Willy Honegger: «Die Eignung und die Fähigkeiten eines Kindes sollten darüber entscheiden, in welchem Alter es mit dem Instrumentalunterricht anfängt.» Bild Claudia Hiestand
Musik | 14. Juli 2010
«Dirigieren ist das Grösste für mich»
Willy Honegger ist seit 30 Jahren als Musikschulleiter tätig, davon 21 in Ausserschwyz. Dass der 56-Jährige nebenbei erfolgreich komponiert und arrangiert und als Dirigent mit namhaften Künstlern aus der ganzen Welt auf der Bühne steht, wissen nur die wenigsten.
Zur Person
Name:
Willy Honegger
Geburtstag:
30. März 1954
Wohnort: Richterswil
Zivilstand:
in Partnerschaft,
zwei erwachsene Kinder
Beruf: Musiker
Hobbys:
Velo fahren, joggen, Computer
Stärke: Geduld
Schwäche:
gutes Essen und Rotwein
Vielfältige berufliche Laufbahn
Willy Honegger hat mehrere Diplomausweise erworben: das Berufsdiplom als Blasmusikdirigent, das Abschlussdiplom in Schulmusik II sowie das Lehrdiplom mit Hauptfach Klarinette. Er war an verschiedenen Musikschulen als Klarinetten- und Saxofonlehrer tätig. Ausserdem dirigierte er in der Vergangenheit verschiedene Blas- und Sinfonieorchester am linken Zürichseeufer. Von 1989 bis 2000 war er Leiter der Musikschule Lachen-Altendorf, seit zehn Jahren leitet er die Musikschule Freienbach und unterrichtet dort auch. Während sechs Jahren war er Präsident des Schweizerischen Berufsdirigentinnen- und Berufsdirigenten-Verbands. In seinem eigenen Tonstudio realisiert Honegger Kompositonsaufträge für Filmproduktionen und schreibt Musik für Theaterstücke oder Werbefilme. Er arrangiert und bearbeitet Werke im Bereich der Unterhaltungsmusik und der ernsten Musik für Blas- und Sinfonieorchester sowie für Kammermusikformationen. Honegger hat regelmässig Auftritte als Klarinettist.
Mit Willy Honegger sprach Claudia Hiestand
Ich hätte erwartet, dass Ihr Haus erfüllt ist mit Musik. Aber die Räume sind ganz still. Konsumieren Sie keine Musik?
Das tue ich ganz selten und wenn, dann solche, die mich nicht engagiert, zum Beispiel Michael Bublé oder leichte Klassik. Wenn ich mir ein symphonisches Werk aus dem Bereich der E-Musik anhöre, dann bin ich konzentriert und analysierend abwesend.
Wussten Sie schon immer, dass Musik in Ihrem beruflichen Leben der Mittelpunkt sein soll?
Nein. Ich war ursprünglich an der ETH Zürich als Elektroingenieur immatrikuliert. Ich träumte aber insgeheim davon, Tonmeister zu werden. In Deutschland gab es eine ausgezeichnete Schule dafür. Voraussetzung für die Aufnahme war jedoch, dass ich zwei Jahre Musikstudium vorweisen kann. Also habe ich das Ingenieurstudium geschmissen und angefangen, Musik zu studieren. Nach eineinhalb Jahren übernahm ich bereits das erste Orchester. So bin ich allmählich in die Musik hineingerutscht. Im Laufe der Jahre habe ich entdeckt, dass mich die Kombination von Musik und Technik fasziniert. Deshalb begann ich mit Computer und Synthesizer zu komponieren und arrangieren.
Sie musizieren, komponieren, dirigieren. Das sind kreative Prozesse. Ihr Job als Musikschulleiter passt da irgendwie nicht rein.
Ich bin ein Alphatier. Ich muss Leute führen können. Insofern passt der Musikschulleiter gut zu mir. Ausserdem ist diese Anstellung ein sicheres finanzielles Standbein für mich. Daneben realisiere ich Projekte, in denen ich meine ganze Leidenschaft als Arrangeur und Dirigent ausleben kann. Ich habe das Privileg, mir die Aufträge herauszupicken, die mir entsprechen.
Was entspricht Ihnen?
Die Kombination von klassischer, symphonischer Musik und Popmusik.
In Ausserschwyz kennt man Sie vorwiegend als Musikschulleiter. Fuchst es Sie nicht, dass Sie auf diese Funktion reduziert werden?
Nein. Musikschulleitung ist eine spannende, vielseitige, verantwortungs- und anspruchsvolle Aufgabe. Meine Akzeptanz als Dirigent und Arrangeur habe ich andernorts.
Was haben Sie für Ziele als Komponist und Dirigent?
Ich möchte noch einige Konzerte mitgestalten und realisieren. Ich könnte mir vorstellen, vielleicht auch einmal wieder ein Orchester als Dirigent zu übernehmen, denn Dirigieren ist einfach das Grösste für mich.
Sie blicken auf 21 Jahre Erfahrung als Musikschulleiter in Ausserschwyz zurück. Wie hat sich das Musikschulwesen in all diesen Jahren im Kanton Schwyz verändert?
Die Musikschulen haben einen grösseren Stellenwert bekommen. Das Verständnis dafür, was zum Grundangebot einer Musikschule gehört, hat sich positiv verändert und wird auch durch den Verband Musikschulen des Kantons Schwyz gefördert. Im Vergleich zu den Musikschulen in den Kantonen Zug, Luzern, Uri, St. Gallen oder Appenzell sind wir jedoch noch nicht ganz auf dem gleichen Stand.
Warum?
In einigen Kantonen wird noch mehr Wert auf die Förderung der musikalischen Bildung gelegt. Der Kanton Schwyz ist der einzige Kanton in der ganzen Schweiz, der die Musikschulen finanziell noch nicht unterstützt. Wenn beispielsweise die Musikschule Freienbach aufgrund der Mitbeteiligung des Kantons ihr Schulgeld um die Hälfte herabsetzen könnte, hätte sie mit Sicherheit noch mehr Musikschüler.
Sie wollen sagen, dass die Musikschulen in anderen Kantonen professioneller sind?
Sie sind nicht flächendeckend qualitativ besser, aber die Voraussetzungen und die finanzielle Unterstützung sind vorteilhafter. Wir verfügen zwar gerade an der Musikschule Freienbach über ein ausgezeichnetes und vielseitiges Unterrichtsangebot, aber wir müssen auch immer wieder dafür kämpfen. In Zukunft möchten wir gerne ein Qualitätsmanagement einführen, das uns als ausgezeichnete Musikschule zertifiziert.
Warum subventioniert der Kanton Schwyz die Musikschulen nicht?
Weil es das Urprinzip des Kantons ist, den Gemeinden grösstmögliche Autonomie zu gewähren. Der Verband Musikschulen Schweiz startet nun die Volksinitiative Jugend und Musik, um die Musikerziehung auf nationaler Ebene zu stärken, wie dies im Sport bereits der Fall ist.
Die Musikschulen sind somit sehr auf das Wohlwollen der Gemeinden angewiesen. Wie gross ist dieses Wohlwollen?
Das steht und fällt mit der Zusammensetzung der aktuellen politischen Führung und dem Kulturbewusstsein der Bevölkerung.
Wenn die Musikschulen so teuer sind, besteht dann nicht die Gefahr, dass sich nur einkommensstarke und kinderarme Familien den Musikschulunterricht leisten können?
Sie haben zwei Kinder. Angenommen, beide nehmen Instrumentalunterricht, dann kostet Sie das rund 1000 Franken pro Semester. Dazu kommt noch die Miete für die Musikinstrumente.
Diese Ausgaben würden mich schon schmerzen.
Genau. Aber letztlich ist es ein Abwägen. Sie müssen entscheiden, ob es Ihnen das Geld wert ist, den Kindern eine lebensbegleitende musikalische Förderung zukommen zu lassen.
Als Eltern möchte man seinem Kind selbstverständlich ermöglichen, den Musikunterricht zu besuchen. Also würde ich versuchen, andernorts Geld einzusparen.
Auf das will ich hinaus. Das ist nämlich genau das, was viele Eltern tun. Trotz der hohen Kosten sind die Eltern bereit, den Preis zu bezahlen. Ich persönlich finde aber, dass die Kosten für ein Bildungsgrundangebot in einer Gemeinde möglichst niedrig sein sollten.
Die Gemeinde Wollerau ist derzeit daran, als letzte Gemeinde im Kanton Schwyz eine Musikschule aufzubauen. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, eine Höfner Musikschule ins Leben zu rufen?
Eine gemeinsame Musikschule Freienbach-Wollerau wurde im vergangenen Jahr diskutiert. Wollerau hat sich schliesslich für den Alleingang entschieden. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass es in 15 oder 20 Jahren eine Musikschule Höfe geben wird.
Ist die Musikschule Wollerau für die Musikschule Freienbach eine grosse Konkurrenz?
Ich möchte nicht von Konkurrenz sprechen. Wichtig ist, dass die Kinder und Jugendlichen ein gutes Angebot erhalten. Das ist das einzige, das zählt.
Die musikalische Ausbildung von Kindern und Jugendlichen wurde in den vergangenen zwei Jahrzehnten immer mehr aus der Volksschule verdrängt. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung?
Ich finde, die musikalische Grundschule sollte unbedingt in der Volksschulverordnung verankert sein wie beispielsweise der Sport. Daher sollte die musikalische Früherziehung allen Kindern schulintegriert angeboten werden.
Warum?
Weil viel zu viele Kinder ein mangelndes oder gar kein musikalisches Basiswissen mitbringen. Ich bin mit den Verantwortlichen der Abteilung Bildung der Gemeinde Freienbach daran, ein entsprechendes Projekt auszuarbeiten.
Wie wirkt sich die musikalische Ausbildung auf die Entwicklung eines Kindes aus?
Äusserst positiv. Ich denke da beispielsweise an die Aufmerksamkeit, die Konzentration, die Gehörschulung, die Atmung, die Feinmotorik, das musikalische Gedächtnis, den Durchhaltewillen. All dies verbessert sich enorm.
Welches ist das ideale Einstiegsalter für die musikalische Bildung?
Das hängt stark vom Instrument ab. Bei Blasinstrumenten ist es so um die acht Jahre, denn die zweiten Zähne und die Atemkraft müssen vorhanden sein. Es gibt aber auch Instrumente, bei denen ein früherer Einstieg möglich ist, zum Beispiel Geige oder Klavier. Ausserdem steht den Musikschullehrern heute Unterrichtsliteratur zur Verfügung, die es ihnen viel einfacher macht, auch schon kleine Kinder für den Instrumentalunterricht zu begeistern.
Angenommen, ein Vierjähriger bestürmt seine Eltern täglich, ein bestimmtes Instrument lernen zu wollen. Wie finden die Eltern heraus, ob es dem Kind ernst ist oder ob es sich um eine vorübergehende Laune handelt?
Da bleibt nichts anderes übrig, als es einfach auszuprobieren. Aber das ist nicht bei allen Musikschulen in der Schweiz möglich. Einige Musikschulen bieten vor der dritten Klasse gar nicht erst Instrumentalunterricht an.
Wie ist es um die Musik in Ausserschwyz bestellt? Erfährt sie genügend Förderung?
Wenn ich in die anderen Gemeinden in Höfen und March schaue, habe ich den Eindruck, dass das Konzertangebot entsprechend den finanziellen Möglichkeiten gut ist. In der Gemeinde Freienbach gibt es eine grosse Palette an musikalischen Veranstaltungen, die die Gemeinde auch finanziell unterstützt. Ich denke, dass die Gemeinde Freienbach diesbezüglich vorbildlich ist.