Beeindruckende schauspielerische Leistungen: (von links) Haschi Annen (Trütsch), Guido Infanger (Peter Sigwart), Anja Kürsin (La Contessa di Caraliano), Ruth Mettler (Frau Hahn), Jerry Duss (Monsieur Jovanique) und Fredy Schuler (Herr Hahn).
Beeindruckende schauspielerische Leistungen: (von links) Haschi Annen (Trütsch), Guido Infanger (Peter Sigwart), Anja Kürsin (La Contessa di Caraliano), Ruth Mettler (Frau Hahn), Jerry Duss (Monsieur Jovanique) und Fredy Schuler (Herr Hahn).
Grand Hotel Excelsior: Perfektes Theater - 1

Bühne

Grand Hotel Excelsior: Perfektes Theater

Ein innerschweizerisches Theaterereignis im Hotel Bellevue, Brunnen – es war in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Masslos beschönigend wird man sie später als die «Golden Twenties» bejubeln. Dennoch: Der weiterschwelende Brandgeruch des Ersten Weltkriegs war noch immer allgegenwärtig und verlangte nach einer Deutung.

Einem gelang sie. Das Buch zündete denn auch wie ein Blitzschlag in die dunkel dahindämmernde Ratlosigkeit. 1924 erschien Thomas Manns «Zauberberg», dem Meinrad Inglin «mit der Gewalt einer Zwangsvorstellung» (an Bettina 1. 1. 1925) erlag und ihn gebieterisch nach einer eigenen Variante suchen liess. Deshalb steht in seinem 1928 erschienenen Roman «Grand Hotel Excelsior» Brunnen statt Davos, ein Hotel anstelle eines Lungensanatoriums. Und doch: Gehustet wird auch im «Excelsior» – und wie.

Meinrad Inglins Konflikt

Entstanden ist das Werk eines Schriftstellers, der die Hotelwelt vom Tellerwäscher bis zur Direktion genau kannte. Deshalb die vielen unvergesslich präzis geschriebenen Szenen, die Atmosphäre von Luxus, Hochstapelei, Erotik und tiefer sitzenden Schwulitäten, dazu die hierarchisch scharf getrennte Gegenüberstellung des Personals zur rein kapitalistisch orientierten Luxusgesellschaft, die sich ein Leben im Grand Hotel erlauben kann. Später erkannte Inglin die unbeweglich fixierte Künstlichkeit der extrem polarisierenden Ideologien seiner Protagonisten und andere motivisch bedingte Schwächen. Der Roman wird denn auch in Inglins Testament, zusammen mit «Wendel von Euw», «als nicht mehr zu seinem Werk gehörig bezeichnet» (Beatrice von Matt: «Meinrad Inglin» S. 143).

Gisela Widmer gelingt Kunststück

Vor diesem Hintergrund gilt es, die Leistung der Autorin Gisela Widmer hervorzuheben. Sie stand vor der schwierigen Aufgabe, die weitverzweigte, von vielen Personen und Reflexionen befrachtete Romanvorlage neu zu schreiben und in die Spielbarkeit eines Bühnengeschehens umzusetzen. Dass dabei wichtige Personen wie Johanna fehlen, trägt anderseits wesentlich dazu bei, das Handlungspotenzial zu steigern. Denn die Spannung wird vor allem durch schlagfertig und präzis geführte Dialoge und kontrastbewusste Charakterisierung der bunt zusammengesetzten Gesellschaft realisiert. Es sind nicht Akte, sondern einander zugeordneteBühnentableaus, die durch ihre durchdachte Ausstattung (Ruth Mächler), gekonnt eingesetzte Videos (Valentina- Maria Mächler), abgestimmte Musik (Carlo Gamma und Christian Wallner) und virtuoses Lichtdesign (Beat Auer) die Spannung steigern.

Annette Windlins Kunst der Regie

Annette Windlins Regie ist eine zu Recht bejubelte Meisterleistung. Bewundernswert, wie die innerschweizerische Kulturpreisträgerin die differenziert aufgefächerten Ansprüche der Textvorlage ins visuell packende Bühnengeschehen umsetzt; vom fast wortlos verknappten Dialog bis zu entfesselten Chaos- und Massenszenen, vom hell bewussten Ausreizen des Bühnenraums bis zum offenen Schluss, der bewusst die im Spiel nicht ganz gelösten Fragen einem begeistert mitgehenden Publikum weitergibt.

Bewundernswertes Ensemble

Was die mit spürbarer Begeisterung spielenden Akteure betrifft, so überzeugt diese für die innerschweizerische Theaterszene ausserordentliche Aufführung vor allem als Leistung des gesamten Theater-Ensembles. Wir müssten hier jede – selbst die kleinste Rolle – erwähnen. Nichts, aber wirklich auch gar nichts fiel auch nur einmal unter das unwahrscheinlich hoch gesetzte Niveau der Gesamtinszenierung. Alle Involvierten waren mitgemeint, als ein ebenso ergriffenes wie begeistertes Publikum der Autorin, der Regisseurin und der umsichtigen Produktionsleiterin Heidy Weber-Wiget mit lang anhaltendem Applaus für einen unvergesslichen Theaterabend dankte.



Weitere Infos

- www.grand-hotel-excelsior.ch
Bote der Urschweiz

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

04.10.2010

Webcode

schwyzkultur.ch/wSMcDf