Bühne | 28. Januar 2012
Dimitri: «Humor ist grenzenlos»
Dimitri – Wer kennt ihn nicht? Seit vielen Jahrzehnten erfreut er alleine oder zusammen mit seiner «Famiglia» das Publikum mit seinem eigenen, stillen, überzeugenden und bewegen- den Humor. Sonntag tritt der grosse Clown in Schwyz auf.
Dimitri Clown in «Porteur»
Sonntag, 29. Januar
Mythenforum Schwyz
Zeit
Türöffnung: 16.00 Uhr,
Beginn: 17.00 Uhr
Tickets
Abendkasse ab 16.00 Uhr
Weitere Infos
Schwyz –
mit Dimitri sprach Christian Ballat.
Auf Ihrer Internetseite stand kürzlich als Gedanke zum Tag: «Grenzenlose Liebe? Das gibts. Grenzenloser Humor? Schön wärs …!» Wo sind dem Humor Grenzen gesetzt?
Ich habe in meiner Clownschule sicher 30 Jahre lang meinen Studenten gesagt, dass es im Humor Grenzen gebe. Ich finde, Humor darf niemanden lächerlich machen. Und Sprüche über Behinderte oder Konzentrationslager gingen für mich zu weit – bis ich «La vita e bella» gesehen habe. Hier war es möglich geworden, dass man auch ein Konzentrationslager mit Humor in Verbindung bringen konnte. Humor ist also doch grenzenlos, und eine Form der Liebe. Wenn es das nicht ist, ist es kein Humor.
Sie machen Menschen glücklich und fröhlich. Wie geht es Ihnen dabei?
Es gibt mir eine grosse Befriedigung und Freude, anderen Freude zu bereiten. Diese widerspiegelt sich im Applaus und unzähligen Zuschriften. Ich bin in der glücklichen Lage, ein glückliches Leben zu haben. Allerdings trifft es mich, wenn ich vom schweren Schicksal von Menschen höre, die Hunger leiden oder dem Krieg ausgesetzt sind.
Wie kann Humor die Menschen verändern?
Humor kann Momente der Erleichterung bringen, eine andere Optik der Dinge und Perspektiven aufzeigen. Er macht auch möglich, dass man sich selber nicht immer ernst nimmt. Spitalclowns etwa sind ein Beispiel. Sie sind überzeugt, dass sie mit ihrer Arbeit helfen, und ich glaube, dass das Lachen durchaus eine Genesung unterstützen kann. Auch politische Sitzungen wären viel erträglicher, wenn sie mit mehr Humor gespickt würden – etwa wie der «Versprecher» mit dem «Bü-, Bü-, Bündnerfleisch». Ob Humor die Welt verändern kann? Ich zweifle daran.
Sind Sie ein Humor-Missionar?
Gar nicht. Ich hatte nie und habe nicht das Gefühl, eine wichtige Message zu verbreiten. Ich bin Clown, mit dem Ziel zu lachen, Poetisches künstlerisch umzusetzen, und ich will mich laufend verbessern.
Viele Jahre waren Sie nicht alleine, sondern etwa zusammen mit Ihrer «Famiglia» auf den Bühnen zu sehen. Warum raffen Sie sich mit 76 Jahren nochmals auf für ein weiteres Soloprogramm?
Das hat sich so herauskristallisiert. Ich bin ein Solokünstler, auch wenn ich gerne mit der «Famiglia» unterwegs bin. So lange ich gesund bleibe und Freude am Publikum habe, betrachte ich es als sinnvoll, weiterzumachen.
Was gibt Ihnen die Kraft zum Weitermachen?
Das Publikum ist für mich eine grosse Tankstelle, es gibt mir viel Befriedigung. Die Reaktionen zeigen eine grosse Anerkennung meiner Arbeit. Glück und Gesundheit, Familie und Freunde sind weitere Antriebsmotoren. Ich interessiere mich sehr für Kunst und lese so viel es geht. Ich interessiere mich sehr für «geistige» Dinge.All dies motiviert mich täglich, den Menschen mit meiner Arbeit Freude zu bereiten.
Sie haben schon mehrfach die «Famiglia» angesprochen. Dass Ihr untereinander hervorragend auskommt, ist also nicht nur Schein?
Wir haben es sehr gut zusammen. Eine solche Harmonie könnte man dem Publikum auch gar nicht vortäuschen.
Was braucht es, damit eine Familie eine glückliche Familie sein kann?
Ich masse mir nicht an, ein Rezept zu geben. Bei uns ist es ein grosses Glück, dass wir so tolle Kinder haben. Sie sind fröhlich und tolerant aufgewachsen. Wir haben versucht, Partner und Kinder sich frei entwickeln zu lassen, aber ihnen zu helfen, wenn es nötig war. Ich glaube, dass viele junge Ehen kaputtgehen, weil die Betroffenen zu schnell aufgeben und es unterlassen, gemeinsame Perspektiven zu formulieren, auf lange Sicht miteinander zu planen, bevor sie sich für die Ehe entscheiden.
Was macht die Weihnachtszeit so besonders?
Von der Religion her gesehen, ist diese Zeit etwas Grosses. Auch bei uns gehört es zur Tradition, das Weihnachtsfest zusammen zu feiern. Geschenke aber machen wir uns dazu keine, sondern das ganze Jahr über. Es ist aber richtig, kleinen Kindern das Erlebnis des Weihnachtsgeschenks nicht zu verwehren. Freude, Liebe,Toleranz und gegenseitige Hilfe sollten in dieser Zeit besonders im Mittelpunkt stehen.Wenn Weihnachten aber nur noch kommerziell ist, dann macht mich das tieftraurig.
Ihre Kunst, Menschen für ein, zwei Stunden aus dem Alltag zu reissen, ist einzigartig.
Es gibt viele andere, die das auch können, unter ihnen sind verschiedene Clowns. Aber auch Franz Hohler zählt für mich dazu – er ist in meinen Augen ein grossartiger Künstler.
Das Publikum erwartet von Ihnen sehr viel. Macht Ihnen dieser Druck Mühe?
Ich spüre den Erwartungsdruck der Gäste, die im Saal oder im Zirkuszelt sitzen und auf mein Programm warten. Er ist für mich eine Herausforderung, denn wich will mein Publikum nicht enttäuschen. Er ist aber auch eine Hilfe, auf der Bühne ganzen Einsatz zu zeigen.
Sie müssen quasi auf Knopfdruck zu einem gewissen Zeitpunkt glücklich und lustig sein. In welchen Situationen fällt Ihnen das schwer?
Früher war ich auf Launen, Aggressionen und Traurigkeit anfälliger. Dank jahrelanger Übung und Gewöhnung konnte ich mir Techniken aneignen, dass es mir gelingt, das zu zeigen, was man von mir erwartet. Es ist auch die Magie der Vorstellung, die das Ganze vereinfacht. Mit dem Beginn des Schminkens beginne ich mich in die Rolle einzuleben, die ich nachher auf der Bühne zeige.
Sie unterhalten im Tessin eine eigene Schule. «Züchten» Sie dort Ihren Clown-Nachwuchs?
Wir sind keine Clownschule, sondern eine Hochschule für Bewegungstheater. Neben vielen anderen Fächern unterrichten wir auch Clownerie. Es war nie mein Ziel, Clown-Nachwuchs aufzuziehen. Es gibt nicht viele Menschen, die Clown sein können. Die Zahl der Clowns war auch in der Vergangenheit nie sehr gross.
Was ist Komik?
Man muss selber komisch sein, um Leute zum Lachen bringen zu können. Komisch oder ein Clown zu sein, hat das Privileg, dass man dabei nicht an Worte gebunden ist.
Haben Sie es je bereut, den Weg des Clowns gewählt zu haben?
Überhaupt nicht. Clown zu sein, ging durch mein ganzes Leben. Ich hatte immer Clowns als Vorbilder und Idole. Grock – 1959 gestorben – ist der grösste Clown aller Zeiten. Er gab mir enorm viel Inspiration und Ermutigung, um meinen Weg konsequent zu gehen.
Was halten Sie von Stand-up-Comedy, deren Künstler das Publikum nicht für einen ganzen Abend, sondern nur ein paar Minuten unterhalten?
Ich habe Mühe, es ist eineWelt, die mir nicht so behagt. Oft handelt es sich dabei um aggressive und schnelle Komik, die manchmal witzig und virtuos vorgetragen wird. Traurig macht es mich, wenn die «Gags» unter der Gürtellinie angesiedelt oder vulgär sind. Oft fehlt in dieser Comedyform auch jegliche Poesie. Ich bin erstaunt, dass immer wieder viele junge Menschen in meinem Publikum sitzen. Es scheint, dass sie kommen, um ein wenig auszuschnaufen und die sie sonst umgebende Hektik etwas zu vergessen.
Komik gegen Hektik also?
Komik ist oft zeitlos. Karl Valentin etwa, der in den 20er- bis 40er-Jahren das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinriss, war ein grosser Künstler, sehr auf dasWort bezogen. Dass seine Worte heute noch etwas aussagen, zeigt, dass seine Kunst zeitlos ist.Auch Loriot war ein grosser Künstler, oder Mr. Bean. Ich zähle beide zu der Gilde der Clowns. Emil Steinberger dagegen ist kein Clown, aber ebenfalls ein grossartiger Künstler, der mit Komik die Hektik vertreibt.
Mit Ihrem Schaffen beleben Sie die Kultur. Kultur aber hat, wie der Humor in der Politik, ein hartes Los.
Ich war kürzlich mit Moritz Leuenberger zusammen, der meines Erachtens immer wieder versucht, Kultur in die Politik zu bringen. Ein anderer grosser Politiker und Kulturschaffender war Gesprächsthema: Václav Havel. Für ihn empfinden wir beide grosse Bewunderung. Leider ist es so, dass viele Politiker nicht mit Kultur und Humor gesegnet sind. Die Frage aber stellt sich, ob Kulturmenschen Politik machen sollen, oder ob sie sich nicht besser auf das konzentrieren, was sie mit ihrem Schaffen bewegen können.
Die Politik stellt also andere Ansprüche als die Kultur?
Teilweise ja. Von der Politik fordert man ja Kultur, dazu gehören Verständnis, Anstand, Respekt, Offenheit und Toleranz. Von Humor wird in diesem Zusammenhang kaum gesprochen, obwohl in meinen Augen Humor auch Kultur ist. Selbst ungebildete Menschen können Humor haben.
Im Kanton Schwyz hat die Bevölkerung vor einigen Jahren ein Kulturgesetz abgelehnt. Damit kann die einheimische Kultur nicht mit Steuergeldern unterstützt werden – einzig Beiträge aus dem Lotteriefonds kommen zur Auszahlung.
Das ist eine Katastrophe, wenn ich das so sagen darf. Ganz allgemein wird die Kultur von der Gemeinschaft zu wenig unterstützt. Schwyz bietet hier das traurigste Bild in der Schweiz. Leider gibt es in diesem Kanton scheinbar nicht nur Politiker, sondern auch Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, die denken, Kultur sei überflüssig – oder zumindest Kultur zu unterstützen, sei überflüssig. Diesen Menschen zu erklären, warum dem nicht so ist, ist schwierig – etwa so, wie wenn man jemanden, der nicht daran glaubt, davon überzeugen will, dass es Geister gibt.
Haben Sie vielleicht doch einen Lösungsansatz?
Vielleicht könnte man jemanden, der nichts von Kultur hält, einmal fragen, ob er künftig auf einen Zirkusbesuch, das Programm von Lorenz Keiser, das Konzert der Dorfmusik oder den Auftritt einer Alphorngruppe oder Ländlerkapelle verzichten wolle. All dies sind kulturelle Beiträge, die unser Leben lebenswerter machen.