mmm: 11 – Blog Martina Mächler - 1

Literatur

mmm: 11 – Blog Martina Mächler

Ich hatte aber das Gefühl zwischen der Vergangenheit und der Zukunft das Jetzt kurzzeitig gefunden zu haben, in dem ich nicht darüber nachdachte.

Nachdem die Tage kürzer geworden sind, das bunte Laub sich nun graubraun langsam von den Ästen löst und das Wasser an einigen Orten schon gemächlicher fliesst, möchte ich mich nun auch mit einem letzten Text verabschieden.

Auf einer hochsommerlichen Wanderung dachten meine beste Freundin und ich uns gemeinsam eine Geschichte aus. Die erste, an welche ich mich überhaupt erinnern kann. Wir liefen unseren Müttern und jüngeren Geschwister mit einem guten Abstand davon und waren so in unserer eigenen Zeitlichkeit. Es ging in der Geschichte darum, dass das Ich, das wir gemeinsam erarbeiteten, in ein Loch fällt, das kein Ende mehr nimmt. Das Loch, das ich mir dabei vorstellte, bot Einsicht in Querschnitte aufeinandergetürmter Erdkrusten und war eine äusserst breite Grube, wie ich sie aus Steinbrüchen kannte, ohne Boden und ohne genaues Wissen, in welchem Ausmass die Erde extrahiert wird. Dafür, dass wir eigentlich nur versehentlich reinfielen, war es ganz angenehm. Mit jedem Schritt, den wir mit unseren vier Füssen über den wurzeldurchzogenen Waldboden machten, fielen wir als dieser eine Körper etwas weiter und krallten uns, wenn nötig an Felsvorsprüngen oder helfenden Händen von Gnomen fest und sprachen mit weiteren Wesen, die da hausten, oder auch unterwegs sind. Ich mochte vor allem den Strauch, welcher aus zu lang gewachsenen krummen Karotten bestand und sich auf einem Vorsprung an der dahinterliegenden Felswand anlehnte und den kurzzeitig vom Fall Gestoppten mit einem etwas gleichgültigen Schulterzucken begrüsste, sich dann aber doch neugierig zuwendete. Auf die hektischen Bewegungen des Besuchs reagierte der Strauch feinfühlig und bewegte sich mit den unzähligen Füssen bei Annäherungen in sachten Schwingungen weg, so dass immer eine gewisse Distanz und ein erdiger Geruch zwischen ihnen lag.

Es war unser ungeschriebenes Gesetz, dass sich unsere Figur immer wieder im freien Fall befinden muss, manchmal wie ein Basejumper, manchmal wie ein Kartoffelsack und manchmal mit dem einfachen Wunsch etwas schneller oder langsamer zu fallen. Ich habe keine Ahnung, wie wir die Geschichte für uns beenden konnten. Ich nehme an, wir kamen an wo unsere Mütter ihre Autos geparkt hatten, oder wir wurden bei unseren zwei Namen zurückgerufen, um eine Znüni-Pause zu machen, wozu sich unsere Füsse zur Ruhe setzten und den weiteren Fall stoppten. Auch kann ich mir vorstellen einem Pilz begegnet zu sein, den wir in die Geschichte einarbeiten und genauer beschreiben wollten, dafür aber die Expertise meiner Mutter für dessen genaue Bezeichnung und Eigenschaften brauchten und dadurch nachschauten, welchen Hut er trägt, ob er einen Kragen hat und wie die Unterseite strukturiert ist.

Ob wir die Figur hängen liessen, weiss ich nicht. Ich bin heute aber einem kleinen Weg neben einem noch kleineren Bach entlanggelaufen, fast umgefallen und habe die Reise allein weitergeflochten und mir sehr wahrscheinlich eine Figur mit anderen Gesichtsmerkmalen, mehr Lachfalten und enger definierteren Interessen vorgestellt. Ich tauchte ein in einem Raum voller Worte, welche ich zwar nicht aussprach, die aber Bilder mit sich trugen, die ich fand und schnell wieder verlor, sah und wieder vergass. Der Schauplatz schien nun gar kein Loch mehr zu sein – Ich hatte aber das Gefühl zwischen der Vergangenheit und der Zukunft das Jetzt kurzzeitig gefunden zu haben, in dem ich nicht darüber nachdachte. 

Autor

SchwyzKulturPlus

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

07.12.2021

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