Die Pferde gaben ihr Bestes – doch das Fuhrwerk kam nicht vom Fleck. llustration Amy Bollag
Die Pferde gaben ihr Bestes – doch das Fuhrwerk kam nicht vom Fleck. llustration Amy Bollag
Die Erzählung «Geplagte Kreaturen» ist dem 1999 in Einsiedeln erschienenen Buch «Die Zeit angehalten» entnommen. Bild Archiv EA
Die Erzählung «Geplagte Kreaturen» ist dem 1999 in Einsiedeln erschienenen Buch «Die Zeit angehalten» entnommen. Bild Archiv EA

Kunst & Design

Geburtstags-Hommage für Amy Bollag

Gestern Montag, 12. Juli, ist Amy Bollag 97 Jahre alt geworden. Der legendäre Zeichner des Wisels war auch ein gefragter Autor.

Er hat ihn erfunden und jahrelang für den EA gezeichnet: Zwischen Januar 1984 und Dezember 2017 zeichnete Amy Bollag nicht weniger als 1650 Wisel für unsere Lokalzeitung. Damit dürfte das schlichte Einsiedler «Mannli» eine der langlebigsten Comic-Figuren der Schweizer Medienlandschaft sein. Dass Amy Bollag aber nicht nur zeichnen, sondern auch schreiben konnte, belegen seine fast zahllosen Erzählungen und Berichte. Dabei halfen ihm sein Tagebuch aus dem Aktivdienst und sein gutes Gedächtnis. Einige seiner Erinnerungen sind im Buch «Die Zeit angehalten» verewigt. Da Amy Bollag gestern Montag, 12. Juli, seinen 97. Geburtstag feiern konnte, veröffentlicht der EA für seinen langjährigen Wisel-Zeichner sowie für alle Leser und Leserinnen die von Amy Bollag aus seinem Buch ausgesuchte Geschichte «Geplagte Kreaturen».

«Geplagte Kreaturen»


«Dies ist keine spezifisch jüdische Geschichte. Geplagt werden Vierbeiner, und die können ja bekanntlich in keiner Art darüber berichten und sich beklagen. Es ist zum Teil eine Badener Geschichte, die aber überall hätte geschehen können. Fräulein Spengler, unsere Lehrerin der ersten Klasse im Jahre 1931, war lieb und verständnisvoll. Es kam einmal vor, dass wir auf dem Schulhausplatz turnten. Am Platz vorbei führt die breite, etwas ansteigende Strasse, die Richtung Zürich und Mellingen führt. Zu jener Zeit, da die Strasse doch recht anstieg, hatten viele Pferdefuhrwerke – Motorfahrzeuge gab es damals noch nicht so viele – Mühe, ihre Last zu schleppen. Doch mit einigem Drücken kamen doch alle durch – bis auf ein schweres Langholzfuhrwerk mit Zweiergespann. Die beiden Pferde konnten die Stämme bis kurz vor die Bahnlinie schleppen. Heute führt dort eine Strasse durch. Die Last wurde nun für die beiden Zugtiere zu schwer. Sie zerrten mit aller Kraft an den Strängen, aber umsonst, sie kamen nicht mehr weiter. Der Fuhrmann knallte fluchend und schreiend seine Peitsche den Pferden um die Beine. Funken stoben von den Pflastersteinen, da die Hufeisen auf diesem Untergrund keinen richtigen Halt finden konnten. Das Fuhrwerk kam trotz den dauernden Peitschenschlägen nicht vom Fleck. Für mich kleinen Jungen war es schrecklich, diesem Treiben zuzusehen und nichts machen zu können. Ich nahm mir ein Herz und bat Fräulein Spengler, einzuschreiten. Doch die Antwort war niederschmetternd. Wir sollten wegsehen. Noch heute sehe ich die beiden schweissnassen und zitternden Tiere vor mir. Sie kamen erst weiter, als ein zweites Pferdepaar vorgespannt wurde. Kurze Zeit später fiel mir ein Bierkutscher der Müllerbräu auf. Er fuhr einen einspännigen Eiswagen. Ein hoher Kastenwagen, der grosse und schwere Eisstangen zu den Häusern und Wohnungen brachte. Die Stangen waren für die Eiskästen bestimmt, die noch nicht elektrisch betrieben wurden. Vorgespannt war ein grosser, starker Brauner mit mächtigen, buschigen Beinen. Doch alle paar Minuten riss der Fuhrmann mit roher Kraft am Zügel. Ich lief nebenher, um zu sehen, ob er diese Plagerei dauernd praktiziere. Und wirklich, obwohl das Tier brav die schwere Last zog, riss dieser Quälgeist dem armen Tier das Maul wund. «Rissed Sie doch dem arme Ross ned’s Muul kabut», bat ich ihn. Vom hohen Bock kam die Antwort: «Das got dech än Dräck a, pass du lieber i dä Schuel uf!» Wieder konnte ich nicht helfen. Viel später, in den 50er-Jahren, war ich anlässlich meiner Hochzeit in Lissabon. Im Gegensatz zur Schweiz gab es dort noch viele Pferde- und Maultierwagen neben Autos und Lastwagen. So frisch verheiratet mit meiner ehemaligen Braut auf den sonnenüberfluteten Strassen dieser malerischen Stadt zu spazieren, was konnte es Schöneres geben. Und doch wurde ich unvermittelt an meine Badener Geschichten erinnert. Ein Fuhrmann auf einem schwerbeladenen Zweiradkarren schlug grausam auf sein stolperndes Maultier ein, das mit seiner Last auch nicht mehr weiterkam. Empört schrie ich auf schweizerdeutsch, in Ermangelung des Portugiesischen: «Du truurige Chaib, loss doch das arme Tier in Rueh!» Doch voll Angst zerrte mich meine Frau mit beiden Händen aus der Reichweite des peitschenden Unmenschen, denn den nächsten Schlag erwartete sie für mich. Als erwachsener Mensch hatte ich genauso wenig Macht wie als siebenjähriger Junge, eine Quälerei zu stoppen. Etwas tröstet mich heute, das Auto ist wenigstens der Messias für die Zugtiere geworden.»

Einsiedler Anzeiger / Victor Kälin

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Kunst & Design

Publiziert am

13.07.2021

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