Betrunkene erzählen die Wahrheit: Im Rausch verriet Zumtor (rechts im Bild) Reinacher, dass ihr Schlüssel ein Passepartout für die Briefkästen aller Hausbewohner sei. Bild Nadja Tratschin
Betrunkene erzählen die Wahrheit: Im Rausch verriet Zumtor (rechts im Bild) Reinacher, dass ihr Schlüssel ein Passepartout für die Briefkästen aller Hausbewohner sei. Bild Nadja Tratschin

Bühne

Mehr als die Nachbarschaft erträgt

Mit dem Theaterstück «Ding Dong», das die Brunner Autorin Martina Clavadetscher geschrieben hatte und erstmals 2009 in Luzern uraufgeführt wurde, lockte Kultur Brunnen am Samstagabend über 100 Gäste in die Aula. Zugleich witzige und tragisch komische Szenen aus dem Alltag entführten die Zuschauer während 90 Minuten in die ironische Welt zweier Nachbarinnen.

Noch lange nach dem letzten Applaus hallte da und dort Gelächter der Zuschauer in der Aula nach. Amüsiert erinnerten sich die Gäste im Gespräch an eben gesehene und gehörte witzige Augenblicke. «Ding Dong», das Theater zwischen zwei Nachbarinnen im Treppenhaus, war von der ersten bis zur Schlussszene purer Kitzel für die Nerven und Aerobic für die Lachmuskeln. Kein Moment war langweilig, kein Übergang blieb ohne die Frage im Kopf: «Und was für eine ulkige Idee oder für ein kecker Spruch haben Frau Zumtor oder Frau Reinacher wohl als Nächstes auf Lager?» Das Stück spielte inmitten des Treppenhaus-Alltags der beiden Nachbarinnen Frau Zumtor, gespielt von Bruna Guerriero, und Frau Reinacher, gespielt von Bettina Inderbitzin.

Ein Fall für die Nachbarschaftshilfe

Frau Zumtor, eine knapp 152 Zentimeter grosse, schmuddelige, chaotische Sammlerin, und Frau Reinacher, eine 180 Zentimeter grosse, verklemmte, notorisch saubere Perfektionistin, beobachteten und belauschten sich seit Jahren gegenseitig und glaubten, alles voneinander zu wissen. Reinacher horchte an der Tür, wenn Zumtors Anrufbeantworter ertönte, den sie selbst mit einer Nachricht für Oliver besprach, wenn sie zehn Minuten in die Waschküche ging oder Zumtors stinkende Stiefel mit Duftspray besprühte, über die sie jeden Tag im Treppenhaus stolperte. Zumtor klebte Reinacher dafür tagtäglich einen Notizzettel mit einem Kochrezept an die Türfalle und stellte ihr stapelweise leere Joghurtbecher vor die Tür, weil sie glaubte, Reinacher sammle diese. Das gegenseitige Katz-und-Maus-Spiel ging so lange gut, bis die beiden Frauen im Treppenhaus aneinandergerieten. Daraufhin drohte beiden die Kündigung. Mit einem ersten persönlichen Ding Dong an die Tür ihrer Nachbarin holte Reinacher Zumtor ins Treppenhaus hinaus. Dort mussten die beiden Nachbarinnen gezwungenermassen und gemeinsam einen Entschuldigungsbrief für die Verwaltung aufsetzen.

Not schafft Nähe

Zuerst fauchten sich die beiden weiterhin an und gingen erneut fast aufeinander los, bald aber merkten sie, dass sie voneinander ein total verzerrtest Bild im Kopf hatten und kaum was voneinander wussten. Zumtor erkannte beispielsweise, dass Reinacher einen Tick fürs Puzzeln hatte und fast durchdrehte, wenn ihr ein Teilchen fehlte. Reinacher erfuhr endlich, wer der ominöse Oliver war. Die Annäherung artete schliesslich in einem gegenseitigen Besäufnis aus, in dem sich beide lästernd und lallend über die Männer ausliessen. So lange, bis Zumtor Reinacher von ihrem Liebeskummer wegen Oliver erzählte und plötzlich den Verdacht hatte, dass Oliver etwas von Reinacher will. Sofort herrschte wieder Streit. Reinacher hielt das nicht aus und erklärte diesmal Zumtor auf einem Türfallen-Notizzettel, dass Oliver nur einmal bei ihr geläutet und gefragt hätte, wo den Zumtor sei. Zumtor, erleichtert wie sie war, bedankte sich bei Reinacher. Zur Versöhnung tanzten beide im Treppenhaus miteinander «Cha-Cha- Cha» – so intensiv, bis eine der beiden Nachbarinnen ein Stockwerk tiefer ins Treppenhaus hinunterfiel. Welche traf es wohl diesmal?

Bote der Urschweiz

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

16.04.2012

Webcode

schwyzkultur.ch/Yeqc9b