Musik
Ein gegenwärtiges Mittelalter
Am Sonntagnachmittag verzauberten das Vokalensemble VocaMe und das Duo Imke Frank / Janne Valkeajoki auf der Insel Ufenau ihr Publikum mit musikalischer Mystik in prächtigem Gewand.
Im Jahr 1141, in dem die Kirche St. Peter und Paul auf der Insel Ufenau gestiftet wurde, brachen in gut 320km Luftlinie Entfernung mit einer solchen Wucht Visionen über die Nonne Hildegard von Bingen herein, dass sie damit an die Öffentlichkeit ging – ihre 77 überlieferten Kompositionen hallen bis heute nach. Das Ensemble VocaMe erkundet die musikalische Welt von ihr und anderen mittelalterlichen Mystikerinnen seit vielen Jahren.
Neugier, Forschergeist und Fantasie
Michael Popp, Multiinstrumentalist des Ensembles, verglich im Einführungsgespräch zum Konzert des «Musiksommers am Zürichsee» die Fresken der Kirche mit der Musik Hildegards. In beiden Fällen sehen wir heute nicht mehr das unmittelbare Erzeugnis in seiner damaligen Pracht, sondern Fragmente, die es mit Neugier, Forschergeist und Fantasie zu beleben gilt. Die einstimmig überlieferten Melodien erhielten von Stück zu Stück ein neues, so individuelles wie klangprächtiges Gewand. Fidel, Laute, Drehleier, Glocken und Harfen wurden in wechselnden Kombinationen aufgeboten, in der Sequenz «Columba aspexit» gar die persische Santur. Die vier bis fünf Stimmen, alle mit eigenem Charakter, ergänzten sich perfekt – das Nebeneinander von solistisch vorgetragenen oder mit Haltetönen unterlegten Passagen, Parallelführung der Stimmen und Mehrstimmigkeit sorgte für eine stimmige Dramaturgie.
Anschliessend folgte das Stück «In croce» von Sofia Gubaidulina – ein deutlicher Kontrapunkt, der sich inhaltlich aber nahtlos in die mittelalterlichen Klangwelten fügte. Die Cellistin Imke Frank, die mehrfach mit der 2025 verstorbenen russischen Komponistin zusammengearbeitet hatte, und der Akkordeonist Janne Valkeajoki spielten dieses intensive Werk mit einer schlafwandlerischen Präzision und einer in die Knochen gehenden Expressivität, die die Botschaft dieser aufgewühlten, religiös durchdrungenen, symbolisch angereicherten Bekenntnismusik unmittelbar zugänglich machte.
Geistliche Minnelieder
Als letzter Programmpunkt folgten geistliche Minnelieder der Mystikerin Hadewijch aus dem 13.Jahrhundert. Ihren Texten wurden, wohl dem mittelalterlichen Usus entsprechend, Melodien der damaligen Zeit unterlegt. Völlig anders in Inhalt, Duktus und Sprache als jene Hildegards, entwickelten auch diese Kompositionen eine starke Sogkraft, die das zahlreich erschienene Publikum zu lang anhaltendem Applaus veranlasste. Eine berührende Zugabe – ein Marienlied, das Vokalensemble und das Duo Frank/Valkeajoki zusammenführte – schloss diesen stimmigen Sonntagnachmittag ab.
Höfner Volksblatt und March-Anzeiger / Severin Kolb
Autor
Höfner Volksblatt & March Anzeiger
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- Musik
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