Mit ziemlicher Sicherheit einst der Standort des «Freiherrenschlössli»: Der alte Pferdestall auf der Bergweid, auf dem Hügelzug zwischen Einsiedeln und Gross. Bild Franz Kälin

Mit ziemlicher Sicherheit einst der Standort des «Freiherrenschlössli»: Der alte Pferdestall auf der Bergweid, auf dem Hügelzug zwischen Einsiedeln und Gross. Bild Franz Kälin

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Wie der Friherrenberg zu seinem Namen kam

Der Friherrenberg, jener Hügel hinter dem Kloster, hiess nicht immer so. Wie er zu seinem Namen kam, hielt Pater Odilo Ringholz im Jahre 1904 für die Nachwelt fest.

Pater Odilo Ring­holz

Der spätere Stifts­ar­chivar kam 1852 als Emil Adolf in Baden-Baden (D) zur Welt. Nach dem Gymna­sium in Rastatt studierte er Theo­logie, Geschichte und Germa­nistik in Frei­burg im Breisgau und in Tübingen. 1879 trat er ins Bene­dik­ti­n­er­k­loster Einsiedeln ein, wo er 1881 zum Priester geweiht wurde. Von 1883 bis zu seinem Tod war er Stifts­ar­chivar, ab 1885 Exer­zi­ti­en­meister und 1887 päpstli­cher Notar. Bekannt ist Pater Odilo Ring­holz für seine verschie­denen wissen­schaft­li­chen Publi­ka­tionen wie zur Geschichte des Klos­ters Einsiedeln im Mittelalter, des Bene­dik­ti­ner­or­dens, der Inner­schweiz und Badens (D), zur Wall­fahrt und zur klöster­li­chen Vieh- und Pfer­de­zucht. Als Volks­mis­sionar war er auch Verfasser von Erbau­ungs­li­te­ratur. 1911 erhielt er von der Universität Frei­burg den Titel eines Ehren­dok­tors (Dr. h.c. theol.); 1919 vom Bezirk Einsiedeln und vom Kanton Schwyz die Ehrenbürger­schaft. Pater Odilo Ring­holz starb im September 1929 in Einsiedeln.

Einsiedeln

Wer heutzutage in Einsiedeln nach der Herkunft der Bezeichnung Friherrenberg fragt, erhält kaum die korrekte Antwort. Einer, der sich damit nicht zufriedengeben wollte, war Richard Schönbächler, Lokalhistoriker und Dokumentarfilmer («Das verborgene Dorf»). Als er zufälligerweise in einem Werbeprospekt auf Pater Odilo Ringholz' Artikel «Der Freiherrenberg bei Einsiedeln» stiess, erstand er das Heft antiquarisch. Dieses wurde 1904 als Sonderabdruck der «Mitteilungen des historischen Vereins des Kantons Schwyz» herausgegeben. Auf 14 Seiten fasste der damalige Stiftsarchivar Pater Odilo Ringholz (siehe Kasten) die wunderliche Geschichte zusammen.

Ein «Freiherr» und ein «Schlössli»

«Lange Zeit war mir der Name des Freiherrenberges, der das Stift und Oberdorf Einsiedeln im Süden begrenzt, ein Rätsel», beginnt Ringholz seine Ausführungen. Eine der Vermutungen, die ihm zu Ohren kamen, verwies auf einen «Freiherr», der beim Freiherrenberg ein «Schlössli» besessen haben soll. «Allein niemand konnte mir sagen, wer der Freiherr gewesen sei und wann er gelebt habe», resümierte der Benediktiner. Eine historisch derart versierte Person wie Pater Odilo konnte eine solche Sache aber nicht auf sich beruhen lassen. Um über «diese Frage ins Klare zu kommen, habe ich alles, was ich hierüber finden konnte, zusammengestellt und bin so in die Lage gekommen, eine, wie ich glaube, befriedigende Antwort geben zu können».

Adelsgeschlecht aus dem Elsass

Diesen Freiherr gab es tatsächlich. Er hiess Hans Jakob, Freiherr von Mörsperg und Beffort. Er stammte aus einer alten, angesehenen Familie. Mehrere Mitglieder dieses Geschlechtes waren Landvögte von Ober- und Unterelsass. Die Stammburg Mörsperg lag südlich von Ludendorf (Levoncourt) in Oberelsass, hart an der Schweizergrenze. Nachweislich war der Freiherrenberg (Friherrenberg) von spätestens 1565 bis 1572 in dessen Besitz. Erstmals sei ihm der Name Friherrenberg im Jahre 1567 begegnet, konnte Odilo Ringholz aufgrund seines Aktenstudiums nachweisen. Zuvor wurde der Hügel «Topels Berg» (1331), dann «Dopplersberg» genannt. Aufgrund seiner Nachforschungen konnte Pater Odilo nachweisen, wie aus dem «Doppelsberg» der Friherrenberg geworden ist. Für ihn war ersichtlich, dass der alte «Topels Berg» seinen neuen Namen erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erhalten hat – und zwar nach Hans Jakob, Freiherr von Mörsperg und Beffort. Dieser war damals in Einsiedeln «so gut und allgemein bekannt, dass er nur der ‹Fryherr› genannt wurde». Der neue Name sei zum Sammelname geworden für die einzelnen Teile des Höhenzuges, die früher Berg, Gotteshausberg, des gnädigen Herren Berg oder eben Doppels-Berg genannt wurden.

In Schwyz gefangen gehalten

Gemäss Ringholz scheint dieser Freiherr ein «guter, religiös gesinnter Herr gewesen zu sein, aber er war geistig nicht normal». So gab er sich für einen Propheten aus, der mit Gott selbst rede und Geheimnisse offenbare. Er berief sich dabei auf Wunder, die er später zu tun gedenke. Das Fass zum Überlaufen brachte eine von ihm verfasste Schrift, mit der er die Geistlichkeit gegen sich aufbrachte. Sie erkannten in ihm einen «übermütigen, hochfliegenden teuflischen Geist, da er sich mit Paulus und Bruder Klaus vergleiche». Wenn er denn weiterhin in der Eidgenossenschaft leben wolle, solle der Freiherr «die geistlichen und weltlichen Stände in Frieden lassen». Wahrscheinlich auf diese Anregung hin wurde der Freiherr in Schwyz gefangen gesetzt. Und zwar so lange, bis er seinen Irrtum einsehe und sich mit der Kirche wieder versöhne. Auf Intervention seiner Frau («eine Edle von Fridingen»), welche samt etlichen ihrer Kinder vor dem Rat zu Schwyz erschien, bat der Freiherr um Gnade, indem er seinen Irrtum eingestand und versprach, alles, was ihm auferlegt werde, annehmen zu wollen. Der Rat liess Gnade walten. «Dieses Urteil ist vollkommen zutreffend», ist bei Ringholz nachzulesen, «der Freiherr ist eben geisteskrank gewesen.»

Veräussert und Gegend verlassen 

Aus dem Kauf des Friherrenberges durch Abt Adam im Jahre 1572 folgert Pater Odilo, dass «der Freiherr zu dieser Zeit seinen in Einsiedeln gelegenen Grundbesitz veräussert und unsere Gegend verlassen hat». Über dessen weiteres Schicksal gibt die Broschüre jedoch keine Auskunft mehr.

Verborgene Schätze

Vergessen ging der Freiherr jedoch nicht. Allmählich bildete sich in Einsiedeln und Umgebung die Sage von verborgenen Schätzen auf dem Friherrenberg. Nicht wenige versuchten mit Grabungen ihr Glück; einige holten sich in Rapperswil gar geistlichen Segen für ihr Tun. Doch statt des erhofften Schatzes kam einzig eine «alte Latrinam» (Abtrittgrube) unter dem Mauerschutt hervor, wie 1679 im Kloster notiert wurde. Das Haus, das in einigen Quellen auch als «Schlösslein» bezeichnet wird, stand auf der Bergweid. Der exakte Ort liess sich 1904 aber nicht mehr genau bestimmen. «Hingegen bezeichnet die alte Überlieferung, wie sie besonders noch im Viertel Gross lebendig ist, die Stelle des jetzigen Pferdeweidstalles auf dem Friherrenberg als die des alten ‹Freiherrenschlössli›», schreibt Odilo. «Nach durchaus glaubwürdigen Angaben wurden noch vor zirka 30 Jahren beim Bau des jetzigen Pferdeweidstalls ziemlich ausgedehnte, feste Grundmauern und im Schutte Überreste von Ofenkacheln und Esslöffeln gefunden.

Schatzgräberei 

Ebenfalls hat sich die Kunde von Schatzgräberei, die an jener Stelle getrieben wurde, lebendig erhalten.» Daran, dass auf der Bergweid, dort wo der Weg aus dem Wald führt und den Blick auf Gross freigibt, Pferde weideten, kann sich Richard Schönbächler noch gut erinnern. «Das war bis vor etwa 50 Jahren der Fall», erzählt er. Und auch der Standort des alten Freiherrenhauses beim Stall ist für ihn nachvollziehbar. Und dort nach dem sagenumwobenen Schatz graben? «Nein, das mache ich sicher nicht…»