Lachen, Judith Kellers Geburtsort, spielt in «Die Fragwürdigen» eine übergeordnete Rolle: «Man weiss bei den Texten nie so genau, ob man darüber lachen soll oder nicht. Dieses Gefühl habe ich oft beim Schreiben.» Bild Anouk Arbenz
Lachen, Judith Kellers Geburtsort, spielt in «Die Fragwürdigen» eine übergeordnete Rolle: «Man weiss bei den Texten nie so genau, ob man darüber lachen soll oder nicht. Dieses Gefühl habe ich oft beim Schreiben.» Bild Anouk Arbenz

Literatur

«Ich liebe es, mich zu verunsichern»

Im Herbst 2017 hat die in Altendorf aufgewachsene Autorin Judith Keller ihr Buch «Die Fragwürdigen» herausgebracht, das für Furore sorgte. Nun hat sie für ihr Werk einen Anerkennungspreis von der Fachstelle Kultur des Kantons Zürich erhalten.

Mit Judith Keller sprach Anouk Arbenz


Anouk Arbenz: Erst einmal Gratulation zu Ihrem Preis! Hatten Sie damit gerechnet?


Judith Keller: Nein,überhaupt nicht. Ich wusste nicht einmal, dass der Kanton Zürich einen solchen Preis vergibt. Zeitgleich hatte ich mich beim Kanton Zürich sowie bei Pro Helvetia für einen Werkbeitrag beworben. Letztere sprach mir diesen zu, vom Kanton Zürich erhielt ich eine Absage. Nachdem ich den Brief mit der Abfuhr von Zürich erhalten hatte, war ich verwirrt, als wieder ein Couvert mit Absender Kanton Zürich in meinem Briefkasten lag. Ich dachte,sie hätten mir die Absage versehentlich zweimal geschickt. Das war also eine schöne Überraschung.


Was haben Sie mit den 10 000 Franken vor?


Von diesem Geld werde ich – einfach gesagt – leben. Konkret heisst das: Miete, Steuern und Versicherungen bezahlen. Das Geld möchte ich aber eigentlich vor allem fürs Schreiben verwenden. Vielleicht bleibt ja noch etwas übrig für eine kleine Reise.


Sind Sie hauptberuflich Autorin?


Nein, ich studiere zurzeit Germanistik an der Universität Zürich. Nebenbei gebe ich auch Deutschkurse für Erwachsene an einer Sprachschule. Was neben dem Schreiben manchmal fast schon zu viel ist, aber ich mache es sehr gerne.


Haben Sie schon immer gewusst, dass Sie das Schreiben zum Beruf machen möchten?


Es hat mich immer schon zum Schreiben hingezogen. Ich weiss nicht, ob ich das Schreiben bereits als mein Beruf bezeichnen kann. Wenn man davon leben will, muss man sehr viel schreiben und alle zwei Jahre ein Buch veröffentlichen, das sich gut verkauft. Das gelingt den Allerwenigsten. Entweder man erfüllt ein bestimmtes Schema eines Buches oder man will wirklich etwas machen, das mit einem selbst zu tun hat. An einem solchen Buch kann man schnell mehrere Jahre schreiben, muss aber finanziell vor allem selber dafür aufkommen.


Ist das bei Ihnen der Fall?


Es gibt einen Text,an dem ich fünf Jahre geschrieben habe. Ob dieser jemals veröffentlicht wird, weiss ich nicht.


Was braucht es, um in diesem Beruf erfolgreich zu sein?


Das kommt darauf an, was man als Erfolg betrachtet. Will man eine Bestseller-Autorin werden, braucht es sicherlich die Fähigkeit, sich an die Formen anzupassen, die zum Zeitpunkt gerade gefragt sind. Viele Bestseller sind Liebesgeschichten oder Krimis. Natürlich gibt es auch Leute, die gerne etwas lesen, auch wenn es kein Bestseller ist – oder gerade weil es kein Bestseller ist. Man erreicht vielleicht Leute, von denen man nie geglaubt hätte, dass man sie erreichen kann. Das ist auch eine Art von Erfolg,auch wenn es nicht gross in der Kasse klingelt.


Welche Kritik zu Ihrem Debüt «Die Fragwürdigen» hat Sie besonders überrascht?


Besonders erstaunt hat mich eine Rezension in der deutschen Satire-Zeitschrift «Titanic». Überrascht und sehr gefreut hat es mich auch, dass eine Rezension in der Süddeutschen Zeitung erschien, die dem Buch viel genützt hat.Und als ich eines Tages am Kochen war, hörte ich per Zufall den Beitrag im Schweizer Radio zum Buch. Das war schon ein besonderes Gefühl.


Was war das erinnerungswürdigste Feedback Ihrer Leser, das Sie bis jetzt erhalten haben?


Nach meiner Lesung in Solothurn wandten sich drei ältere Damen an mich und erzählten mir, dass sie in Zürich lebten und extra wegen mir nach Solothurn gekommen seien. Sie hätten das Buch in ihrem Lesezirkel gelesen und auf den kurzen Text «Rüdiger» («Rüdiger weiss nicht, was er mit sich anfangen soll. Hat jemand eine Idee?»), Antworten mit Vorschlägen an Rüdiger geschrieben. Die Texte haben sie mir dann noch geschickt. Das hat mich sehr gefreut. Ich hatte das Gefühl, dass Rüdiger sein Buch verlassen hat.


Haben Sie immer nur kurze Texte geschrieben?


Vor allem, ja. Ich konnte gar nicht anders. Ich versuche immer eine Formel zu finden für ein bestimmtes Verhältnis der Menschen zur Welt oder der Menschen untereinander. Aber es gibt auch ein paar längere Texte im Buch. Oft wollte ich eigentlich einen langen Text schreiben, Spannung aufbauen etc., aber dann hatte ich doch immer wieder Lust, alles auf wenige Sätze zu reduzieren. Ich glaube ja, dass die grösste Arbeit die Leser machen müssen. Je weniger da steht, desto mehr werden wir als Leser angeregt, selbst und zwar lesend den Text zu «schreiben», der mit uns zu tun hat.


Wenige Autoren schreiben kurze Texte. Woran liegt das?


Viele Verlage lehnen Kurztexte prinzipiell ab, weil sie nicht glauben, dass sie sich verkaufen lassen. Schon Gedichte oder Erzählungen zu verkaufen, ist nicht einfach. Da sind Kurztexte, von denen man gar nicht genau weiss, wie sie heissen – Miniaturen? Kürzesttexte? Kurzprosa? – noch schwerer an den Mann oder die Frau zubringen.


Arbeiten Sie schon an Ihrem nächsten Buch? Kann man da schon etwas verraten?


Ja. Ich schreibe an einem längeren Text, der in Zürich spielt. Schwäne werden dabei eine wichtige Rolle spielen.


Nicht in Altendorf?


(Lacht). Als ich vorhin im Zug sass und an Altendorf vorbeifuhr, dachte ich mir tatsächlich: Eigentlich könnten die Hauptpersonen im Text einen Abstecher nach Altendorf und Lachen machen. Lachen spielt ja auch schon eine Rolle in «Die Fragwürdigen». Im Nachwort steht ungefähr: «Die Autorin wohnt in Altendorf, wo man vor Lachen aussteigen muss.» Das bezieht sich auch auf das Buch. Man weiss nie genau, ob man lachen soll oder nicht, man ist immer kurz davor. Oder man muss vielleicht gerade deswegen lachen, weil man nicht weiss, ob man lachen darf. Dieses Gefühl habe ich oft beim Schreiben. Es ist manchmal sehr lustig und dann gleich wieder nicht.


Was lieben Sie am Schreiben?


Wenn mich etwas beschäftigt, ich es aufschreibe und es dann eine andere Wendung nimmt, habe ich das Gefühl, eine neue Erkenntnis gewonnen zu haben. Ich versuche etwas unter Kontrolle zu bekommen und verliere sie dabei gleichzeitig, weil sich die Sprache verselbstständigt. Ein Beispiel: Ich las irgendwo in der Zeitung den Ausdruck «Einer Arbeit nachgehen» und dachte dann darüber nach, was das heisst. Daraus ergab sich der Anfang des Textes «Arbeit». «Anatol war arbeitslos. Er geht jetzt einer Arbeit nach. Sie geht ungerührt durch die Tage, er hinterher.» Der erste Satz wird jeweils zur Bedingung des zweiten Satzes usw.


Lieben Sie auch deshalb kurze Texte – weil durch die Reduktion die Kreativität angeregt wird?


Genau. Ich will während des Schreibens etwas herausfinden, aber dann so aufhören, dass es wieder eine Öffnung gibt. Ich will am Schluss keine Antwort haben. Ich liebe es, mich zu verunsichern. Dafür ist das Schreiben hilfreich.


Würden Sie sich als gute Menschenkennerin bezeichnen?


Ich weiss nicht (überlegt). Ich glaube, ich betrachte die Menschen gerne von aussen. Wenn ich über sie schreibe, möchte ich aber, dass klar ist, dass es sich um eine Perspektive handelt, es muss auch gar nicht unbedingt meine sein. Es geht in den Texten also nicht um die Person selber, sondern um den Blick, den jemand anderes oder die Sprache selbst auf diese Person wirft.


Dann gibt es keinen allwissenden Erzähler?


«Es gibt immer einen Rücken einer Person, den man nicht sieht», sagt ungefähr der Literaturtheoretiker Michael Michailovic Bachtin.


Unterscheidet gerade dies Ihre Texte von anderen?


Vielleicht. Ich finde, man kann auch in einer allwissenden Perspektive schreiben, wenn man gleichzeitig weiss, dass man sie nicht hat. Ich versuche, es umgekehrt zu machen: Statt Dinge zu wissen, Dinge nicht mehr zu wissen. Statt sicher zu sein, unsicher zu werden. Ich plädiere für die Unsicherheit.


 




Judith Keller persönlich:


Geburtsdatum: 21.11.1985 / Herkunft: Altendorf / Wohnort: Zürich / Studium: Literarisches Schreiben in Leipzig und Biel sowie Deutsch als Fremdsprache in Berlin und Bogotá, derzeit Germanistik an der Universität Zürich


Literaturpreise: New German Fiction Prize (2014), Anerkennungspreis der Stadt Zürich (2017) und des Kantons Zürich (2018).


 


Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Anouk Arbenz

Autor

Höfner Volksblatt & March Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

21.08.2018

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schwyzkultur.ch/kRbEgT