Alle vereint: Schauspieler, Künstler, Bühnencrew sowie künstlerischer und technischer Stab. Bild Franz Kälin
Alle vereint: Schauspieler, Künstler, Bühnencrew sowie künstlerischer und technischer Stab. Bild Franz Kälin

Bühne

Witzig und zum Nachdenken anregend

Am vergangenen Freitag ging im Theatersaal der Stiftsschule die Premiere von Ludwig Tiecks «Der gestiefelte Kater» über die Bühne. Die zahlreichen Zuschauer sahen ein Stück, das nicht nur voller Witz war, sondern auch zum Denken anregte.

Bereits zum 13. Mal hat Oscar Sales Bingisser die Verantwortung für das alljährliche Stiftstheater übernommen, und es ist anzunehmen, dass sich seine Tätigkeit als Regisseur dieses Jahr genauso anstrengend wie jedes Jahr gestaltet. Wie inszeniere ich  zusammen mit etwa einem Dutzend Jugendlicher  ein Stück Weltliteratur, wie präsentiere ich einen anspruchsvollen Inhalt in einer angemessenen Form? Gewiss lässt sich dies nur mit viel Anstrengung tun, und so hat Bingisser mit einigen Schülern während rund sechs Monaten intensiv gearbeitet. Vorneweg: Diese Arbeit lässt sich sehen. Wer am vergangenen Freitag im Theatersaal der Stiftsschule die Premiere von Ludwig Tiecks «Der gestiefelte Kater» besuchte, konnte kaum umhin, die leidenschaftliche Inszenierung zu mögen.

Um was ging es?

Nun, diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Dargeboten wurde Ludwig Tiecks «Der gestiefelte Kater», eine erstmals im Jahre 1797 präsentierte Komödie. Die Handlung ist schnell erzählt, mit der Interpretation verhält es sich dann aber umgekehrt. Folgendes passiert: In Ludwig Tiecks Theaterstück wird ein Theaterstück aufgeführt; auf der Bühne sind also Regisseur und Publikum und Schauspieler sowie, Clou der ganzen Sache, ein gestiefelter Kater zu beobachten. Mit sei nem Einfall eines gestiefelten, natürlich auch sprechenden Katers sieht sich der Regisseur als schöpferischer Avantgardist; sein Malheur liegt indes bei der Missgunst des Publikums, welches mit derartiger Surrealität wenig anzufangen weiss. In der Folge gibt es ein stetiges Hin und Her zwischen dem Künstler und seiner Zuhörerschaft; ist er jetzt ein Genie oder ein Scharlatan?

Scharlatan

Das Publikum - gemeint ist dasjenige, das auf der Bühne des Stiftstheaters zu sehen war - ist sich zum Schluss des Stückes, ge nauer gesagt: zum Schluss beider Stücke sicher: Der Regisseur ist ein Scharlatan, einer, der mit seinem surrealen Kater den intellektuellen Ansprüchen der Zuschauer nicht genügt. Doch was will Tieck, dieses «Wunderkind» aus der Zeit der Romantik, damit sagen? Einige Interpreten meinen, Tieck kritisiere die Theaterbesucher seiner Zeit, welche ihm gemäss keine Phantasie besitzen, andere finden, er rüge die Autoren seiner Zunft, welche sich seinem Urteil nach viel zu sehr um öffentliche Resonanz bemühen. Doch könnte es nicht auch sein, dass Tieck, indem er den Interpreten solche Inhalte vorsetzt, seine Genialität feiert? So verstanden wäre der Kater und die Diskussion der - zwei - Publikum bloss Zeichen zur Veranschaulichung seiner künstlerischen Kraft, einer Kraft, welche diejenige des Publikums stets übersteigt.

Besuchenswert

Wie dem auch sei: Oscar Sales Bingisser hat in Zusammenarbeit mit der Stiftsschule ein Stück aufgeführt, welches sich zu besuchen lohnt. Die Leistung der Theater gruppe ist im Allgemeinen zu loben; es ist an dieser Stelle unangebracht, einzelne Schauspieler hervorzuheben, auch wenn es freilich zwischen den verschiedenen Darstellern Leistungsunterschiede gibt. Ob nächstes Wochenende wieder eine Vielzahl von Besuchern ins Stiftstheater pilgern wird, um sich - wer weiss? - mit den Tieckschen, ja mehr noch, mit den eigenen, sozusagen besucherischen Überlegungen auseinanderzusetzen? Es ist zu empfehlen.

WeitereVorführungen finden am 20. und 21. März jeweils um 20 Uhr statt.


Einsiedler Anzeiger (chm)

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

17.03.2015

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