Regisseur Livio Andreina steht vor einer grossen Aufgabe. Bild Natalie Boo
Regisseur Livio Andreina steht vor einer grossen Aufgabe. Bild Natalie Boo

Bühne

Eine Figur im Spiel gut verkörpern

Worauf es bei der Auswahl der Haupt- und Nebenrollen ankommt Mitte September begannen die Castings, die Vorstellungsrunden für Leute, die in der neuen Spielperiode des Welttheaters eine Sprechrolle übernehmen möchten.

Vor den nächsten Workshops und Castings an diesem Wochenende gibt Regisseur Livio Andreina Auskunft über diese entscheidende Phase. Mit Livio Andreina sprach Walter Kälin.


Walter Kälin: Sie lassen die Leute, die sich für eine Sprechrolle gemeldet haben, nicht individuell vorsprechen, sondern Sie machen, zusammen mit dem Choreografen Graham Smith, ein Casting in Gruppen. Warum?


Livio Andreina: Durch das spielerische Eintauchen in Gruppen sind alle weniger nervös, als wenn sie einzeln auf der Bühne stehen müssten. Wir im Zuschauerraum erleben dann, wie die Leute Freude am Spielen bekommen, und lernen sie so eher kennen, wie sie wirklich sind. Dadurch ist es einfacher, die Rollen mit den richtigen Personen zu besetzen. Kommt dazu, dass diese Art von Castings zur Struktur des Welttheaters passt. Es ist ja ein extremes Ensemble-Stück. Die Königin ist nur Königin, wenn sie Untertanen hat.


Unterscheiden sich Castings bei professionellen Schauspielern von den Castings mit Laien?


Ja, ganz klar. Bei Profis schaut man auf die handwerklichen Fähigkeiten: ist jemand beweglich, hat er eine gute Aussprache, wie wechselt er von einer Charakterfarbe zur andern, kann er sich ganz in den Dienst einer Figur stellen? Bei den Laien hingegen schaut man, welche Person eine Figur besonders gut verkörpern kann.


Welche Talente müssen die Laien haben, was erwarten Sie für Fähigkeiten?


Selbstverständlich die gleichen wie bei den Profis, aber diese stehen nicht im Vordergrund. Nehmen wir den «Alten», der eine wichtige Hauptrolle im Stück spielt. Wenn ich drei Männer zur Auswahl habe, zählen bei der Besetzung spezifische Kriterien, die ich überprüfe: strahlt der Spieler die nötige Autorität aus, passt er zu den Spielerinnen der Frauenrollen, kann er die Rolle aus dem Gesamtkonzept des Stückes heraus verstehen und umsetzen, hat er eine Stimme, die dies alles glaubwürdig macht?


Es sind ja etwa 35 grössere und kleinere Sprechrollen zu besetzen. Welche Bilanz konnten Sie nach dem ersten Wochenende ziehen, an dem alle Interessenten in vier grossen Gruppen teilgenommen hatten?


Eine tolle Bilanz, und es hat sich für uns schon vieles geklärt. Nach diesem ersten Casting kamen vielleicht noch 50 Personen für die Besetzung der solistischen Rollen in Frage. Dann wurden diese in kleineren Gruppen aufgeboten, und beim nächsten Casting überprüfen wir dann unsere Vorstellungen mit Übungen, die uns weitere Hinweise geben sollen: über welche charakterlichen Farben verfügen sie, wie wandlungsfähig sind sie, wie bewegen sie sich?


Wie können Sie beurteilen, ob jemand einer Rolle, die Sie ihm oder ihr zugedacht haben, physisch und mental gewachsen ist?


Ja, da habe ich als Regisseur eine sehr grosse Verantwortung. Und natürlich sind auch die Mitwirkenden in der Pflicht. Ich sage den Leuten, dass sie gut zu sich schauen und zum Beispiel nicht Ski fahren sollen. Wenn bei den Proben Probleme auftauchen, dann mache ich mit dieser Person einen Spaziergang, damit sich die persönlichen Dinge nicht mit dem Geschehen auf der Bühne vermischen.


Ein Teil der Leute ist Ihnen von früheren Produktionen her ein Begriff, andere lernen Sie erst bei den Castings kennen. Wie befangen oder unbefangen ist man gegenüber alten Bekannten?


Völlig unbefangen! Zudem habe ich Graham Smith zur Seite, der niemanden kennt, aber auch AnnaMaria Glaudemans mit ihrer jahrelangen Erfahrung und die Regie- Assistenzen. Zentral ist eine sachliche Beurteilung auf dem Hintergrund des Stücks.


Wie heikel sind Ihre Entscheidungen in einem dörflichen Umfeld wie in Einsiedeln?


Wenn die Entscheidung richtig ist, ist sie gut für das Publikum, das Ensemble und die betroffene Person, die eine bestimmte Rolle erhält oder eben nicht. Die Sachlichkeit und die Gesetzmässigkeiten auf der Bühne sind die Kriterien, die alle schützen. Aber ich habe noch kein Casting ohne Tränen erlebt. Da hat vielleicht jemand einen grossen Wunsch, aber man merkt, dass diese Person die Figur niemals tragen könnte. Da helfen häufig auch die Übungen in der Gruppe. Die Leute sehen einander und erhalten so auch ein Bild ihrer eigenen Möglichkeiten. Sind die Tränen einmal getrocknet, fühlt man sich im grossen Ensemble bestens aufgehoben. Livio Andreina am Welttheatertag: Sieht er die Besetzung vor seinem inneren Auge? Fotos: zvg

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

18.10.2019

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schwyzkultur.ch/duZYx8