Gisela Widmer hat das Stück «Seegang» verfasst und schätzt die intensive Zusammenarbeit mit den Theaterleuten des Chärnehus. Bild Fredy Stäheli
Gisela Widmer hat das Stück «Seegang» verfasst und schätzt die intensive Zusammenarbeit mit den Theaterleuten des Chärnehus. Bild Fredy Stäheli

Bühne

«Ich bin froh, ist es vor einem Jahr entstanden»

Die neue Aufführung des Chärnehus-Theaters spielt auf einem Kreuzfahrtschiff. In einer Episode sehen die Passagiere ein Boot mit Flüchtlingen. Im Gespräch mit dem Einsiedler Anzeiger äussert sich Autorin Gisela Widmer zum Stück.

Gleich zu Beginn des Gesprächs mit dieser Zeitung hält Gisela Widmer fest, dass das aktuelle Problem der Bootsflüchtlinge nicht Thema des Stücks sei. «Es handelt sich um eine zehnminütige Sequenz innerhalb des Stücks, und es ist auch nicht ganz klar ob es diese Begegnung real überhaupt gegeben hat.» Beiläufig erwähnt Widmer, dass «die Problematik der Bootsflüchtlinge aus Afrika seit 2008 bekannt ist und jetzt wegen der enorm hohen Opferzahlen gerade wieder sehr brisant ist. Als Metapher ist die Sequenz zwar bedeutsam. Aber mein Thema ist unsere maximierte Konsum- und Spassgesellschaft», erläutert die Autorin. Diese Gesellschaft wird im Stück «Seegang» auf einem Kreuzfahrtschiff dargestellt. In diesem Rahmen kommt es zur «Begegnung», zu einem Kontakt zwischen zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein könnten. «Es geht nicht um das Schicksal der Bootsflüchtlinge, sondern darum, wie man mit diesem Zusammenprall umgeht, wie sich der Kapitän und seine Gesellschaft aus dieser Situation zu retten versuchen.»

Komisch und berührend

«Ich bin froh, habe ich das Stück vor einem Jahr verfasst, und nicht erst jetzt», sagt Widmer. Sie würde sich heute in zu viele politische Argumente und Gegenargumente verstricken. «Diese Auseinandersetzung gehört in die Politik und in die Medien und nicht eins zu eins auf die Bühne.» Grundthema ihres Stücks ist ein anderes: Ein Dutzend Leute trifft sich mehr oder weniger zufällig auf einem Kreuzfahrtschiff. «Das Stück lebt ja von seinen unterschiedlichen Figuren, beispiels weise von diesem Paar, das 6000 Fotos und 100 Stunden Videoaufnahmen macht, vom Pärchen, das die Kreuzfahrt bei einem Wettbewerb gewonnen hat, oder von den Schwiegereltern des Kapitäns.» Die Begegnungen und Situationen auf dem Schiff sind zum Teil umwerfend komisch  zumindest auf den ersten Blick. «Mein Stück ist eine Groteske. Hinter dem Lustigen lauert stets das Traurige», sagt die Autorin. Da gehe es um witzige, aber auch um sehr berührende Momente. Es brauche dieses Wechsel bad der Gefühle. «Die Leute auf dem Schiff gehen einem auf den Nerv und gleichzeitig empfindet man Sympathie für sie. Man erkennt sich in ihnen selber wieder.»

Ausweglosigkeit und Illusion

Im Stück wird als Möglichkeit angedeutet, dass das Flüchtlingsschiff nur eine Fata Morgana sein könnte. Dabei gehe es nicht so sehr um aktive Verdrängung, sondern eher um das Phänomen, dass man so etwas Überwältigendes im Grunde genommen buchstäblich nicht für wahr nehmen kann. Es ist etwas, für das es weder eine menschenfreundliche noch eine menschenfeindliche Lösung gibt. Deshalb bekomme das im Stück den Charakter einer Fata Morgana, einer Illusion. «Das hat damit zu tun, dass der Mensch nicht global trauern und nicht global empathisch sein kann. Gerade das ist der grosse Irrtum der Globalisierung.» Die Idee, die Groteske auf einem Kreuzfahrtschiff spielen zu lassen, kam der Autorin beim Gedanken an den Spielort: «Ich wurdebewusst oder unbewusstdurch die Architektur des Chärnehus-Theaterraums inspiriert. Dieser Raum mit seinen Galerien, die wie Reelings den Raum umfassen, hat etwas von einem Schiff.» Sie habe zu Recherchezwecken auch selbst eine Mini-Kreuzfahrt gemacht, berichtet Widmer. «Es war aber kein Vergnügen.» Schliesslich habe sie ja nicht im Liegestuhl sitzen und aufs Meer hinausschauen können, sondern sich mitten in dieses Treiben hineinbegeben müssen. Es sei unglaublich, was da alles abgehe, all diese Fressorgien, Saufgelage und Animationen. Aber das könne man natürlich nicht eins zu eins fürs Theater verwenden. Als Inspiration sei es aber wertvoll.

Viel Zeit zumSchreiben

«Schreibe ich am Stück, führt der Weg weg vom Erlebten. Oder anders gesagt, es geht darum, es auf höherer oder anderer Ebene wieder zusammenzusetzen.» Da sei es ein Vorteil, wenn man fürs Schreiben, wie diesmal, relativ viel Zeit zur Verfügung habe. Angefangen hat Gisela Widmer im Februar vor einem Jahr, nachdem sie die Anfrage von der Theatergruppe Chärnehus bekommen hatte. Das Schreiben

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

08.05.2015

Webcode

www.schwyzkultur.ch/9UsNKj