Rebekka Fässler: «Schwyz hat eine vielfältige Kulturlandschaft vorab im traditionellen Bereich und ein reiches Musik- und Theaterschaffen.» (Bild Christian Ballat)
Aktuell | 20. März 2010
Fässler: «Auswärtige Kultur kriegt mehr Geld als einheimische»
Zwei Millionen Schwyzer Steuerfranken fliessen ab 2010 jährlich an die Zentren Zürich und Luzern, um dortige Kulturinstitutionen mitzufinanzieren. Für die Kulturschaffenden im Kanton gibt es dagegen keinen Rappen aus der Steuerkasse. Auch beim Raumangebot zieht sich der Kanton aus der Verantwortung. Dies sind zwei Missstände, mit denen die Kulturbeauftragte des Kantons Schwyz, Rebekka Fässler, leben muss.
Zur Person
Name:
Rebekka Fässler
Geburtsdatum:
27. April 1975
Wohnort: Zürich,
aufgewachsen in Steinen
Arbeitsort:
Schwyz
Hobbys:
Kultur, primär Theater,
Literatur, Kochen
Auf dem Nachttisch:
«Ein Jude als Exempel»
von Jacques Chessex
Lieblingsessen:
Thailändisch oder
eine tolle Pasta
Lieblingsdrink:
Hahnenwasser
und Rotwein
Lieblingsmusik:
Funk, Hip-Hop
Mit Rebekka Fässler sprach Christian Ballat –
Was bedeutet das Wort Kultur für Sie ganz persönlich?
Kultur beschäftigt sich in verschiedenen Ausdrucksformen mit dem Innen-und Aussenleben des Menschen. Sie ist etwas, das mich auf verschiedenen Ebenen anspricht, kann mich emotional berühren, kann sinnlich sein, sie kann aber auch zum Denken anregen.
Und beruflich?
Bei meinerArbeit steht die Förderung der Kultur im Zentrum. Damit kann ich das, was mich selber überzeugt und das Leben anderer bereichern könnte, den Menschen zugänglich machen. Es geht auch darum, Leute zu unterstützen, die das Bedürfnis haben, sich kulturell auszudrücken. Ich selber habe dies nicht, bin aber sehr gwundrig. Ich versuche darum auch, den Dialog zwischen Kulturschaffenden und -interessierten möglich zu machen. Wichtig ist, dass wir Kultur vielfältig fördern können.
Hin und wieder müssen Sie Kritik einstecken von enttäuschten Veranstaltern, weil deren Gesuche um einen Förderbeitrag abgelehnt wurden. Warum macht Ihnen Ihre Arbeit trotzdem noch Freude?
Die Anzahl positiv beantworteter Gesuche ist viel höher, sie machen rund 75 Prozent aus. Es gibt Absagebriefe, die mir schwer fallen.Viel schöner ist es, jemanden anzurufen und mitzuteilen, dass er oder sie beispielsweise ein Altelierstipendium in Berlin zugesprochen erhielt. Über Zu- und Absagen entscheide nicht ich, das übernimmt die kantonale Kulturkommission, in der ich eine beratende Stimme habe.
Ist Ihr Job nur Bürokratie und Verwaltung, oder finden Sie Zeit, sich selbst nach interessanten Förderungsprojekten umzusehen?
Der Kulturförderbereich ist mit Stellenprozenten knapp dotiert. Meine Arbeit besteht nicht nur aus Bürokratie und Verwaltung. Zu meinen Aufgaben gehören auch der Ankauf und die Betreuung der Kunstsammlung, die Redaktion der Schwyzer Kulturhefte und die Beteiligung an Zentralschweizer Projekten. Es wird schon sehr eng, wenn ich nicht nur reaktiv, sondern auch proaktiv arbeiten möchte.
Die Gelder für die Kulturförderungsbeiträge kommen allesamt aus dem Lotteriefonds. Der Kanton gibt demnach keine Steuergelder für die Kultur aus.
Tatsache ist, dass Schwyz kein Kulturgesetz hat. Solange sich das nicht ändert, wird es nur möglich sein, Gelder aus dem Lotteriefonds einzusetzen. Ohne Gesetz fehlt die rechtliche Grundlage für Staatsausgaben.
Der jährliche Beitrag aus dem Lotteriefonds wurde von 500 000 auf 700 000 Franken erhöht. Reicht das, um das vielfältige Kulturschaffen im Kanton zu unterstützen?
Wenn man Kulturschaffende fragen würde, so reicht das natürlich nie. Im Vergleich mit anderen Kantonen steht Schwyz nicht schlecht da, solange es um Projekte geht, die von der Förderungspolitik zugelassen sind. Viel kostenintensiver wäre es, Kulturhäuser zu betreiben oder sich an Infrastrukturen zu beteiligen.
Ist es nicht stossend, dass der Kanton seit diesem Jahr jährlich zwei Millionen Franken aus Steuergeldern für das in Luzern und Zürich angebotene Kulturschaffen bezahlt, im eigenen Kanton aber kein Steuergeld ausgeben will?
Für mich ist das eine riesige Diskrepanz, die schon Fragen aufwirft. Die Schwyzer Bevölkerung hat es vor wenigen Jahren knapp abgelehnt, ein Kulturgesetz anzunehmen und damit Staatsausgaben für einheimisches Schaffen zu ermöglichen. Den interkantonalen Kulturlastenausgleich befürworte ich dennoch sehr. Die Beiträge an Luzern und Zürich basieren auf effektiven Besucherzahlen aus dem Kanton Schwyz. Wir profitieren da von einem hochstehenden künstlerischen Angebot, das es in dieser Form im Kanton Schwyz nicht gibt.
Erleichtert oder erschwert das Fehlen eines Kulturgesetzes Ihre Arbeit?
So paradox es klingen mag, es erleichtert meine Arbeit. Das Budget, das für die Kulturförderung zur Verfügung steht und vom Regierungsrat bestimmt wird, ist relativ konstant. Solange die Menschen an Lotterien mitmachen und so den Lotteriefonds äufnen, wird sich daran nicht viel ändern. Hätten wir ein Kulturgesetz, so wäre der Beitrag an die Kultur ein Budgetposten. Über das Kantonsbudget wird jährlich im Kantonsrat debattiert. Ich könnte mir vorstellen, dass dabei Ausgaben für die Kultur einen schweren Stand hätten.
Was müssen Kulturschaffende tun, um überhaupt in den Genuss eines Beitrages zu kommen?
Sie müssen ein schriftliches Gesuch einreichen, das ihr Projekt – etwa ein Anlass oder ein Buch – überzeugend erklärt. Es ist wichtig, dass das Projekt eine überregionale Ausstrahlung hat und einen Bezug zum Kanton herstellen kann. Dazu sollte der Antragsteller einen Leistungsausweis vorlegen können oder die Qualität des Projektes klar ablesbar sein. Zum Gesuch gehört auch ein Budget mit einem plausiblen Finanzplan. Wichtig ist, dass sich die Gesuchsteller darum bemühen, auch von anderen (Stiftungen, Sponsoren, Gemeinde) finanziell unterstützt zu werden.
Stimmt die Annahme, dass die Chancen auf Beiträge höher sind, wenn man nur ein einzelnes Projekt durchführen will, und praktisch chancenlos ist, wenn man wie eine Musikgesellschaft oder eine Theaterbühne jährlich wiederkehrend Kultur anbietet?
Das stimmt so nicht. Es gibt viele Vereine, die jährlich ein Gesuch einreichen und jährlich unterstützt werden. Die kantonale Kulturkommission sagt nie wiederkehrende Beiträge zu – jedes Jahr wird neu entschieden. So können die gesprochenen Gelder einmal höher, einmal tiefer ausfallen. Es heisst auch nicht, dass die Kommission ein Projekt nur gut findet, wenn sie es finanziell unterstützt. Wir überlegen uns, ob die Unterstützung durch die öffentliche Hand überhaupt nötig ist oder ob es sich auch unabhängig davon finanzieren kann. Wir unterstützen gern etwas, das vielleicht nicht eine grosse Breitenwirkung hat, dafür aber als Nischenprodukt wertvoll ist. Damit laufen wir Gefahr, dass man uns nachsagt, «elitäre» Kunst zu fördern. Dem ist nicht so.
Ein anderes Thema ist das Fehlen eines oder mehrerer Kulturräume, wie die im letzten Jahr vom Kanton in den Bezirken durchgeführten «Echo-Abende» bestätigten. Nun hat sich der Regierungsrat entschieden, sich nicht weiter um diese Frage zu kümmern, und die Verantwortung den Bezirken und Gemeinden zugespielt. Ist Kultur für den Kanton einfach ein gesellschaftliches Anhängsel?
Laut Artikel 69 der Bundesverfassung sind die Kantone für Kultur zuständig. Sie darf also kein Anhängsel sein. Persönlich würde ich daraus ableiten, dass der Kanton, allenfalls imVerbund mit Gemeinden und Bezirken, Kultur unterstützen sollte. Allerdings haben viele die Meinung, dass die Kultur im Kanton auch ohne kantonales Engagement durchaus funktioniert.
Welche Reaktionen sind auf die letzte Woche bekannt gewordene regierungsrätliche Absage zu kantonalen Kulturräumen bei Ihnen eingegangen?
Erstaunlicherweise praktisch keine. Vielleicht ist auch die Zeit seither noch zu kurz. In anderen Kantonen gibt es Interessengemeinschaften von Kulturschaffenden, die zusammen eine starke Stimme vertreten und auch schon Anliegen durchsetzen konnten. In Schwyz ist mir keine solche bekannt. Ich würde mir wünschen, dass einzelne die Initiative ergreifen, um etwas Bewegung in die Diskussion zu bringen. Der politische Entscheid des Regierungsrates gibt mir den Rahmen für meine Arbeit, und den habe ich so zu akzeptieren. Als Fachperson aber habe ich eine ganz andere Meinung.
Im kleinen Kanton Zug gelingt es immer wieder, selbst bei Abstimmungen, von der Bevölkerung Zustimmung zur Schaffung von städtischen und kantonalen Kulturräumen zu erhalten. Warum stellt man nicht einfach den Schwyzern und Schwyzerinnen an der Urne die Frage, ob sie Kulturräume unterstützen würden?
Gegenfrage: Warum fordern dies die Schwyzerinnen und Schwyzer nicht lautstark? Auch die kantonale Unterstützung für die Zuger «Chollerhalle» wurde nur möglich, weil sich Kulturschaffende und -interessierte zuvor dafür eingesetzt hatten. Über den Kantonsbeitrag wurde erst abgestimmt, als das Projekt schon sehr weit fortgeschritten war.
Bis vor wenigen Jahren hat der Kanton einen Kulturraum besessen. Warum wird dafür kein Ersatz angeboten?
Der Raum im Chatzestrick war ein Atelierstipendium, das Künstlern ermöglichte, dort zu wohnen, während einer gewissen Zeitperiode kulturell zu arbeiten, am Ende des Aufenthalts eine Ausstellung zu organisieren. Zum Schluss war das Interesse so gering, dass der Raum geschlossen werden musste. Der Raum war nicht an einem idealen Ort für Begegnungen und schwierig zu erreichen. Ein neuer Kulturraum, der das ganze Jahr Ausstellungen zeigt, müsste zentraler liegen. Dann allerdings stellen sich Fragen nach der Programmverantwortung und den Betriebskosten. Aufgrund der projektbezogenen Förderpolitik wäre konsequenterweise nur eine Unterstützung des Programms möglich, aber keine generelle Mitfinanzierung der Infrastruktur und Betriebskosten.
Was geschieht eigentlich mit den Bildern, die der Kanton für seine Kunstsammlung Jahr für Jahr ankauft? Wo sind sie zu sehen?
Die Werke sind in den Büros der Departementsvorsteher zu sehen, sowie in öffentlich zugänglichen Gängen und Sitzungszimmern der kantonalen Verwaltung, in den Kantonsschulen, an der PHZ oder in der Kantonsbibliothek.
Was soll eine Kunstsammlung, die praktisch niemand sehen kann?
Sie ist ein Instrument der Kunstförderung. Gelingt es einem Künstler, dem Kanton eines seiner Werke zu verkaufen, so macht sich dies gut in seinem Lebenslauf. Ein weiterer Aspekt ist die Dokumentation.
Es scheint, dass sich der Kanton nicht so recht für Kultur und kulturelles Schaffen interessiert. Warum sollen sich Menschen weiterhin für Kultur einsetzen, malen und musizieren?
Wer ist der Kanton? Viele interessieren sich durchaus für Kultur. Schwyz hat eine vielfältige Kulturlandschaft, vor allem im traditionellen Bereich, und ein reiches Musik- und Theaterschaffen. Vieles geschieht sehr lokal und oft innerhalb vonVereinen. Ohne ehrenamtliches Mitarbeiten von Menschen würde Kultur den Lebensalltag nur noch wenig bereichern können.