Prozess von der Idee bis zum fertigen Soundtrack vorstellen?

Ich versuche zuerst, am Klavier und mit dem Computer Themen zu entwickeln, Atmosphären und Stimmungen zu kreieren. Das zeige ich dann dem Regisseur. Der Film ist dabei die Grundlage. Das heisst, ich arbeite selten nach Drehbuch, sondern habe Teile des Films vor mir. Wenn man sich gefunden hat, beginne ich mit dem Ausarbeiten. Ich spiele sozusagen das ganze Orchester auf dem Computer ein. Ist der Regisseur zufrieden, lasse ich das Ganze in Noten umsetzen und gehe mit der Partitur und den Einzelstimmen zu einem Orchester. Bei einem 90-minütigen Fernsehfilm dauert das Ganze vier bis sechs Wochen, bei einem Kinofilm sechs Wochen bis drei Monate.

Was macht gute Filmmusik aus?

Gute Filmmusik unterstützt den Film und verstärkt die Emotionen. Sie hat die Möglichkeit, ohne Umwege direkt ins Herz zu treffen. Im besten Fall ist sie auch ohne Film gut hörbar. Wenn man einen Film schaut, konzentriert man sich aber auf die Geschichte und nicht auf die Musik ... Das ist auch richtig so. Die Musik soll nur an wenigen Orten im Film heraustreten, zum Beispiel bei einer Überlandfahrt. Ansonsten hat sie die Funktion, im Hintergrund zu arbeiten.

Gibt es einen Film, bei dem Ihnen die Musik besonders gut gefällt?

Es gibt sogar sehr viele Filme. Ich kann nicht sagen, welches Genre mir am besten gefällt. Ich liebe Filme wie «Babel» und «21 Gramm», die tolle Musik haben. Dann gibt es natürlich Klassiker wie «Der Pate». Ich mag auch amerikanisches Kino von John Williams, der für Steven Spielberg komponiert – grandios. Meistens ist es so, dass, wenn mir der Film gefällt, ich auch die Musik gut finde. Ich muss mir dann diese im Nachhinein zu Analysezwecken nochmals anhören. Man lernt ja nie aus, und ich möchte mich ständig weiterentwickeln. Deshalb ist mir die Abwechslung so wichtig.

Komponieren Sie nur für Filme oder haben Sie auch andere Aufträge?

Ich komponiere fast ausschliesslich für Filme. Ich habe aber auch schon für Werbefilme Musik geschrieben und ab und zu für Hörspiele. Auch für «Salto Natale» habe ich schon gearbeitet. Aber Zirkusmusik ist doch etwas völlig anderes als Filmmusik ... Der Zirkus hat für das Intro eine klare Dramaturgie mit einem genauen Ablauf vor gegeben. Ich wusste, was die jeweiligen Artisten präsentieren. So war es ähnlich wie Filmmusik, und es kam mir sehr vertraut vor. Wie ich vorhin erwähnt habe, ist die Filmmusik sehr vielfältig. Das geht von Marsch über Klezmer-Musik bis zum grossen Sinfonieorchester im Hollywood-Stil oder Punk. Man sollte versuchen, von all diesen Stilen etwas einzubringen, aber doch ein Quantum Eigenheit zu bewahren.

Sie haben keine fixen Arbeitszeiten. Wie viele Stunden arbeiten Sie pro Tag?

Sagen wir es mal so: Es ist gut, dass mein Studio in der gleichen Wohnung ist, in der ich auch lebe. Ansonsten würden mich meine Frau und meine Kinder kaum zu Gesicht bekommen. Ich arbeite im Schnitt 14 Stunden pro Tag. Am Wochenende nehme ich mir aber immer frei.

Haben Sie jemals bereut, diesen Job ergriffen zu haben?

Nein. Ich bin glücklich, dass es so gelaufen ist, wie es jetzt ist. Es hätte ja sein können, dass ich noch immer nach Aufträgen suchen muss. Aber ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich mir aussuchen kann, was ich machen möchte und was nicht.

Haben Sie in den vielen Jahren schon Negatives erlebt?

Ja, aber das ist menschlich. Es gibt Menschen, mit denen man sich einfach nicht findet. Wenn es nicht passt, dann passts nicht. Dann muss man die Zusammenarbeit beenden. Die meisten Regisseure sind starke Persönlichkeiten und zeigen das auch. Es gab aber auch lustige Begeben heiten. Soll ich Ihnen davon erzählen?

Ja bitte, erzählen Sie ...

Ein Regisseur betrat mein Studio und setzte sich direkt auf meinen Stuhl. Er legte die Hand auf meine Schulter und meinte: «Du machst das schon.» Dann verliess er den Raum und kam mit einem Joghurt zurück, das er sich aus meinem Kühlschrank geholt hatte. Oder eine Regisseurin, die ich zum ersten Mal sah, kam plötzlich zu mir und sagte: «Du musst mir helfen, was macht man da?» Sie hatte einen Schwangerschaftstest in der Hand. Weil sie nicht gut Deutsch sprach und die Beschreibung nicht verstand, musste ich ihr diese vor lesen (lacht). Man wird mit vielem konfrontiert, das nicht direkt mit Musik zu tun hat. Aber es ist manchmal auch lustig, wenn Regisseure versuchen, mit mir in der Musiksprache zu sprechen. So hat mich mal einer gefragt, in welcher Tonart das Thema geschrieben sei. Als ich antwortete «Lydisch», meinte er vorwurfsvoll: «Davon habe ich noch nie etwas gehört. Kann man das nicht in einem schönen Dur machen?» Der Musikredaktor erklärte dann, dass lydisch eine Kirchentonart sei, und die Produzentin meinte: «Das Stück spielt doch nicht in der Kirche. Seid ihr denn verrückt, hier eine Kirchentonart einzuführen?» Mit solchen Dingen hat man auch zu tun. Man muss sie einfach mit einem gewissen Abstand betrachten.

Sie haben schon einige Preise gewonnen. Welcher bedeutet Ihnen am meisten?

Der wichtigste Preis, den ich gewonnen habe, ist der deutsche Fernsehpreis, die höchste Auszeichnung im Bereich Fernsehen. Ausserdem war ich für den deutschen Filmpreis nominiert, die höchste Auszeichnung im Bereich Kino. Ebenfalls wichtig ist der Preis der deutschen Filmkritik, den ich in diesem Jahr gewonnen habe. Der europäische Preis, den ich beim «Festival international musique et cinéma» erhalten habe, ist zwar nicht so hoch anzurechnen, für mich persönlich aber sehr wichtig, da er vom bekannten Filmmusikkomponisten Ennio Morricone vergeben worden ist. Das war für mich eine besondere Ehre. Aber der allerwichtigste Preis überhaupt war natürlich der Kulturförderpreis des Kantons Schwyz (schmunzelt). Gerade dann, wenn man noch keinen Namen hat, tun solche Auszeichnungen gut.

Für welchen Regisseur würden Sie gerne komponieren?

 Für Steven Spielberg (lacht). Nein, Spass beiseite: Für Alejandro González Iñárritu, den Regisseur von «Babel», würde ich gerne komponieren. Aber er hat seine Komponisten und diese leisten hervorragende Arbeit. Und ich finde, solche Gespanne sollte man nicht durchbrechen. Ich bin ja auch froh, wenn die Regisseure, für die ich bereits einige Soundtracks komponiert habe, mich immer wieder anfragen. In erster Linie wäre es schön, wenn meine Präsenz in der Schweiz, in Deutschland und in Frankreich ausgebaut würde. In den nächsten Wochen kommen einige Filme mit meiner Musik ins Kino. Zurzeit läuft in Frankreich und der Westschweiz «Insoupçonnable ». Im Herbst läuft in Deutschland «Der Mann, der über Autos sprang» an, und in die Schweizer Kinos kommt «Fliegende Fische».

Sie wohnen nun schon seit zwölf Jahren in München. Warum gerade München?

Der Regisseur meines ersten Langfilms war aus München. Deshalb bin ich nach München gezogen. Ich habe dort auch meine Frau kennengelernt und bin dadurch noch sesshafter geworden. Ausserdem bin ich von München aus schneller in meinem Studio in Pfäffikon als zum Beispiel von Berlin aus.

Können Sie das Klischee des arroganten Deutschen bestätigen?

Wenn man länger in einem Land lebt, dann ändert sich das Bild. Ich kann sagen, dass ich in München sehr wohlwollend aufgenommen worden bin. Die Bayern sind gemütliche Leute, man versteht sie manchmal einfach nicht (lacht). Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich nichts dagegen habe, dass der deutsche Finanzminister gewechselt hat. In diesem Punkt bin ich halt doch ein Schweizer (grinst).

Wie oft sind Sie in Ihrer alten Heimat?

Das hängt von den Projekten ab. Wenn ich für Schweizer Filme arbeite, bin ich öfter da, weil ich diese im Studio in Pfäffikon produziere. In letzter Zeit war ich etwa alle zwei Monate da. Wenn ich die Strecke München–Freienbach respektive Freienbach–München fahre, habe ich zweimal das Gefühl, heim zu kommen: kurz vor den Toren von Freienbach und kurz vor München.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, was wäre das?

Ich würde mir wünschen, für einen Film, den ich fantastisch finde, die für mich perfekte Musik komponieren zu können und damit Erfolg zu haben. So könnten vielleicht Regisseure aus ganz Europa auf mich aufmerksam werden und mir eine Zusammenarbeit vorschlagen. Ausserdem möchte ich im Schweizer, deutschen und französischen Kino präsenter sein. In Amerika natürlich auch gerne, aber das ist noch zu weit weg, um als direkter Zukunftswunsch genannt zu werden. Auch würde ich dafür nicht alles opfern und mit meiner Familie nicht nach Los Angeles ziehen. Das ist nicht mein Leben.