Im fünften Stock des Theresianums Ingenbohl erschafft Gielia Degonda neue Kunstwerke. Bild: Melanie Schnider
Im fünften Stock des Theresianums Ingenbohl erschafft Gielia Degonda neue Kunstwerke. Bild: Melanie Schnider

Kunst & Design

«Kunst ist ein religiöser Akt»

Wissen Sie, was sich im obersten Stock des Theresianums Ingenbohl befindet? Der Dachboden? Abstellkammern für Schulbücher oder alte Computer? Nein.

Der fünfte Stock des Theris ist ein gewaltiges Atelier mit Ausblick auf die Mythen. Wer dort arbeitet? Gielia Degonda, Künstlerin, Unterrichtsrevolutionärin und Nonne des Franziskanischen Dritten Ordens. Bereits mit 23 Jahren kam die gebürtige Bündnerin ins Kloster Ingenbohl. Doch nicht, um in erster Linie Nonne zu werden, sondern für ein Kunstpraktikum. «Ich studierte damals an der Kunstgewerbeschule Luzern und Basel und musste ein Praktikum absolvieren», erzählt Gielia Degonda und fügt schmunzelnd an: «Ich war nicht eine solch brave Frau, dass ich zu allem Ja und Amen sagte. Das bin ich auch heute nicht. Doch ich wusste, dass man mich in Ingenbohl gut brauchen kann, dass ich meinen Beruf als Künstlerin hier sinnvoll umsetzen kann.»

Unkonventioneller Unterricht


Und so wurde die heute 83-Jährige Lehrerin für Bildnerisches Gestalten am Lehrerseminar Theresianum Ingenbohl. Ihr Unterricht war dabei alles andere als konventionell. «In den 70er-Jahren war starrer Frontalunterricht mit der Behandlung eines vorgegebenen Themas üblich, doch dies war unvorstellbar für mich», sagt die zierliche Frau. «Vielmehr wollte ich, dass meine Schülerinnen selbst etwas erschaffen, sich auf eine innere Reise begeben und nach ihrer eigenen, schöpferischen Kraft suchen.» Diese Art des Unterrichts sei bei den Schülerinnen äusserst gut angekommen, sagt Gielia Degonda glücklich.

Kreatives hat auch religiöse Bedeutung


Doch die Lektionen stellten nicht bloss ein kreatives Ventilfach im Gegensatz zu den kopflastigeren Fächern dar, sondern hatten auch eine religiöse Bedeutung. «Jede Lektion war eine indirekte Religionsstunde», verrät Gielia Degonda, die mit 29 Jahren ihr Gelübde abgelegt hat. Doch was meint sie damit? «Durch den Unterricht im Bildnerischen Gestalten und die kreativen Aufgaben lernten die Schülerinnen, in sich hineinzuschauen, ihren Geist zu erwecken und dadurch zu innerer Freiheit zu gelangen», erläutert Gielia Degonda. Klingt nach einer spirituellen Meditation. Doch für Degonda sind diese Suche nach innerer Freiheit und deren künstlerischer Ausdruck ihr Glaube. «Kunst ist für mich ein religiöser Akt und jedes neue Werk ein Gebet», sagt sie. Welche Rolle nimmt dabei Gott ein? «Gott ist meine Inspirationsquelle. Mit meinen Werken möchte ich nicht darstellen, was jeder sieht, sondern das, was man erahnt: eine andere, höhere Wirklichkeit», erklärt Degonda.

Spannende Interpretationen


Es sei äusserst spannend, was andere Menschen in ihren Werken lesen würden, meint sie mit einem Lächeln. «Durch die persönlichen Interpretationen werden die Kunstwerke noch reicher», fügt sie begeistert an. «Auf diese Weise macht Kunst unglaublich reich.» Wie gewaltig Gielia Degondas Schaffen ist, zeigt sich bei einem Gang durch den Kanton. An vielen Orten begegnet man ihr. Oder besser gesagt ihren architekturbezogenen Werken. So stammt beispielsweise die Wandkonstruktion der Aula des Theresianums Ingenbohl oder die abstrakte Wandbemalung im Hallenbad der Schule von Gielia Degonda. Auch in den Kantonen Luzern, Graubünden und Tessin sind Werke von ihr im öffentlichen Raum anzutreffen und regen die Betrachter zum Nachdenken und Interpretieren an.

Bote der Urschweiz / Melanie Schnider

Autor

Bote der Urschweiz

Kategorie

  • Kunst & Design

Publiziert am

22.05.2021

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www.schwyzkultur.ch/QxXafj