Musik | 17. März 2010
Rusconi: Rocksongs in Jazz verpackt
Die Jazzformation Rusconi mit Schlagzeuger Claudio Strüby wartet mit einem neuen Album auf – darauf sind verjazzte «SonicYouth»-Songs, verpackt in einem von Pipilotti Rist gestalteten CD-Cover.
Mit Claudio Strüby sprach Nicole Stössel –
Euer neues Album kommt in zwei Tagen heraus. Was geht in dir vor?
«Es ist wie ein Startschuss. Ich freue mich, denn wir sind gut vorbereitet.»
Beschreibe das neue Album in wenigen Worten.
«Es befinden sich hauptsächlich Interpretationen von Liedern der NewYorker Noise-Rock-Band Sonic Youth und ein paar Eigenkompositionen auf dem neuen Album. Da wir uns sehr kurzfristig entschieden haben, fremde Kompositionen einzuspielen, hört man die Spontaneität, die Frische und die Experimentierfreudigkeit. Wir haben beispielsweise einen Konzertflügel und ein verstimmtes Klavier während der Aufnahmen verwendet, um die verschiedenen Stimmungen zu erzeugen.»
Wie seid ihr darauf gekommen, Songs von «Sonic Youth» zu interpretieren?
«‹Sonic Youth› war in Stefans Jugend sehr präsent und hat ihn sehr geprägt. Es war die pure Lust, das auszuprobieren. Wir hätten ein ganzes Album an spannenden Eigenkompositionen bereitgehabt und waren im Begriff, dieses neue Material aufzunehmen, als wir zwei Wochen vor dem Studiotermin unsere Pläne änderten.»
Welche Bedeutung hat «Sonic Youth» denn für dich persönlich?
«‹Sonic Youth› war in meiner Jugend nicht so ein Thema wie beispielsweise bei meinem älteren Bruder und seinen Freunden. Ich verstand diese Noise-Kultur noch nicht und dachte damals aus meinem eigenen instrumentaltechnischen Perfektionismus heraus, dass die ihre Instrumente ja gar nicht spielen können. Heute verstehe ich jedoch die Message und finde es sehr spannend, dass die Band eigentlich eher aus Künstlern als aus Musikern besteht.»
Wie kreiert man aus einem Noise-Rock- Song einen Jazz-Song?
«Da gibt es kein Patentrezept, aber ein wichtiges Mittel ist wohl die Extraktion. Dies funktioniert jedoch nur bei einem hochwertigen Edukt, also bei einem guten Rocksong. Aus einem ‹Coldplay›-Song könnte uns vermutlich keine vergleichbar gute Adaption gelingen wie von ‹Sonic Youth› oder auch von ‹Nine Inch Nails›.»
Sind gewisse Hemmschwellen da, wenn man Songs einer anderen Band interpretiert?
«Ja, und ich glaube, es sind ähnliche Mechanismen, wie bei besonders gelungenen Versionen von Jazzstandards etwa von Miles Davis oder Keith Jarrett. Gewisse Songs scheinen so perfekt, dass es eine riesige Herausforderung darstellt, dem noch etwas hinzuzufügen oder gar eine neue Perspektive zu vermitteln.»
Haben «Sonic Youth» Kenntnis von eurer Hommage an sie? Reaktion?
«Sie wissen davon, und ich bin gespannt, ob es zu einer Reaktion kommt, wenn wir ihnen dann erst die CD geschickt haben.»
Stefan Rusconi hat drei Lieder auf der CD selber geschrieben. Wie ging er vor, damit diese ins Konzept passten?
«Er hat sich hierbei von Songzeilen von ‹Sonic Youth› inspirieren lassen. Die Ballade ‹Into the Heart› basiert beispielsweise auf einem gewohnt poetischen Text von der Platte ‹Washing Machine›, welche auch eine von Stefans Lieblingsplatten ist.»
Ihr konntet Pipilotti Rist dafür begeistern, euer Cover zu gestalten. Wie kam es dazu?
«Wir merkten schon während der Aufnahmesession, dass diese Platte musikalisch anders wird als die vorherigen. Dieser Bruch sollte auch durch die Gestaltung des Covers dargestellt werden. Bei einem Feierabendbier fiel Pipilottis Name, und Stefan schrieb ihr wenige Tage darauf einen Brief.»
Wie ist Pipilotti Rist vorgegangen?
«Wir traten mit Pipilotti kurz vor der Premiere ihres Films ‹Pepperminta› in Kontakt, und sie war entsprechend beschäftigt. Sie nahm sich aber viel Zeit für uns und hat sich auch mit Stefan und unserem Grafiker David Clavadetscher getroffen. Sie hat uns die Videostills zur Verfügung gestellt, und das Artwork wurde dann von unserem Grafiker konzipiert.»
Wie war die Zusammenarbeit mit ihr?
«Es war sehr unkompliziert, mit ihr zu arbeiten, und sie ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis.»
Mit Pipilotti Rists Cover schliesst sich wiederum der Kreis zu «Sonic Youth». Es gibt Verbindungen zwischen «Sonic Youth» und Pipilotti Rist, oder?
«Sie mag die Band sehr. Auch ‹Sonic Youth› arbeitete bei der Covergestaltung verschiedener Alben mit namhaften Künstlern wie Mike Kelley oder Raymond Pettibon zusammen. Pipilotti meinte: ‹Jetzt bin ich Mike Kelley vom Triemli›.»
Was erwartet ihr von der Veröffentlichung der CD?
«Dass alle Leute, welche noch einen CD-Player zu Hause haben, unsere CD kaufen. Wir müssen ja irgendwie unsere Mieten bezahlen.»
Ihr habt durch eure modernen Interpretationen auch jungen Menschen die Welt des Jazz nähergebracht. Wie reagiert die ältere Generation der gestandenen Jazz-Szene auf eure Musik?
«Ich glaube, dass man merkt, dass ein sorgfältig erlerntes Handwerk dahintersteckt und wir auch improvisatorisch immer besser werden. Wir kennen uns in der Jazztradition aus, wollen dieses Erbe auch weitertragen und keine Grabschändung betreiben. Dies beeindruckt auch die ältere Generation.»
Euer Album erscheint wieder auf Sony Music Germany. In welchen Ländern?
«Schweiz, Deutschland, Österreich und Korea.»
Es wird auch in Korea released? Wieso das?
«Wir werden im Herbst in Schanghai spielen, da sind auch Konzerte in Japan und Korea geplant.»
Wie siehts allgemein mit Konzerten aus?
«Am Sonntag, 28. März, findet die Plattentaufe in einem schönen, alten Kino in Zürich statt. Danach gehts in die Westschweiz, nach Berlin, Schweden und Kanada.»
Du hast einen viermonatigen Aufenthalt in einem Atelier in New York gewonnen. Im Januar 2011 ist es so weit. Was hast du dir für die Zeit in New York vorgenommen?
«Ich war vergangenen Januar für einen Monat dort und werde so ziemlich dasselbe wieder tun: üben, Konzerte hören, Museumsbesuche vornehmen und auch Kontakte für unsere Band knüpfen.»
Ihr hattet schon mehrere erfolgreiche Auftritte in unserer Umgebung. Wann folgt der nächste?
«Wir sind da im Gespräch mit einigen Veranstaltern, gebucht ist aber noch nichts.»