Die Ausstellung «Leben und Überleben – Einsiedeln 1939 bis 1945» im Chärnehus Einsiedeln wird bis 6. Februar 2022 gezeigt.
Die Ausstellung «Leben und Überleben – Einsiedeln 1939 bis 1945» im Chärnehus Einsiedeln wird bis 6. Februar 2022 gezeigt.
Die Ausstellungsgruppe zusammen mit der Puppe einer Luftschutz-Angehörigen aus der Kriegszeit.
Die Ausstellungsgruppe zusammen mit der Puppe einer Luftschutz-Angehörigen aus der Kriegszeit.
 «Drei Wochen fast Tag und Nacht am Aufbau – und trotzdem wäre es ohne die Unterstützung von Firmen und Sponsoren nicht möglich gewesen»: Susanna Bingisser heisst im Namen der Ausstellungsgruppe die Vernissagegäste im Chärnehus willkommen. Fotos: Victor Kälin
«Drei Wochen fast Tag und Nacht am Aufbau – und trotzdem wäre es ohne die Unterstützung von Firmen und Sponsoren nicht möglich gewesen»: Susanna Bingisser heisst im Namen der Ausstellungsgruppe die Vernissagegäste im Chärnehus willkommen. Fotos: Victor Kälin

Dies & Das

Als damals die Sirenen heulten, ging es nicht zum Apéro

In einer ausserordentlich dichten Schau dokumentiert die Ausstellungsgruppe Chärnehus das Leben und Überleben in Einsiedeln während des Zweiten Weltkriegs.

Sie holt mit schöner Regelmässigkeit jeweils das historisch Beste aus unserer Region – sie, die Ausstellungsgruppe des Kulturvereins Chärnehus Einsiedeln. Das bewahrheitet sich auch bei der inzwischen 31. Ausstellung, welche am letzten Samstag, 18. Dezember, offiziell eröffnet worden ist.

«Dr letscht Zwick a dr Geissle»


1945 liegt noch keine Urzeiten zurück, und doch verblasst die Erinnerung an eines der dunkelsten Kapitel der menschlichen Geschichte. Das Thema Zweiter Weltkrieg hat die Ausstellungsgruppe des Kulturvereins Chärnehus schon länger umgetrieben; doch erst jetzt, 76 Jahre nach dem Ende der Greueltaten, hat sie sich aufgerafft, die Weltgeschichte auf das Lokale herunterzubrechen. Gut, hat sie das Thema nicht fallengelassen; auch dann nicht, als Corona zu einer einjährigen Verzögerung führte. «Aufgeben ist nicht das Motto der Gruppe», freute sich Vereinspräsident Beat Ruhstaller. Wie wahr! Die Ausstellungsgruppe setzt das vielschichtige Thema interdisziplinär und auf ihre ganz unnachahmliche Art um. Und dass die Zeit der Erinnerung tatsächlich zerrinnt, zeigt sich spätestens bei den rund 30 Zeitzeugen, von denen zwei die Ausstellung nicht mehr erleben durften.

Ans Licht geholt


Als Vertreterin des Bezirksrats Einsiedeln gratulierte Leta Bolli der Gruppe zum Erreichten und bedankte sich «für den dauernden Einsatz für die Kultur in Einsiedeln ». Nicht umsonst hat der Bezirksrat die Ausstellungsgruppe zur ersten Einsiedler Kulturpreisträgerin gekürt. Nachdem das Soldatenchörli unter der Leitung von Zeno Schneider einige Kostproben aus dem offiziellen «Soldatenliederbuch» von 1944 gegeben hatte, ging Susanna Bingisser auf die Arbeit der Ausstellungsgruppe ein. Selbst sie, welche an vorderster Front mitarbeitete, zeigte sich «erstaunt und überrascht, was die Gruppe aus der Gegend alles aufgespürt» habe. Tatsächlich horten die Einsiedler und Einsiedlerinnen doch noch das eine und andere. Und es ist das Verdienst der Gruppe, diese Schätze im Zweijahresrhythmus ans Tageslicht zu holen – Trouvaillen wie zum Beispiel ein Fotoalbum einer Einsiedler Luftschützerin, eine mobile Luftschutzsirene oder auch die Erinnerungen etlicher Zeitzeugen, die vieles zu berichten wussten, was in der offiziellen Geschichtsschreibung keinen Niederschlag fand. Oder wussten Sie etwa, was eine Waldweg-Kotelette ist? Nichts anderes als ein Gumel. Die hat man im Rahmen der Anbauschlacht eben überall angepflanzt.

Ausstellung, Film, Broschüre


Man ist es inzwischen gewohnt (und dennoch ist es nicht selbstverständlich), dass auch die jüngste Ausstellung ergänzt wird mit einem Film von Franz Kälin sowie einer weiteren Schrift in der Chärnehus-Reihe, deren Redaktion in den Händen von Susanna Bingisser lag. Zehn Autorinnen und Autoren teilen sich die grossen Themen auf, welche mehrheitlich auch an der Ausstellung anzutreffen sind: Vom «Vorabend des Krieges», über den «Alltag», die «Kriegswirtschaft », «Militär» und «Luftschutz », über die «Zeitzeugen» bis hin zur «Nachkriegszeit» (der EA wird in einer späteren Ausgabe auf die Schrift eingehen). Im Zentrum der Ausstellung steht eine 16 Meter lange Zeittafel, welche das Welt- und Ortsgeschehen auf anschauliche Art in Schrift, Bild und Ton zusammenfasst. Die Zeit reicht vom März 1938 und dem Anschluss Österreichs bis ins Jahr 1948, als die Lebensmittelrationierung in der Schweiz aufgehoben werden konnte. Wer sich die Mühe nimmt, diese 16 Informationsmeter abzulaufen, hat einen perfekten roten Faden, um die separat gruppierten Unterthemen einordnen zu können. Es gibt viel zu sehen und zu entdecken. Nicht nur Geschichte, sondern verdankenswerterweise auch viele (hiesige) Menschen, nicht wenige davon noch bekannt aus einer nicht allzu lang zurückliegenden Vergangenheit. Sie sind es, welche diese Zeit der Ungewissheit und Entbehrung mit ihrer Erinnerung den Nachgeborenen überlieferten. Und die meisten der befragten Zeitzeugen bestätigten, dass man es dennoch gut hatte damals. «Uns fehlte es an nichts. Und man kannte auch nichts anderes.» Welch Kontrast zur heutigen (Corona-) Zeit. Noch ein Wort zum Titel dieses Berichts: Nach dem offiziellen Teil heulte tatsächlich eine Original-Luftschutzsirene aus dem Zweiten Weltkrieg auf, wie sie auch in Einsiedeln zum Einsatz kam. Aber eben: Der Heulton befahl nicht in den Keller, sondern zum Apéro.

«Leben und Überleben – Einsiedeln 1939 bis 1945»


Ausstellung im Ortsmuseum Chärnehus (bis 6. Februar). Samstage und Sonntage sowie 27. und 31. Dezember, 6. und 21. Januar, von 13 bis 17.30 Uhr. Das ganze Rahmenprogramm unter www.chaernehus.ch

Einsiedler Anzeiger / Victor Kälin

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Dies & Das

Publiziert am

21.12.2021

Webcode

www.schwyzkultur.ch/RwWyBf