Bühne

Es stimmt absolut: «Don’t miss this Swiss Miss»

Der Theaterverein Avantt begeistert mit einer grandiosen Uraufführung der Hommage an das Dächli Leni, den Showstar Syra Marty.

Irgendwie lag es längst in der Luft. Nach dem 2009 mit viel Recherche produzierten Dokumentarfilm «Syra – Dächli Leni Goes to Hollywood» von Roger Bürgler wartete diese faszinierende Biografie nur noch darauf, den Weg auf die Bühne zu finden. Das haben die Theaterpädagogin Daniela Schnider, Thalwil, und die Goldauer Schauspielerin Jacqueline Beutler nun getan, zusammen mit dem Ensemble aus dem Theaterverein Avantt und geschickt eingebettet ins 175-Jahr-Jubiläum der Theatergesellschaft Arth.

Gezeigt wird in dieser Eigenproduktion die fast unglaubliche Karriere einer Goldauerin, die von der Rigi herunterkam und letztlich das glitzernde Hollywood eroberte. Basis für das Drehbuch bildete logischerweise die Dokumentation von Roger Bürgler, ergänzt durch zusätzliche Recherchen. Wie die Inszenierung zeigte, hatte der 2012 erschienene Roman von Margrit Schriber über «Syra, die Stripperin» wenig bis keinen Einfluss – er lag zu weit von der wirklichen Biografie entfernt.

 

Im Dorf verfemt, aber heimlich verehrt

Die mit der Uraufführung am letzten Freitag präsentierte Inszenierung kommt als «musikalisches Theaterstück» daher. Die Handlung ist chronologisch aufgebaut, startet mit einem überraschenden Intro und führt dann vom Berggasthaus Rigi Dächli über die Arbeit bei «fürnehmeren» Leuten in Steinen, den Servierjob in Zürich, den ersten Kontakt mit der Bühne, die Kurse bei einer Tanzlehrerin und schliesslich die Entdeckung als eigentlicher Star bis nach Hollywood und in die Welt. Die Handlung hat Schwung, läuft logisch ab und zeigt immer wieder die kulturellen Unterschiede auf. In Goldau wird die blond gefärbte Tänzerin als Vamp von der Öffentlichkeit verfemt, von der Mutter abgelehnt, von den Männern heimlich und unheimlich verehrt. In Los Angeles hiess es: «Don’t miss this Swiss Miss.» Gregory Peck und Dean Martin lagen ihr zu Füssen. Sie sei die schönste Schauspielerin seit Greta Garbo, so die Komplimente.

Gerade die Schilderung dieses bigott-konservativen Umfelds und auf der anderen Seite der Mut zur Selbstständigkeit gelingt der Regie sehr gut. Bei der Beichtszene etwa fragen sich alle unweigerlich, was denn das damals überhaupt hätte sein sollen. Auch die Milieuschilderung in der Küche des Dächli-Restaurants kommt in voller Wucht herüber: Da gibt es nur Gumel, die zu schälen sind, und Wäsche, die zu reinigen ist.

Einige Szenen gelingen absolut grandios: zum Beispiel, wie Jacqueline Beutler die Mutter Marty resolut wie ein Feldweibel der Familie spielt. Oder wie Petra Zurfluh als Syras Schwester mit ungelenken Übungen aus der Hüfte und geschürztem Rock ebenfalls versucht, wie man Männer bezirzen könnte. Denis Maurer überzeugt als unheimlicher Verehrer «seiner» Syra. Er hat die Schlagzeilen der Weltpresse und der Plakate gesammelt und zeigt im Stück, was diese Magdalena Marty in der Showszene erreicht hat. Auf Vorwürfe, das sei doch was für «Glüschtler», kontert er einfach mit seiner Überzeugung: «Das isch Kunscht.» Die zweite Männerrolle, Beda Planzer, spielt einerseits den Bauernrüpel Märtel sehr burschikos, aber vor allem den Pfarrer in einer schon damals heuchlerischen Lebenswelt grandios.

 

Fast wie die echte Syra

Noch etwas ist geradezu erschreckend aufgefallen: Beim ersten Auftritt von Janine Imholz als junge Leni kommt sie von der Figur, der Maske, der Choreografie und der Mimik so überzeugend daher, wie die echte Syra auf den Plakaten und Bildern in Erinnerung geblieben ist. Dächli Leni live in Arth? Das Bühnenbild ist mit schlichten, mobilen Elementen gut strukturiert. Schon einfache Requisiten deuten sofort an, wo die Szene spielt.

 

Livemusik spielt Beul und Andersen

Daniela Schnider hat das doch anspruchsvolle Thema sehr gekonnt auf die Bretter gebracht. Emotion ist zu fühlen, der Mut und auch die Naivität der jungen Leni kommen überzeugend rüber, ebenso ihre Auseinandersetzung mit ihrer alten Welt an der Rigi. Verstärkt wird das Schauspiel durch die Arrangements von David Bürgler für das vierköpfige Live-Orchester (Sämi Rohrer, Toni Bürgler, Megi Cecer-Togan, Tom Ions). Es ist ebenfalls auf der Bühne platziert, dezent im Hintergrund, aber sichtbar. Gespielt werden etwa Melodien von Artur Beul («Margritli», «Am Himmel stahd es Stärnli ds Nacht») oder von Lale Andersen («Lili Marleen»). Auch die US-Nationalhymne wird angedeutet, und fühlbar wird ein Grundteppich für die Choreografie und die Stimmung gelegt. Die Tanzeinlagen sind dosiert, die Choreografie von Kerstin Tresch findet in Janine Imholz eine sehr gute Danseuse.

Im Finale treten alle drei Syras auf, natürlich mit den unvermeidlichen Federfächern. Gut eingespielt nach wiederholtem Szenenapplaus, brach es nun erst recht begeistert aus dem Publikum heraus. Die Standing Ovations waren wuchtig. Die Goldauer dürfen stolz sein auf ihr Leni, die Zuschauer erlebten einen wahren Genuss, und das Dächli-Leni wird irgendwo da oben auf einer Show-Wolke seine Freude daran haben.

 

Fünf Personen spielen 14 Rollen

Eine zentrale Schwierigkeit hätte sein können, wie aus dem Leni als Landei die glitzernde Syra wird, ein Sprung über dreissig Jahre hinweg. Gelöst wird dies clever mit der Aufsplittung der Figur. Das Dächli Leni wird wechselnd sowohl von Janine Imholz, Petra Zurfluh als auch Jacqueline Beutler gespielt. Der Übergang wird jeweils geschickt mit der Weitergabe von Requisiten angedeutet. Es entsteht nie Unsicherheit, wer nun Leni ist. Dies bedingt Kostümwechsel in grossem Tempo. Selina Wipfli von der Kostümerei musste da für schnelle Wechsel massschneidern. Grosse Fülle erreicht die Inszenierung, indem dieses Schauspielerinnen-Trio mehrere Rollen spielt, Zurfluh sogar vier verschiedene. Auch die beiden Darsteller agieren in den Männerrollen multifunktional: Beda Planzer als Märtel, Pfarrer, Joe und Walti, Denis Maurer als Köbi und als Billy Frick, der Entdecker, Impresario und Manager von Syra. 

 

Bote der Urschweiz / Josias Clavadetscher

Autor

Bote der Urschweiz

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Publiziert am

15.06.2026

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