Regisseur Lukas Schmocker (rechter Bildrand) und seine Crew bei den Proben im seit Jahren leerstehenden Katharinahof. Foto: Kalli Kälin
Regisseur Lukas Schmocker (rechter Bildrand) und seine Crew bei den Proben im seit Jahren leerstehenden Katharinahof. Foto: Kalli Kälin

Bühne

Die Fremden Vögel blasen zur Jagd

Die Theatergruppe «Fremde Vögel» probt ein neues Stück. Momentan laufen die Proben zum «Hotel zum glücklichen Jägermeister» im abbruchreifen «Katharinahof» am Klosterplatz. Premiere ist am Mittwoch, den 20. Juni.

Ein alter Songtext aus den 60ern kommt einem in den Sinn: «Das alte Haus von Rocky Docky …» Na, das passt doch zum Katharinahof. «Es knarrt und stöhnt und weint.» Die verrostete Nachtglocke passt dazu, der Blick durch die offene Tür zeigt schlappe Haufen von alter Hotelwäsche, schiefe Lampen, Gerümpel, ein düsteres Treppenhaus. Doch da fällt der Blick auf ein unscheinbares Kärtchen: «Was hier passiert…»

Fünfte Produktion in 10 Jahren

Ja, was passiert hier? Eine freudige Erkenntnis überfällt den neugierigen Besucher: Die Fremden Vögel sind wieder am Werk! Aus dem ersten Stock klingt leises Gemurmel. Der Weg über die knarzende Treppe mit gammeliger Blüemli-Muster-Auslegeware, vorbei an der geheimnisvollen «Identitätsküche», an ins Leere ragenden Rohren und Kabelsträngen, der Weg also führt dem Gemurmel nach ins ehemalige Säli, und da steht die Truppe gerade im Kreis, im konzentrierten Gespräch mit Regisseur Lukas Schmocker. Man hat richtig Freude, sie wieder zu sehen, die Fremden Vögel, und zu merken: Der Name stimmt gar nicht mehr, es sind sehr vertraute Vögel, die da am Werk sind an ihrer fünften Produktion in gut zehn Jahren des Bestehens. Höchstens ein wenig verjüngt haben sie sich, und die «Jungen» sind genauso intensiv bei der Sache wie die «Alten».

Die grosse Frage: Wer bin ich?

Im Moment bemüht sich die Truppe, die Reaktionen des eigenen Körpers zu erfahren, als Einstieg in die Suche nach der eigenen Identität, dem eigenen Selbst. Darum gehts in dem neuen Projekt. Der «Glückliche Jägermeister» auf der Jagd nach diesem ewigen Rätsel «Wer bin ich?». Zum Jägermeister gesellen sich Figuren aus dem Grossen Welttheater, etwa die Schöne, der Reiche. Als Zuschauer gerät man sofort in den Sog dieser Jagd, dieser Suche. Dazu tragen einmal mehr vor allem die sogenannt «Behinderten» der Truppe bei, die sich ihrer Identität zutiefst bewusst sind, wenn auch manchmal mit einem anderen Ansatz. Bei einer Probe beantwortete ein Spieler dieses uns allen innewohnende «Wer bin ich?» mit: «Ich bin meine Mutter, mein Vater, mein Bruder und meine Schwester.»

Ein Herantasten

Jetzt also stehen sie paarweise hintereinander, der vordere mit geschlossenen Augen, während der hintere ihn berührt, ein wenig streichelt, ein wenig beklopft, erfühlt in respektvoller Intimität. Dann wird gewechselt, und die einzelnen tauschen sich aus, was davon ihnen angenehm war, was zu nahe oder sonstwie unangenehm. D iese Konzentration auf den eigenen Körper, auf die Empfindungen, ermöglicht der Truppe, das weitere Geschehen fortzuentwickeln. Sie knien im Kreis, mit dem Rücken zueinander und betasten mit den Händen eine Wand aus Plastikfolie, an der schwarze Perücken hängen. Vielleicht hängen sie aber auch von der Decke, das weiss man im jetzigen Stadium der Proben noch nicht so genau, denn bis jetzt müssen sich die Spielenden Plastikwand und Perücken noch vorstellen, es gibt sie noch gar nicht.

Perücken legen Identität fest

Und da ist wieder diese Faszination, mitzuerleben, wie stark diese Vorstellungskraft ist, sie überträgt sich auf den Betrachter, nicht nur «sieht» dieser auch Wand und Perücken, nein, auch die Bedeutung erschliesst sich schnell: Diese Plastikblase, in der die Suchenden sitzen, ist der Uterus, mit den Perücken, die ihnen vom «Meister» (dem lieben Gott? Dem Schicksal?) aufgesetzt werden, soll ihre Identität festgelegt werden: «Du bist die Bettlerin», «Du bist der Reiche». D er Abend besteht aus drei Teilen. Im ersten sieht man Menschen, die ihre eigene Identität versuchen zu finden. Diese Suche setzt sich im zweiten Teil in einzelnen Räumen des Hotels fort. Dabei bleiben die Zuschauer nicht nur Zuschauer, sondern werden ihrerseits zu Suchenden. Dazu laden die entsprechend bezeichneten Räume des zu neuem Leben erwachenden «Katharinenhofs». Da gibts neben der oben erwähnten «Identitätsküche» einen «Familienraum», einen «Autoraum» oder sogar einen «Abdankungsraum» (dass das «Rathaus» direkt neben dem «Orakelzimmer» liegt, dürfte auch kein Zufal

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

15.05.2012

Webcode

schwyzkultur.ch/Ni43mc