Die Texte von Nadja Zela zeigen ins All: Geister und Tiere bevölkern nebulöse Szenerien, die in eine unbekannte Welt führen. Bild Niklaus Spoerri
Die Texte von Nadja Zela zeigen ins All: Geister und Tiere bevölkern nebulöse Szenerien, die in eine unbekannte Welt führen. Bild Niklaus Spoerri

Musik

«Dank des Requiems habe ich meine Stimme wieder gefunden»

Die Zürcher Musikerin Nadja Zela besucht am 25. September mit ihrer Band das Klosterdorf und spielt im Mauz Music-Club in Einsiedeln ihr Konzeptalbum «Greetings to Andromeda» – in gesamter Länge und unveränderter Reihenfolge: ein Requiem im Gedenken eines Mannes.

Magnus Leibundgut: Wie kommen Sie dazu, ausgerechnet im Klosterdorf aufzutreten?



Nadja Zela: Einsiedeln ist immerzu einen Besuch wert: Erst recht, weil es hier mit dem Mauz einen super Rock-Club gibt, wie es ihn nicht mehr in vielen Ortschaften geben mag. André Kälin steckt viel Herzblut in seinen Club. Ich freue mich riesig auf unseren Auftritt im Klosterdorf.

Passend zum Klosterdorf führen Sie ein Requiem auf: Wie kommen Sie dazu, ein Requiem zu schreiben?


Im Jahr 2016 ist mein Mann bei uns zu Hause an akutem Herzversagen gestorben. Das hat mich schwer traumatisiert. Sehr geholfen hat mir in dieser Zeit die Zusammenarbeit mit meiner Band. In dieser Zeit entdeckte ich Musik aus diversen Genres zum Thema Tod und beschloss irgendwann, selbst ein Requiem zu schreiben.

Haben Sie dank des Requiems Ihre Stimme wieder gefunden?


Nach dem unerwarteten Tod meines Mannes rang ich zwei Jahre lang um die Wiederkehr meiner Stimme. Meine Stimme kehrte zurück, um in finster märchenhafter Weise die Trauer in Musik zu betten. Auf diesem Weg hat mir das Schreiben des Requiems sehr weitergeholfen: Dank des Requiems habe ich meine Stimme wieder gefunden.

Hilft die Musik, den Tod zu verstehen?


Nein, den Tod wirklich verstehen kann man mit Musik nicht. Auch Musik kann nicht Trost spenden, wenn einem ein Todesfall den Boden unter den Füssen vollends entreisst. Doch Musik kann im weitesten Sinne helfen, über den Tod eines geliebten Menschen hinwegzukommen: Musik hat eine heilende Wirkung.

Das Doppelalbum heisst «Greetings to Andromeda»: Was bedeutet der Name des Albums?


Zufälligerweise bedeutet Andromeda «im Gedenken eines Mannes»: Das passt eindrücklich. Eigentlich ist mit Andromeda unsere Nachbargalaxie gemeint. Sie ist nah und doch unendlich weit weg. Bleibt Andromeda unerreichbar? Sie ist ein Ort der Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Ich hatte kurz nach dem Tod meines Geliebten eine Vision: Mit dem Tod entschwindet die Seele ins All, bewegt sich im Kosmos. In diesem Sinne ist das All ein Totenreich: Ein Ort, wo sich die Seelen der Verstorbenen aufhalten.

Ihre Texte zeigen ins All – Geister und Tiere bevölkern nebulöse Szenerien: Wohin führen diese Gestalten?


In die Natur, eine unbekannte Welt – im wahrsten Sinne des Wortes: Ich bin eine Stadtzürcherin und hatte wenig Bezug zur Natur. Sie war mir eigentlich ziemlich unbekannt. Das hat sich dann mit dem Tod meines Mannes nachhaltig verändert: Fortan ging ich oft in die Natur, in den Wald, weil es mir gut tat und ich darin Trost fand. Ich beobachtete die Tiere im Wald, lauschte den Gesängen der Vögel, staunte über Wasserfälle und bewegte mich im Nebel, der mich an Geister erinnerte.

Auf dem Album hat es zwei schweizerdeutsche Tracks: Worum geht es in den beiden Songs?


Den Song «All» darf man nicht erklären, sonst verliert er seinen Zauber. Das Lied «Au nümm da» handelt von einer mühsamen Phase der Trauer, als mich Leute aufmuntern wollten mit dem Hinweis auf den Frühling – draussen scheine die Sonne doch so schön. Da habe ich mich echt komplett unverstanden gefühlt: Das mit dem Tod kann sich echt scheisse anfühlen – und da muss mir niemand kommen mit eitel Sonnenschein draussen vor der Tür.

Sie spielen im Mauz das Konzeptalbum in gesamter Länge und unveränderter Reihenfolge: Ist das nur im Klosterdorf der Fall?


Wir spielen in Einsiedeln in der Tat das ganze Album – allerdings gibt es durchaus Raum für Improvisationen und Interpretationen der Stücke. Ich finde es tatsächlich sehr passend, just im Klosterdorf ein Requiem aufzuführen: Ich glaube, die Leute auf dem Lande sind einfach spiritueller als Städter, näher dran am Gemeinschaftlichen und an der ganzen Thematik rund um Sterben und Tod. In Zürich geht doch niemand mehr an Allerheiligen/ Allerseelen auf den Friedhof, um der Verstorbenen zu gedenken. Allgemein stelle ich eine überhandnehmende Unbeholfenheit in unserer Kultur und Gesellschaft fest, wenn es um das Thema Tod geht.

Wie würden Sie selber Ihren Musikstil beschreiben?


Ich spiele in der Regel Rockmusik mit Elementen aus Folk, Blues und Jazz. «Greetings to Andromeda» kommt derweil daher wie eine Art Filmmusik: Meine Band hat ihren «Brute Folk» zu einem cineastisch anmutenden Experiment ausgeweitet und in ein Doppelalbum verpackt. Inspiriert von der Struktur klassischer Requien sind die 18 Tracks zu einer modernen Interpretation verarbeitet. Analoger Bandsound, Chöre und Raumklang paaren sich mit dunklen Spielereien von kleinen Synth-Sounds oder Moog-Sub-Bass-Attacken.

Sind Sie froh, dass Sie dem Coronavirus zum Trotz wieder auftreten dürfen?


Ich bin unendlich glücklich, endlich wieder mit meiner Band zusammen auftreten zu können. Corona hängt uns allen langsam aus dem Hals heraus. Diese Pandemie ist wirklich unsäglich mühsam. Bedenklich finde ich vor allem, zu welcher Spaltung in der Gesellschaft der Umgang mit dem Coronavirus geführt hat. Die Leute werden immer intoleranter und respektloser gegenüber Menschen, die einen anderen Umgang mit dem Virus pflegen.

Hinweis


Nadja Zela tritt mit Band am Samstag, 25. September, um 19 Uhr, im Mauz Music-Club an der Zürichstrasse 38 in Einsiedeln auf.

Einsiedler Anzeiger / Magnus Leibundgut


Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

17.09.2021

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