Sie freuen sich mit dem abwesenden Mit-Autor Martin Pozsgai über das Werk: Werner Oechslin (rechts) und Tobias Büchi.
Sie freuen sich mit dem abwesenden Mit-Autor Martin Pozsgai über das Werk: Werner Oechslin (rechts) und Tobias Büchi.
Weither gereiste Laudatoren im Gespräch mit Werner Oechslin (Bildmitte) am Freitag vor einer Woche: Antonio Becchi (Max-Planck-Institut Berlin, links) und Jan Klaus Philipp (Universität Stuttgart). Fotos: Victor Kälin
Weither gereiste Laudatoren im Gespräch mit Werner Oechslin (Bildmitte) am Freitag vor einer Woche: Antonio Becchi (Max-Planck-Institut Berlin, links) und Jan Klaus Philipp (Universität Stuttgart). Fotos: Victor Kälin

Dies & Das

Literatur

Das «Opus magnum» liegt endlich vor

Jahrzehntelange Forschungsarbeit auf 750 Seiten: Das ist das Buch zur Architekturtheorie im deutschsprachigen Kulturraum 1486–1648. Vor einer Woche wurde es in Einsiedeln der Öffentlichkeit vorgestellt.

Einer der schönsten Orte Einsiedelns war am Freitag, 8. Februar, Schauplatz einer denkwürdigen Vernissage: Im Hauptraum der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin wurde das monumentale Buch «Architekturtheorie im deutschsprachigen Kulturraum 1486–1648» vorgestellt. Die zeichnenden Autoren sind Werner Oechslin als Projektleiter, Tobias Büchi und Martin Pozs- gai. Die rund 50 Anwesenden nahmen das Werk staunend auf: 744 Seiten, 866 Abbildungen, 24 auf 33 Zentimeter, 4 Kilogramm. Noch unfassbarer wird das vom Colmena Verlag Basel herausgegebene Buch, wenn man sich dessen rund 15- bis 20-jährige Entstehungsgeschichte vergegenwärtigt. Und letztlich sprachlos bleibt der Betrachter angesichts der Informationsdichte: Das Nachschlagewerk bietet erstmals eine systematische Erschliessung und Erfassung der zwischen 1486 und 1648 veröffentlichten architekturtheoretischen Werke von nicht weniger als 67 Autoren. In 442 Katalogeinträgen werden rund 1000 verschiedene Einzelexemplare aus in- und ausländischen Bibliotheken beschrieben.


«Ein Stiefkind der Forschung»


Das Buch ist ein Projekt der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin. Die dieser Publikation zugrunde liegende Forschung ist durch mehrmalige Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds und der ETH Zürich ermöglicht worden. Die Publikation ist Teil der Jubiläumsreihe 2014, welche anlässlich des 70. Geburtstages von Prof. Dr. Werner Oechslin erscheint. Donatoren sind unter anderem der Bezirk Einsiedeln und der Kanton Schwyz. Als Projektleiter und Mit-Autor bezeichnete Werner Oechslin die Deutsche Architekturtheorie als «ein Stiefkind der Forschung». Einen Grund sieht er in der Vielfalt der Bedürfnisse und Kompetenzen. Ingenieurwesen und Festungsbau würden die Praxis dominieren, die «Civilarchitektur» hätte sich erst allmählich entwickelt. Gerade weil sich das Berufsbild schnell verändert hätte, seien die Interessen und Einflüsse mannigfaltig. Die erstmalige Zusammensicht des disparaten Schrifttums und eine genauere Analyse schliessen gemäss Oechslin «empfindliche Lücken, erlauben es, manche Akzente neu und anders zu setzen und bringen zuweilen auch Überraschendes zutage». Neben der Titeltranskription, Kollation und Paginierung der Werke finden sich Beschreibungen der Texte und der Illustrationen, deren Zeichner und Stecher so weit als möglich identifiziert wurden. Rund 870 Abbildungen (wovon die grossformatigen vom Einsiedler Fotografen Martin Linsi stammen) illustrieren den Katalog. Er umfasst unter anderem Walther Hermann Ryffs kommentierte Vitruv-Ausgaben, ins Deutsche übertragene italienische Traktatliteratur (Serlio und Vignola) sowie die «Säulenbücher» von Hans Blum, Wendel Dietterlin, Gabriel Krammer und Rutger Kasemann. Berücksichtigt werden auch Traktate zur Festungsbaukunst von Albrecht Dürer, Daniel Specklin und Wilhelm Dilich sowie Schriften zur Geometrie und Perspektive, etwa von Hans Lencker und Wenzel Jamnitzer.


Nachdenken über Architektur


In einem einleitenden Text «Was das Nachdenken über Architektur betrifft» diskutiert Autor Werner Oechslin den Forschungsstand und grundsätzliche Fragen. Oechslin macht darin klar, dass mit der «Geschichte untrennbar das Wissen über Geschichte einhergehen» müsse. Und so sei auch nicht das Kunstwerk an sich Gegenstand kunstgeschichtlicher Erforschung, sondern das Kunstwerk an der bestimmten Stelle, die ihm in der Entwicklung gebührt (Tietze und Jaspers). Zur Zeitepoche der zwischen 1486 und 1648 erfassten architekturtheoretischen Werke merkt Oechslin an: «Man weiss, wie sehr dies alles verästelt und wie aufwendig und zeitraubend dementsprechende Forschungsarbeit ist. In einer Zeit, in der die einschlägige Forschung, insbesondere auch diejene, die sich das Mäntelchen ‹Theorie› umhängt, eher nach dem Prinzip des schnell aufgewärmten und eben schnell abgekühlten ‹Durchlauferhitzers› vonstatten geht, muss man die Forschergeduld, die sich schwierigen und langen Aufgaben widmet, hoch loben.» Bei allen noch so schwerwiegenden Einwänden und äusseren Nöten hätte immer ein Grundsatz aus-ser Zweifel gestanden: «Es sollte», so Oechslin, «das unbedingte Bestreben sein, den Gegenstand Buch möglichst genau zu erfassen. Die mittlerweile nicht bloss angesagte, sondern nun auch in Durchführung begriffene neue Epoche der Digitalisierung setzt unser Anliegen nicht ausser Kraft, sondern macht es umso notwendiger. Das beginnt bei der ‹individuellen› Erfassung jedes einzelnen Buches mitsamt seinen Differenzen, Provenienzen und dergleichen, wobei das physisch vorhandene ‹körperliche› Buch weiterhin erste Instanz der Überprüfung der Quelle bleibt.»


«Das Buch als Kunstwerk …»


An der Veranstaltung in Einsiedeln würdigten Dr. Antonio Becchi (Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin) und Prof. Dr. Jan Klaus Philipp (Universität Stuttgart) die frisch gedruckt vorliegende Forschungsarbeit. Die beiden Koryphäen lobten «die Fülle und die Präzision, mit welcher die Autoren hingeschaut haben – indem sie das Buch als Kunstwerk ernst genommen haben». Verlegerin Marianne Wackernagel (Basel) sprach von einer «gros- sen Herausforderung», aber auch von «grosser Dankbarkeit, dass Werner Oechslin dieses Werk unserem Verlag anvertraut» habe. Die Entstehung sei faszinierend gewesen: «Was jetzt vor uns liegt, sieht so selbstverständlich aus; aber das war es überhaupt nicht.»


Die Forschung weiterführen?


An der Vernissage nicht unerwähnt blieb, dass ein zweiter, längst in Vorbereitung befindlicher Band über die Zeit nach 1648 – dem Ende des Dreissigjährigen Krieges – weiterführen sollte. Diese Projekt ist gemäss Oechslin «vertagt». Ob «ad calendas graecas» (bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag) oder nicht, wollte (oder musste) Oechslin offenlassen. Nebst der zu bewältigenden immensen Forschungsarbeit steht auch bei einer allfälligen Weiterführung des Projektes die Frage der Finanzierbarkeit im Zentrum. «Den Geisteswissenschaftlern», monierte Werner Oechslin, «wird nicht geglaubt, dass sie wissenschaftlich arbeiten können.» Ein Vorurteil, das mit der «Architekturtheorie im deutschsprachigen Kulturraum 1486–1648» widerlegt worden ist. Wenn nur schon die «Hinweise zur Benutzung des Kataloges» vier eng gedruckte A4-Seiten umfassen, ist dem Werk die Wissenschaftlichkeit wohl kaum abzusprechen.


Hinweis


Werner Oechslin, Tobias Büchi, Martin Pozsga: Architekturtheorie im deutschsprachigen Kulturraum 1486–1648. 744 Seiten, 866 Abbildungen. Leinengebunden. 120 Franken. ISBN 978-3-906896-05-2 / Edition Bibliothek Werner Oechslin / Colmena Verlag Basel, verlag@colmena.ch


Einsiedler Anzeiger / Victor Kälin

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Dies & Das
  • Literatur

Publiziert am

15.02.2019

Webcode

schwyzkultur.ch/r4SFvn