Edith Gwerder. (Bild Bote der Urschweiz)

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Edith Gwerder: «Ich bin nicht nur Trachtenfrau»

Fünf Jahre lang hat ein OK das Eidgenössische Trachtenfest vorbereitet. Drehscheibe bei allen Arbeiten war das Sekretariat von Edith Gwerder, welche neu die kantonale Trachtenvereinigung auch präsidiert.

Zur Person

Name/Vorname:
Gwerder Edith

Geburts­datum:
26. Dez. 1963

Beruf:
Schul­se­kretärin/
Haus­frau

Wohnort:
Steinen

Lieb­lings­ge­richt:
feines Zmorge

Lieb­lings­getränk:
Mine­ral­wasser

Lieb­lings­musik:
Ländler­musik
im Illgauer Stil

Lieb­lings­fe­ri­enort:
zu Hause

Lieb­lings­tier:
Kuh mit Hörnern

Schwyz

Mit Edith Gwerder sprach Josias Clavadetscher

Vor gut einem Monat sind Sie neue Präsidentin der Trachtenvereinigung des Kantons Schwyz geworden. Man könnte also sagen, dass Sie jetzt ein grosses eidgenössisches Fest erben?

Das könnte man tatsächlich sagen, ich erbe wirklich von meiner Vorgängerin Maria Waldis. Sie war zusammen mit Röbi Kessler und Karl Gasser bei den eigentlichen Initianten, diese drei waren die ersten mit dieser Idee, vor allem Karl Gasser, der lange im Vorstand der schweizerischen Vereinigung und in der Geschäftsleitung tätig gewesen ist. Er ist auch schweizerisches Ehrenmitglied.

Wie haben denn damals die Schwyzer Trachtenleute auf dieses Projekt reagiert?

Unterschiedlich. Zuerst standen viele skeptisch vor dieser grossen Sache, ich selber auch. Und trotzdem: An der Delegiertenversammlung stand man bei der Abstimmung generell hinter diesem Projekt und hat sich gesagt: «Das machen wir.»

Es hat gereizt?

Eindeutig, das hat alle herausgefordert. Wir wollten dieses Fest in die Urschweiz bringen. Es ist auch immer so verkauft worden, dass das Eidgenössische Trachtenfest noch nie auf dem Land durchgeführt worden ist und Schwyz das kann. Jetzt stehen weit über 700 Leute im Einsatz, bei einem Brutto-Budget von fast 2 Mio. Franken hat man fünf Jahre vorbereitet.

Wenn man das alles im Voraus gewusst hätte, hätte man auch Ja gesagt?

Ich weiss nicht. Vielleicht wäre es für viele zu gewagt gewesen, um Ja zu sagen. Aber zum guten Glück haben wir es nicht gewusst.

Im Kanton gibt es rund 1300 Trachten-Mitglieder. Gab es keine Bedenken, dass die eigenen Leute nicht ausreichen würden?

Eigentlich nicht. Wir waren immer der Ansicht, dass wir genügend Mitglieder für diese Festorganisation haben. Wir hatten eher Bedenken, weil wir auch viele ältere Mitglieder zählen, denen man nicht drei bis vier Schichten Arbeitseinsatz zumuten kann.

Ohne die Hilfe von aussen wäre das Fest also nicht möglich gewesen?

Das ist ganz klar. Ein Fest dieser Grösse wäre ohne die Hilfe von aussen nicht möglich gewesen. Eine gute Lösung war, dass die Festwirtschaften – mit Ausnahme von zweien – an andere Vereine und Organisationen vergeben worden sind. Sonst hätten wir noch mehr Helferinnen und Helfer benötigt. Bei den 700 Leuten, die im Einsatz stehen, sind all die Gastro- Mitarbeiter nicht mitgezählt.

Zurück zur «Erbschaft». Das stimmt so natürlich nicht, denn Sie waren als Sekretärin zentral an der Organisation beteiligt. Bei Ihnen liefen alle Fäden zusammen. Sie sind vermutlich am besten informiert über das ganze Trachtenfest.

Ich bin sehr informiert, das stimmt. Als Sekretärin muss man vieles wissen, das geht gar nicht anders.

Gab es auch kuriose Fragen?

Natürlich gab es das. Wie komme ich nach Schwyz? Kann ich mein Hündchen in die Unterkunft mitnehmen? Wie viel Platz werde ich auf der Bühne haben? Führt der Umzug über Stock und Stein? Wobei die Leute alle sehr verständnisvoll und freundlich gewesen sind. Ich freue mich sehr, von denen viele zu sehen. Wir sind schliesslich eine grosse Trachtenfamilie. «Zuerst war ich auch skeptisch»

Wie gross war das Arbeitspensum?

Zuletzt waren das hundert Prozent oder manchmal sogar mehr. In letzter Zeit habe ich tagsüber eigentlich nur noch am Telefon Auskunft gegeben und am Abend dann die schriftlichen Arbeiten erledigt. Die ersten OK-Arbeiten haben vor fünf Jahren begonnen.

War das nicht übertrieben früh oder aus heutiger Sicht doch richtig?

Es war durchaus richtig. Es ging vor allem auch um die grossen Bewilligungen. Zum Beispiel mussten wir zuerst eine Machbarkeitsstudie erstellen und bei der Regierung einreichen, um belegen zu können, dass das Fest überhaupt durchgeführt werden kann. Es brauchte Abklärungen, um zu wissen, wo man das Fest durchführen will, welche Bewilligungen überhaupt eingeholt werden müssen und vieles mehr.

Gab es in den fünf Jahren nicht auch Ermüdungserscheinungen, fehlte dazwischen nicht die Motivation, weil das Fest noch zu weit weg war?

Das hat etwas. Nur schon die Jahreszahl 2010 hat den Eindruck erweckt, dass es noch so weit weg sei. Eine gewisse Zeit gab es wirklich so etwas wie eine Pause, eine Lücke, dann kam wieder Schwung auf, und dafür war dann schon vieles erledigt.

Das OK war speziell organisiert, sehr spitz und nur mit drei Ressorts, in denen dann viele Aufgaben lagen. Hat sich das bewährt?

Man hätte es vielleicht eher straffen müssen. Es gab wirklich Ressorts, in denen sehr viel zusammengekommen ist. Das hat die Übersicht gelegentlich erschwert, auch die Zusammenarbeit und Information.Auf der anderen Seite war einfach sehr vieles zu organisieren.In den Ressorts haben zudem wieder Unterressorts bestanden.

Waren die Schnittstellen ein Problem?

Es hat Überschneidungen gegeben. Besonders gegen Schluss haben wir immer wieder festgestellt, dass bei Schnittstellen Unklarheiten bestanden haben.Wobei über die Protokolle immer alle informiert worden sind.

Wie viele Sitzungen haben stattgefunden?

Es waren 25 Vorstands-Sitzungen und etwa gleich viele OK-Sitzungen. Dann hat jedes der drei Ressorts etwa 20 bis 30 Sitzungen durchgeführt. Wie oft in den einzelnen Unterressorts getagt worden ist, das weiss ich nicht.

Viele sehen das Trachtenwesen als eine verstaubte Sache an. Man nimmt an, dass es Leute sind, die in Kostümen herumlaufen, die seit 100 Jahren unverändert geblieben sind und an denen man keinen Knopf ändern darf. Stimmt dieses Bild?

Das ist ein falsches Bild. Wir sind sehr offen gegenüber der Moderne. Aber das Trachtenkleid muss natürlich aufgrund der Statuten und Richtlinien angefertigt sein, das stimmt.

Es gibt genaue Vorschriften?

Die Trachtenkleider sind genau umschrieben, das ist so. Es ist bestimmt, wie es genäht sein muss, oft sogar von Hand. Auch die Stoffe sind umschrieben. Diese Richtlinien werden von uns bewusst gepflegt und erhalten.

Gibt es Beschaffungsprobleme, zum Beispiel bei den Stoffen?

Wir schauen ständig darauf, dass diese Stoffe noch gewoben werden und wir sie kaufen können. Dafür ist in unserem Kanton die Trachtenkommission zuständig.

Wo gibt es am meisten Probleme, beim Schmuck, den Accessoires, den Schuhen?

Bei den Wollstoffen und der Seide, da gibt es am meisten Probleme. Beim Gingang zum Beispiel müssen wir immer darauf schauen, dass wir den Stoff noch kriegen und er immer gleich aussieht. Bei der dunkelroten Sattler Tracht zum Beispiel kam es plötzlich vor, dass eine schwarze Linie im Stoff gefehlt hat.

Berühmt sind die Schotten, weil sie für jeden Familienclan eigene Stoffe produzieren. Da könnte sich Schwyz doch mal in Schottland umsehen?

Das kenne ich zu wenig. Aber es wäre eine Idee, das stimmt (lacht).

Wer stellt den Schmuck her?

Der Schmuck wird überall individuell hergestellt, jede Gruppe schaut da für sich. Es gibt überall Spezialistinnen, die nach Überlieferung diese filigranen Arbeiten fertigen. Man kann nicht einfach in ein Silbergeschäft gehen und eine Bestellung aufgeben. Das ist ebenfalls eine Aufgabe der Kommissionen, dafür zu schauen, dass Vorrat und Material vorhanden sind und diese Herstellungstechnik überliefert wird.

Wenn man über die Grenzen schaut, nach Süddeutschland und ins Tirol, so sieht man im Alltag modernisierte Trachten, die getragen werden. Warum gibt es das in der Schweiz nicht?

Das weiss ich auch nicht. Vermutlich hat es tatsächlich mit den bestehenden Richtlinien zu tun, welche genau vorschreiben, wie eine Tracht auszusehen hat.

Wenn also ein Designer aus Stoff der Schwyzer Werktagstracht eine modernere Kreation herstellt, würde die Trachtenvereinigung da protestieren?

Ja, das müssten wir. Es ist schliesslich unsere Aufgabe, die Überlieferung zu erhalten. Bei den Herrenhemden ist es aber passiert: Diese Stoffe tauchten plötzlich in neuem Schnitt und Design im Alltag auf. Bei den Trachten spielt vielleicht mit, dass man doch einzigartig sein will. Mir persönlich gefallen solche neuen Sachen durchaus gut. In der Trachtenausstellung im Forum der Schweizer Geschichte sind derzeit solche Sachen zu sehen. Wobei wir gegen Trachten-Elemente in designten Kleidern natürlich nichts unternehmen könnten.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus?

Der Kanton Schwyz ist sehr glücklich, es gibt sehr junge Gruppen und gute Nachwuchstalente. In der Tanzgruppe Sattel bin ich zum Beispiel die Älteste, und das mit Abstand.

Sie selber haben zwei Töchter, beide haben keine Tracht.

Beide sind nicht trachtenverbunden, nicht mehr, muss ich sagen, denn damals in der Kindertrachtengruppe machten sie mit. Aber ich habe einen Sohn, der nur an volkstümliche Anlässe geht.

Kann es sein, dass die Töchter plötzlich die Tracht wiederentdecken? Oder stehen sie abseits, weil die Mutter zu viel Trachtenwesen gepflegt hat?

Ich glaube nicht, die Töchter gehen voll in eine andere Richtung, auch in Sachen Musik. Das geht mir ähnlich: Wenn ich keine Tracht trage, höre ich auch gerne andere Musik. Ich bin nicht nur Trachtenfrau, ich habe auch andere Interessen.

Wie stark ist man als Trachtenmitglied engagiert?

Wir haben jede Woche Tanzprobe, gerade deshalb gehe ich gerne. Jedes Jahr führen wir einen Heimatabend durch, und dann stehen etwa vier oder fünf Auftritte im Jahr an.

Und nur alle zwölf Jahre ein Fest?

Neinein, Festanlässe gibt es zum Glück häufiger, wenn auch nicht in diesem Rahmen wie jetzt in Schwyz.

Es ist aber doch aussergewöhnlich, dass ein Eidgenössisches nur alle zwölf Jahre stattfindet.

Das ist wirklich aussergewöhnlich. Es hat damit zu tun, dass für einen häufigeren Turnus keine Organisatoren gefunden werden konnten. Der Rhythmus von zwölf Jahren hat sich im Zusammenhang mit dem Unspunnenfest ergeben.

Das Trachtenfest rechnet mit einem Budget von brutto gegen 2 Mio. Franken. Steht ein Reingewinn in Aussicht?

Wir sind immer noch skeptisch. Wir sind sehr auf einen guten Besucheraufmarsch angewiesen, den Verkauf der Festführer und Festabzeichen, denn die Festwirtschaften haben wir an die Vereine abgetreten. Diese bezahlen uns einen fixen Betrag pro Sitzplatz, egal wie viel Umsatz sie machen.