Musik
«Carmen» unter Linden und Uraufführung in der Remise
Die Ensembles Accento musicale, DiVent und Kulturschock luden am Pfingstwochenende zu vier Konzerten auf den Hof Rüteli in Nuolen ein. Ein Hörgenuss der besonderen Art.
So einmalig das Wetter – Sonnenschein pur – so vielfältig das Programm am diesjährigen Pfingstfestival auf dem Hof Rüteli von Brigitte Bamert und Fredi Clerc in Nuolen. Zu hören waren Kompositionen von Franz Liszt über Johannes Brahms bis zu Georges Bizet, von Sergej Prokofieff über Waldemar von Baussern – wer ist das denn? – bis Cyrill Greter und dessen Auftragswerk «rauha-(l)-linen». Und das lockte viel Publikum an.
Das Festival eröffnete am Samstag Accento musicale in Kleinformation mit der Serenade für Violine, Klarinette und Klavier des «wohlbekannten Komponisten Waldemar von Baussern », wie Urs Bamert, Initiant und Organisator des Pfingstfestivals, witzelte. «Vor vier Monaten habe ich ihn noch nicht gekannt», räumte der Vollblutmusiker ein. Pianistin Eleonora Em spielte anschliessend «La Chapelle de Guillaume Tell» und «l’Orage» aus «Année de Pèlerinage: Suisse» von Franz Liszt. Ihre Finger flogen förmlich über die Tasten, um dann hämmernd dem Klavier Donnerschläge zu entlocken. «Ein Stresstest für das antike Klavier», so Bamert. Die nachfolgende «Sicilienne» für Klavier und Cello von Gabriel Fauré war dann Erholung fürs Pianoforte. Den Abschluss des Abends machte die orientalische Ballettsuite aus «Tausendundeiner Nacht» von Sergej Bortkiewicz, arrangiert von Benjamin Engeli für Quartett. Eine Entdeckung – fürs Ensemble wie fürs Publikum: Vor dem inneren Auge sieht man förmlich Tänzerinnen und Tänzer über die Bühne wirbeln.
Express-Rhapsodie
Der Sonntagvormittag stand ganz im Zeichen der Uraufführung von «rauha-(l)-linen» von Cyrill Greter. Zuvor stimmte Accento musicale mit Johannes Brahms’ Klarinettenquintett definitiv auf Pfingsten ein. Ein traumhaftes Werk, das die ganze musikalische Palette umfasst: lieblich, kraftvoll, schnell, zart und leise, gefühlvoll, leidenschaftlich. «Die Vögel pfeifen vielleicht nach, was wir spielen», sagte Klarinettist Urs Bamert. Ob das so war? Auch wenn Cyrill Greters «rauha-(l)-linen» sehr leise begann – die Geigenbogen von Donat Nussbaumer und Alicia Giezendanner strichen zart über den Klangkörper der Violine – danach wäre Vogelgezwitscher definitiv übertönt worden. Unterschiedliche Klangfarben und Rhythmen prägen Greters Werk, mal funkig-jazzig, mal avantgardistisch.
Im Auftrag von Accento musicale hat Greter während eines Sabbaticals in Finnland das Stück mit dem etwas sperrigen Titel und der Bezeichnung «kammersymphonische Express-Rhapsodie zu Aspekten des Menschen und seiner inneren Entwicklung» für die eher seltene Besetzung mit Violine, Viola, Cello, Klarinette und Klavier komponiert. Er habe den finnischen Begriff Rauha, was Ruhe oder Frieden bedeutet, frei mit dem englischen Leinen/ Leinwand assoziiert, erläuterte Greter. Inspiriert habe ihn das Buch «The Philosopher and the Wolf» von Mark Rowlands, der mit einem Wolf zusammenlebte und das Tier schätzen gelernt hatte. Der Wolf sei ein soziales Tier, wie der Affe, von dem der Mensch abstamme. Der Wolf repräsentiere positive Attribute wie Stärke, Grazilität, Kraft, Energie, der Affe sei sprunghaft, laut, intrigiere. «Wir sollten uns ein Stück vom Wolf abschneiden», sagte Greter. Musikalisch umgesetzt: Mit vollen, tie-fen Tönen symbolisieren Cello und Bassklarinette den Wolf, dem gegenüber übernimmt die hohe Es-Klarinette den Part des Affen, schrill, sprung-haft und chaotisch. Dann: Aufatmen. Leise geben die Streicher am Ende des 15-minütigen Stücks Hoffnung auf Versöhnung, eben rauhallinen (ruhig, still, friedlich).
Oper im Taschenformat
Am Sonntagnachmittag suchten und fanden zahlreiche Zuhörerinnen und Zuhörer unter den Bäumen ein schattiges Plätzchen. Georges Bizets «Carmen » war angesagt. Das Bläserensemble DiVent spielte Auszüge aus der Oper, die von Andreas N. Tarkmann für Bläsernonett arrangiert wurde. Die Carmen sei heute eine der attraktivsten Rollen für Sängerinnen, sagte Gabriel Schwyter, der durch die Geschichte führte. Sängerinnen und Sänger gab es unter den Linden nicht, deren Part übernahmen die Bläserinnen und Bläser. Eine interessante Erfahrung, die eingängigen Arien für einmal von einer Flöte, einem Fagott oder einer Klarinette «gesungen» zu hören.
Stürmischer Montag
Gestern Montag sagte das Kammermusikensemble Kulturschock aus dem Talkessel Sturm an. Nur: Das Wetter machte nicht mit. «Saublöd, wir haben mit Gewitterwolken gerechnet, leider hat es keine», sagte Cellist Severin Suter. So gab Sängerin Lydia Oplik das Lied «Meeresstille» von Franz Schubert zum Besten. Sturm bezieht sich aber nicht nur aufs Wetter, auch in der Liebe gibt es stürmische Zeiten. Davon handelten zwei Mozartarien. Stürmisch ging es auch bei Kompositionen von Cyrill Greter, Händel oder dem Schottisch von Willi Valotti zu und her. Bei letzterem fegte der Sturm vor allem über das Griffbrett des Cellos.
Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Hans-Ruedi Rüegsegger
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