Dies & Das
Aus dem Leben einer aussergewöhnlichen Frau
Andreas Alfred Meier aus Altendorf widmet sich seit zwölf Jahren einer Künstlerin, die hierzulande fast vergessen ging: Irmgard Burchard. Das Werk des Kunsthistorikers ist noch nicht vollbracht. Immer wieder entdeckt er Neues. Aber es sind vor allem zwei Gemälde, die fehlen. Eine Suche.
Das Treffen in Andreas Alfred Meiers Wohnung in Altendorf beginnt mit der grossen Eiche an der Seestrasse. Sie gehört zu seinen Lieblingsplätzen. Genauso wie die Kapelle St. Johann. Vor vielen Jahren drehte er dort einen halbstündigen Film: «Mittelalter im Kanton Schwyz». Meier erzählt, als wäre es gestern gewesen. Eine Hommage an die Region. Seine Beziehung zu Ausserschwyz begann 2003. Er leitete das Seedamm Kulturzentrum (heute Vögele Kultur Zentrum) in Pfäffikon. Bis 2008. Heuer war er an der 50-Jahr-Feier der Institution. Ein Ort, an den er gerne zurückkehrt. Viele schöne Erinnerungen.
Seine Absicht damals: «In meiner Ausstellungsprogrammation habe ich nach dem Tod von Charles Vögele versucht, seinen Geist mit thematischen und monografischen Ausstellungen weiterzuführen.» Seinerzeit gab es noch vier Ausstellungen pro Jahr. Zur Weiterentwicklung des Konzepts sagt er anerkennend: «Monika Vögele, die heutige Direktorin, hat über 15 Jahre konsequent ein neues Format entwickelt, das sich soziokulturellen und kulturphilosophischen Fragestellungen widmet.» Ein adäquates Ausstellungsangebot für die Region und darüber hinaus, wie er betont.
Eine aufwendige Recherche
An den Wänden in Altendorf hängen Gemälde der Schweizer Künstlerin Irmgard Burchard. Das ist kein Zufall. Meier beschäftigt sich seit zwölf Jahren mit der aussergewöhnlichen Frau, 1908 geboren, 1964 gestorben. Im Gespräch wird der grosse Rechercheaufwand deutlich, den Meier betreibt. Archive, Gespräche, Briefe, Literatur. Burchard war über die Jahre in Vergessenheit geraten. Soeben erlebe sie ein internationales Comeback, sagt Meier.
Er forschte in Archiven in Frankreich, der Schweiz, Italien. Wichtige Korrespondenz der Künstlerin tauchte im Schweizerischen Bundesarchiv in Bern auf. Ein bedeutendes Archiv mit umfangreichem Briefmaterial befindet sich in Moskau. Aus diesen Briefen geht unter anderem hervor, dass Burchard Hauptorganisatorin der Ausstellung «Twentieth Century German Art» in London 1938 gewesen ist. Drei Fünftel der präsentierten Werke stammten aus Fluchtgut, das sich in der Schweiz befand.
Das Faszinosum Irmgard Burchard
«Irmgard Burchard sagte immer, sie habe die Idee für diese Ausstellung gehabt. Und sie hat es durchgezogen.» Die Frau war bestens vernetzt, kannte die Grossen – Pablo Picasso, Paul Klee, Wassily Kandinsky. «Das war schon etwas Besonderes in dieser Zeit. Damals traute man Frauen noch nicht zu, dass sie so etwas überhaupt organisieren können.» So ordnet es Meier ein.
Er spricht über einige der Werke an den Wänden in Altendorf. Man spürt die Faszination. Seit Beginn seiner Arbeit stelle er sich aber auch diese eine Frage: Was taugt ihre Malerei? «Ich überprüfe die Qualität dieser Bilder sozusagen täglich und kann für mich sagen, dass viele ihrer Werke qualitativ bestehen und auch bei anderen Leuten eine positive Wirkung ha-ben. » Bei den kommenden Ausstellungen werde sich zeigen, wie heutige Betrachter das beurteilen.
Aber vielleicht ist es auch mehr die Frau, die fasziniert. Weniger ihre Kunst. Irmgard Burchard, die Vielgereiste, die bestens Vernetzte, die selbstbewusste Kommunikatorin. Die Frau, die so viel bewegte und doch so gar nicht in die Zeit passte. Der Kunsthistoriker spricht von dem Faszinosum dieser Person. Ihr Weg war weit. Sie ging ihn mit einer gewissen Leichtigkeit. 1941 ist sie von Zürich über Lissabon nach Rio de Janeiro geflüchtet. Wie Burchard sich bei ihrer Flucht vor den Nazis nach Brasilien durchgeschlagen hat und in Rio de Janeiro zur Malerin mit einer viel beachteten Ausstellung wurde, fasziniert nicht nur Meier. «Im Moment schreibt die Forscherin Nerian Teixeira in Sao Paulo eine Doktorarbeit zum Thema. In Paris ist es die Kunstsoziologin Nadine Atallah, die sich mit Burchard beschäftigt. » 1951 kam die Malerin schliesslich nach Kairo. Und bald schon führte sie eine Delegation von 27 ägyptischen Künstlern an die Biennale in São Paulo. Diese fand vom 15. Dezember 1953 bis zum 28.Februar 1954 statt. «Deshalb ging sie in Ägypten bis heute nicht vergessen.» Erst kürzlich habe er eine Anfrage aus dem Land bekommen. «Weil 2027 eine Ausstellung in Doha gezeigt wird. Dort wird nach ihr gefragt.» Und das ist nur ein kleiner Auszug aus einer umfangreichen Lebensgeschichte.
Schwierige Kindheit und Jugend
Meier zeigt auf ein Bild. Das Porträt eines blinden Mannes. «Sie war eine unglaublich empathische Person. Ein Hauptmotiv ihrer Malerei war Mitgefühl. » Mit Flüchtlingen, Waisenkindern, kurz: Menschen, die die Härten des Lebens kennen. In Brasilien war es ein durchgehendes Thema der Künstlerin. Das hat auch biografische Gründe. Ihre Mutter hatte sie verlassen, als sie drei Jahre alt war. «Sie blieb beim Vater. Und musste sich mit einer Stiefmutter herumschlagen. Ihre Kindheit und Jugend waren vermutlich höchst traumatisierend», erzählt Meier. Mutter- Kind-Situationen waren ein Thema, das Burchard immer wieder aufgriff.
Die zwei verschollenen Porträts
Die Forschungen des Kunsthistorikers Meier sind noch lange nicht am Ende. Sein Ziel ist es, weitere Originale Burchards zu finden, die es in der Region um den Zürichsee geben könnte. «Da sie in den 1950er-Jahren mehrere Ausstellungen in Zürich und Bad Ragaz gehabt hat, vermuten wir, dass auch in unserer Gegend Bilder auftauchen könnten.» Es sind zwei Werke, die Meier speziell interessieren. Porträts. Das eine zeigt die Kabarettistin und Flugpionierin Elsie Attenhofer, vermutlich 1955 gemalt. Das andere ist ein Porträt von Marc Chagall, dem sie 1947 in Paris begegnet war. Gesehen hat Meier diese Werke noch nie. Er habe keine Vorstellung, wie sie aussehen. Aber er weiss, dass es sie gibt. «Würden diese Bilder auftauchen, wäre das eine Sensation.» Deshalb ruft er auf, sich zu melden, wenn man eines der besagten Bilder oder auch ein anderes Werk von Burchard findet (siehe Kasten). Um Profit gehe es dabei übrigens nicht. «Das ist auch nicht unser Ziel», betont der Kunsthistoriker. Ihm geht es um die Chance auf eine gewisse Wieder-, in der Schweiz sogar Erstentdeckung. «Weil man sie damals nicht ernst genommen hatte.» In Ägypten erschienen nach ihrem Tod vier grosse Nachrufe. In der Schweiz nicht. Manchmal sagt ein Detail alles.
Frau Burchard in Paris
Über eine Begegnung mit Irmgard Burchard, «einer so faszinierenden Frau, die zur Generation meiner Mutter gehörte», wie Andreas Meier sagt, hat er schon mal nachgedacht. Was, wenn er sie anfangs der 1950er-Jahre auf der Strasse in Paris beim Malen angetroffen hätte? «Um ins Gespräch zu kommen, hätte ich ihr wohl kurz gesagt: ‹Schauen Sie dieses reizende Kind, das müssten Sie doch im Bilde festhalten.› Und wenn sie dann positiv darauf reagiert hätte: ‹Vielleicht zeigen Sie mir dieses Werk, wenn es vollendet ist.›»
Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Michel Wassner
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