Aus 2020 wird 2021. Doch so einfach, wie Präsident Hanspeter Kälin die Jahreszahl auf dem Plakat korrigierte, ist die Verschiebung des Welttheaters nicht. Vor allem nicht so günstig.  Foto: Victor Kälin
Aus 2020 wird 2021. Doch so einfach, wie Präsident Hanspeter Kälin die Jahreszahl auf dem Plakat korrigierte, ist die Verschiebung des Welttheaters nicht. Vor allem nicht so günstig. Foto: Victor Kälin

Bühne

Die Verschiebung des Welttheaters kostet rund 750’000 Franken

Trotz sofortigem Produktionsstopp kommt die Verschiebung des Welttheaters teuer zu stehen. Die Gesellschaft ist auf Bundesgelder angewiesen. Auf eine anstrengende Zeit blicken die Verantwortlichen des Welttheaters zurück. Präsident Hanspeter Kälin fasst die letzten zwei Monate zusammen.

Am 19. März verhängten die Verantwortlichen den «Lockdown» über die Welttheater-Spielzeit 2020. Die Auswirkungen dieser Massnahme sind mittlerweile ersichtlich. Im Gespräch mit unserer Zeitung blickt Präsident Hanspeter Kälin auf zwei äusserst anforderungsreiche Monate zurück, in denen es galt, innert kürzester Zeit den Überblick zu gewinnen. Obwohl die Zusammenstellung noch nicht komplett ist, dürften Abbruch und Neuansetzung des Spiels die Gesellschaft zusätzlich mit 750’000 Franken belasten. Für Kälin ist klar, dass die Gesellschaft trotz eigener Sponsoringbemühungen auf Zuschüsse aus der Bundeskasse angewiesen bleibt. Das erste Budget ging von einem Aufwand von 4,8 Millionen Franken aus. Nun dürften es mindestens 5,5 Millionen werden.

Im Oktober geht es wieder los


Mittlerweile ist auch klar, wann die Proben wieder aufgenommen werden: Mit zwei Workshops für die neuen Mitspieler und -spielerinnen nimmt das Welttheater Ende Oktober, Anfang November wieder Fahrt auf. Ab November gibts für alle regelmässige Proben mit stetig steigernder Intensität. Bis zur Premiere vom 16. Juni 2021 sind 45 Proben und sieben Probenwochenende eingeplant. Wie in diesem Jahr sind die Platzübernahme durch das Spielvolk sowie der Beginn des Tribünenbaus im April vorgesehen. Musik und Chor haben separate Probenpläne. Gespielt wird vom 16. Juni bis 4. September 2021. 36 Aufführungen sind definitiv eingeplant sowie fünf weitere als Reserve. Spieltage sind Mittwoch, Freitag und Samstag, sowie einige Donnerstage.


Victor Kälin: Lange vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat das Welttheater für den 13. Mai eine grosse Pressekonferenz angesagt. Was hätten Vorstand und künstlerischer Stab am 13. Mai den Medien zu erzählen gehabt – wenn das Welttheater wie geplant hätte gespielt werden können?


Hanspeter Kälin: Viele gute Nachrichten! Vom gut gestarteten Vorverkauf, dem grossen Interesse an unserem Spiel und dem eindrücklichen Probenfortschritt. Dieser hätte uns sogar einen kleinen Probenunterbruch erlaubt. Wir könnten – ganz anders als 2013 – vom wunderbaren Probenwetter schwärmen und vom Platz, der ideal für uns ist, und von einer generell hohen Motivation. Kurzum: Auf allen Ebenen wären wir vorbereitet gewesen, um den erwarteten «Riesenansturm an Besuchern » bewältigen zu können. Ja, ich bin überzeugt, dass wir aus Sicht des Vorstands dies an der Pressekonferenz hätten mitteilen können.

Nun ist alles anders. Auch für das Welttheater. Wo stehen die Gesellschaft und das Spiel heute, Mitte Mai 2020?


Am 19. März beschlossen wir die Spielverschiebung. Alle Aktivitäten wurden gestoppt. Und es galt, möglichst schnell einen Überblick zu gewinnen. Bundesmassnahmen und Kurzarbeit wurden sofort zum Thema, Mitarbeiter- und Lieferantenverträge mussten überarbeitet werden – einen Monat später hätten wir mit dem Bau der Tribüne begonnen. Rechtliche, finanzielle und organisatorische Fragen dominierten unser Tun. Die meisten Vertragspartner reagierten sehr kooperativ; es gab nur wenige Leerläufe und lediglich geringe, aus unserer Sicht unnötige Ausgaben.

Eine stressige Zeit für den Vorstand?


Auch für uns gab es phasenweise mehr Arbeit, als wenn das Welttheater durchgeführt worden wäre. Einzelne Ressorts wurden extrem gefordert.

Vor acht Wochen fällten Vorstand und künstlerischer Stab den Entscheid, das Spiel auf 2021 zu verschieben. Welche Reaktionen erhielten Sie als Präsident, der Vorstand generell?


Es gab sehr viele Reaktionen, wobei der Grundtenor praktisch identisch war: Die Verschiebung wurde positiv aufgenommen und ebenso bedauert. Der klare Entscheid von Abbruch und Neuansetzung wurde gewürdigt. Eine Reaktion möchte ich stellvertretend für viele erwähnen: Wir können unser Spielbüro bestehen lassen, da der Vermieter von sich aus uns grosszügige Konditionen gewährte! In der Summe waren die Reaktionen rührend und berührend.

Wo steht das Spiel inzwischen?


Wir stehen mit Autor Lukas Bärfuss und Regisseur Livio Andreina in stetem Austausch. Beide sind überzeugt, dass das Stück auch 2021 nichts von seiner Aktualität einbüssen wird. Eine signifikante Überarbeitung steht für sie nicht zur Diskussion. Niemand hier will 2021 ein «Corona-Stück» aufführen. Wir knüpfen dort an, wo wir im März aufgehört haben. Es wird das Stück zu sehen geben, wie es auch 2020 zu sehen gewesen wäre.

Die grosse Frage ist aber: Kann das Spiel 2021 gespielt werden? Von welcher Sicherheit geht der Vorstand aus?


Wir haben Mitte März entschieden in der damaligen Annahme, dass eine Verschiebung um ein Jahr realistisch ist. Je länger wir zuwarten, umso drängender die Tendenz zu einem kompletten Neuanfang. Die Antwort nach Sicherheiten ist Kaffeesatzlesen. Zwei Monate nach dem Lockdown wissen wir, dass die schlimmsten Befürchtungen sich nicht bewahrheitet und einige Lockerungen ermöglicht haben. Irgendwie müssen wir mit unserer Gesellschaft, und ich meine damit nicht die Welttheatergesellschaft, einen Weg zurück in die Normalität finden. Sodann bin ich überzeugt von der Durchführung im kommenden Jahr.

Wie gross schätzen Sie die Gefahr ein, spätestens im Frühjahr 2021 nochmals absagen zu müssen?


Persönlich bin ich ein Optimist. Die Gefahr einer erneuten Verschiebung schätze ich als klein ein. Wir müssen umdenken und versuchen, mit dem Virus zu leben, ohne dadurch unser Leben komplett einzuengen. Kulturelle, aber auch sportliche Anlässe tragen entscheidend zur Lebensqualität bei. Bis wir im Herbst (siehe Kasten) die Produktion wieder hochfahren, wissen wir bereits viel mehr.

Ein weiteres grosses Thema sind die Finanzen. Welche Zusatzkosten entstehen der Gesellschaft durch die Verschiebung?


Die Zwischenbilanz ist noch nicht abschliessend. Aber es dürften rund 750’000 Franken sein.

Was beinhaltet diese Summe?


Unwiderruflich getätigte Ausgaben wie Werbung, unvermeidbare Doppelleistungen, Mehraufwand für den künstlerischen Stab, da wir ja nicht erst im März weiterproben, sondern bereits im kommenden Herbst … Die Aufzählung ist nicht komplett. Die Finanzen in den Griff zu bekommen, ist derzeit unsere grosse Sorge.

Ist die Gesellschaft, Stand heute, noch liquide?


Ja, das kann man sagen. Dank des sofortigen Stopps wurde das Schlimmste verhindert. Und dank der Zusage einiger Gelder, welche trotz Verschiebung ausbezahlt wurden, können wir uns finanziell über Wasser halten.

Droht absehbar die Insolvenz?


Nein. Derzeit laufen alle Aktivitäten auf Sparflamme. Wir erarbeiten ein neues Budget und ich erwarte, dass wir zusätzliche Gelder benötigen …

Woran denken Sie?


Die Welttheatergesellschaft ist angewiesen, dass sie von den vom Bundesrat in Aussicht gestellten Geldern für Kunst und Kultur stark unterstützt wird. Diese Unterstützung ist Teil unserer Überlegung, wie wir die Liquidität sichern können. Wir werden erneut diverse Gesuche verfassen – verfassen müssen. Bisher wurden für 450’000 Franken Tickets verkauft.

Hat man eine Lösung gefunden, was damit geschieht?


Wir haben entschieden, dass die Tickets für 2021 ihre Gültigkeit behalten werden. Die Tribüne bleibt gleich, die Spielsaison über den Sommer sowie Autor und Regisseur ebenso. Das erscheint uns angemessen. Wir hoffen, möglichst auf finanzielle Rückerstattungen verzichten zu können. Wir appellieren auch hier an die Solidarität. Erste Rückmeldungen stimmen mich zuversichtlich.

Gibt es weitere Einnahmen?


Per Fundraising ist uns bereits eine namhafte Summe zugesichert und teilweise bereits ausbezahlt worden. Ich hoffe darauf, dass wir die angestrebte Summe halten, ja übertreffen können. Irgendwie müssen wir die Zusatzkosten von 750’000 Franken kompensieren. Trotz der erwarteten Bundesgelder müssen wir aktiv bleiben – und bei unseren Partnern nochmals anklopfen.

Für das Spiel wurde schon einiges aufgegleist. Was passiert zum Beispiel mit Kleidern und Requisiten?


Zum Glück haben wir mit dem Bezirk eine Lösung finden können. In seiner Liegenschaft an der Nordstrasse, dort wo bisher unsere Schneiderei gearbeitet hat, können wir im unbenutzten Estrich unsere bisher produzierten rund 150 Kleider und Requisiten einstellen.

Was stimmt Sie zuversichtlich?


Das umgehende Ja der künstlerischen Leitung zum Jahr 2021. Die vielen Rückmeldungen und der grosse Zuspruch für die Verschiebung. Die Aktivitäten einiger Mitwirkender, welche zum Beispiel einen herrlichen Kurzfilm gedreht haben und das Welttheater irgendwie zum Selbstläufer werden lassen. Das Verständnis von Tourismus und Gastronomie für unseren Entscheid. Wir konnten ihnen eine Perspektive für 2021 vermitteln.

Das Welttheater setzt nun für das kommende Jahr einen wichtigen Impuls. Was sind die nächsten Schritte?


Aktuell überarbeiten wir das Budget. Die Termine für die Spielperiode sind seit Kurzem bestimmt. Jetzt geht es an die konkrete Organisation. Wir klären Finanz- und Versicherungsfragen, Kommunikationskonzept und Ticketverkauf. Und wir möchten die verschobene Generalversammlung auch noch durchführen – so zeitig, wie es eben möglich ist.

Ein Entscheid wie eine Absage ist emotional. Wie geht es Ihnen und den Vorstandsmitgliedern acht Wochen danach?


In der Zeit vor dem Entscheid ging es mir nicht gut. In schlaflosen Nächten ging ich unzählige Szenarien durch … Die grosse Probenfreude machte uns eine Absage nicht leicht. Als der Entscheid stand, ging es besser. Jetzt ist es so – schauen wir vorwärts! Blicken wir heute zurück, gibt uns die Entwicklung recht: Wir haben im richtigen Moment gestoppt. Und nun freue ich mich, wie alle wieder mitarbeiten. Wir sind ein gutes Team.

Und was ich als Präsident der Gesellschaft sonst noch sagen wollte …


Aller Probleme zum Trotz schätze ich es sehr, Präsident einer solch tollen Gesellschaft sein zu dürfen. Das Spielvolk, der künstlerische Stab und die vielen ermunternden Rückmeldungen motivieren mich. Die jüngste Vergangenheit zeigte mir, wie wichtig das Welttheater ist. Für die vielen Mitwirkenden, für Einsiedeln und darüber hinaus. Trotz aller Umstände: Es macht Freude. Auch für 2021!

Einsiedler Anzeiger / Victor Kälin

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

12.05.2020

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schwyzkultur.ch/wgTkHU