Die goldgelockte Schar der himmlischen Engel: Sie verfolgen und kommentieren mit Sorge das Tun der Menschen auf der Erde. Bilder Silvia Camenzind
Die goldgelockte Schar der himmlischen Engel: Sie verfolgen und kommentieren mit Sorge das Tun der Menschen auf der Erde. Bilder Silvia Camenzind

Bühne

Im Himmel wirds echt teuflisch

Ein Theaterraum wie eine Kathedrale, ein aberwitziger Pakt des Himmels mit dem Teufel und eine brisante Thematik, die schonend in Ironie gehüllt wird. «Big Bang» ist unterhaltsam, witzig und sprengt etliche Theatergrenzen.

Die Inszenierung «Big Bang» nennt sich selberein «grandioses Spektakel». Zutreffend, denn es ist mehr als «nur» Theater, weil es räumlich Grenzen sprengt, ungewöhnliche Dimensionen ausfüllt und als eine multitheatrale Art von Schauspiel, Musik, Akrobatik, Choreografie, Video und Projektion den Zuschauer ohne Unterbruch in den Bann zieht. Nach monatelangen Proben und Aufbau war am letzten Freitag Premiere. Das Spektakel ist nun öffentlich, bis Mitte Oktober wird gespielt, rund 7000 Zuschauer werden erwartet. Vorschusslorbeeren sind bereits eingefahren worden, besonders die TV-Präsenz war in den letzten Wochen beachtlich gross.

Teuflisch-himmlischer Pakt

Dramaturgisch setzt das Stück in der aktuellen Realität an und gerät damit (zufällig) auch in die Nähe des diesjährigen Welttheaters. Nur wird die Thematik hier ganz anders abgehandelt. Der Mensch versucht sich an der Schöpfung, ist dem Urknall auf der Spur und dem Davor. Ein gelangweilt satter Gottvater will nicht eingreifen, während sein Team verzweifelt und nicht sicher ist, ob der Himmelsthron bereits wackelt oder nicht. DerTeufel solls darum richten, wenn schon der Mensch «auf Teufel komm raus» alle Grenzen austestet. In dieser Auseinandersetzung steckt die begeisternde Stärke des Stücks. Ein himmlisch-höllisches Spiel, das mit Ironie und Satire gespickt ist. Etwa wenn Jesus – für Maria «der Bueb» – ständig mit dem Handy auf Wikipedia rumsurft oder sich beklagt, «mid mier redt ja niemert». Oder wenn die Schar der Engel die Zehn Gebote im Marschtempo durchsingt. In diesen Szenen werden viele Alltagszitate plötzlich real: Sie machen alles, was Gott verboten hat, «ich ha nid, der ander hed au». Oder satirisch wirds, wenn Gottvater die Schöpfung des Menschen so qualifiziert, dass es «nid die bescht Idee» gewesen sei. Diese Satire wird trotzdem nie blasphemisch, eher wird es mit dem Verlauf des Geschehens plötzlich beklemmend ernst: Genmanipulation, Krieg und Folter, Schönheitswahn, Brutalität undin wahnwitzigen Cern-Szenen die Hybris, wenn der Mensch Schöpfer sein will.

Die ganze Halle als Bühne

Fantastisch ist, wie die Regie der 100 Meter langen Halle nicht ein Bühnenbild verpasst hat, sondern die Halle selber als Schauplatz nimmt, der sich immer weiter in die Tiefe entwickelt. Die Kostüme sind grandios, unaufdringlich gut, demontieren mit Augenzwinkern auch die lieblichen Engelsbildchen und Teufels-Clichés und werden in den Cern-Szenen abstrakt. Das Ensemble hat einige Schwierigkeiten zu meistern: grosse Distanzen und Höhenmeter, Kostümwechsel, die Präzision der Einsätze. Die spürbare Nervosität an der Premiere wird sich legen. Damit können die Auftritte des Chors noch präziser, verständlicher werden. Auch an zwei drei der verstärkten Sprechrollen und am Tempo wird die Technik noch zum Fein-Tuning ansetzen.

Nur mit Humor zu ertragen

Was würden Gottvater oder der Teufel wohl zu dieser Inszenierung sagen? Beide würden zustimmen, dass der Mensch da an seinen Grenzen endzeitlich herumlaboriert; zur Sorge des einen, zur Freude des andern. Windlin und der Text lassen aber alles trotzdem nicht in der Apokalypse, dem Weltuntergang, enden, was man ja durchaus könnte. Der theatralische Trick: Das Stück lässt nochmals einen Big Bang los, ironisch mit Adam und Eva auf dem wattierten Bett. Der Kreis schliesst sich und beantwortet die Frage so, dass man die Menschen eigentlich nur mit Humor und Satire ertragen kann. Und dass nie alle Fragen beantwortet sein werden.

Infos / Tickets

www.bigbang.ch

Bote der Urschweiz

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

26.08.2013

Webcode

schwyzkultur.ch/kXsTJr