Mag die aktuelle Ausstellung auch «Fest und Öffentlichkeit» heissen (Bild 2019): Für Werner Oechslin gibts in diesen Tagen keinen Grund für eine Feier. Foto: Archiv EA
Mag die aktuelle Ausstellung auch «Fest und Öffentlichkeit» heissen (Bild 2019): Für Werner Oechslin gibts in diesen Tagen keinen Grund für eine Feier. Foto: Archiv EA

Dies & Das

«Das ist eine ernste Krise»

Die Stiftung Bibliothek Werner Oechslin krankt weiter an finanziellen und strukturellen Problemen. Die Fieberkurve steigt. Der Sanierungsplan ist gescheitert und der Präsident zurückgetreten.

Werner Oechslin, Stifter und Vizepräsident des Verwaltungsrats, spricht von einer «ernsten Krise». Lieber würde er in diesen Tagen zwar schweigen und erst «weitere Gespräche» abwarten. Doch im Amtsblatt vom 17. Juli dieses Jahres stand es schwarz auf weiss: Drei Personen sind aus dem Stiftungsrat Bibliothek Werner Oechslin ausgetreten. Es sind dies Wolfgang Gaehtgens, der Autor Thomas Hürlimann und vor allem Gerhard Schmitt aus Egg, seines Zeichens Präsident und vor gut drei Jahren ins Greminum gekommen, um die finanzielle Situation der Bibliothek zu bereinigen. Nur damit, so die damalige wie heutige Überlegung, liesse sich der wissenschaftliche Betrieb (Forschung am Buch) überhaupt aufrecht erhalten. Im Juli 2020 ist Gerhard Schmitt zurückgetreten. Die Probleme sind geblieben, das Präsidium ist vakant.

Sanierung gescheitert


Untätig geblieben ist der Stiftungsrat in dieser Zeit nicht. 2018 entwickelte er eine Strategie, um das Bibliotheksgebäude zu entschulden, die Bücherbestände mittelfristig in die Stiftung zu überführen sowie die Finanzierung zu diversifizieren. Die Probleme sind nicht nur an der Luegetenstrasse 11 bekannt, sondern seit dem Bundesverwaltungsgerichtsur teil vom 2. Oktober 2017 quasi öffentlich (siehe Box). «Spätestens nach diesem Urteil war klar, dass die finanzielle Situation der Bibliothek geklärt werden muss», blickt Schmitt im Gespräch mit unserer Zeitung zurück. Denn der Bestand der Bücher gehört unverändert zum grössten Teil der Familie Oechslin, ebenso das Land, auf dem die Bibliothek steht, welche zusätzlich noch verschuldet ist. Gemäss Schmitt sei ein Sanierungspaket geschnürt worden, das «die Familie Oechslin aber wiederholt als Bedrohung empfunden und abgelehnt » habe. «Dreieinhalb Jahre lang haben wir versucht, die Probleme zu lösen», beteuert Schmitt. «Doch in dieser Konstellation ist eine Sanierung nicht möglich.» In Konsequenz dessen reichte er seinen Rücktritt als Präsident und Verwaltungsrat ein. Das Amt ist seither verwaist; interimistisch leitet Werner Oechslin die Geschäfte. «Der Betrieb und die Stiftung können ihre Aufgabe weiterhin wahrnehmen», versichert dieser.

«Es ist alles denkbar»


Doch es kracht mächtig im Gebälk. «Die Krise ist derart ernst, dass wir uns als Stifter alles überlegen», steckt Werner Oechslin den Rahmen (weit) ab – von einer Fortführung bis hin zur Auflösung von Stiftung und Bibliothek. Noch hat er die Zuversicht nicht gänzlich verloren, sondern erwähnt «verschiedene Szenarien » in der Hoffnung, dass der «Plan B greift und nicht Plan C oder D». Konkreter will er zu diesem Thema derzeit nicht werden. Die Situation ist tatsächlich vertrackt. Zwar hat die Stiftung erneut ein Gesuch um Bundeshilfe gestellt, doch selbst Oechslin hält aufgrund des Urteils 2017 die Chancen einer Berücksichtigung für «minim». Die Situation sei absurd: «Die Stiftung braucht Geld. Aber der Bund gewährt uns keine Unterstützung, solange wir unsere finanziellen Probleme nicht gelöst haben. Doch genau dafür brauchen wir Geld. Man müsste Münchhausen sein», räsoniert Oechslin, «um sich selbst aus dem Sumpf ziehen zu können». Der Kooperationsvertrag mit der ETH Zürich garantiert der Bibliothek zwar jährlich eine Million Franken, doch werden diese Gelder vorwiegend für den Betrieb benötigt.

«Es geht jetzt um die Wurst»


Für Oechslin, der sein «ganzes Vermögen in die Bibliothek gesteckt » hat, sind die Satzungen der Stiftungsurkunde zentral. Sinngemäss sichern diese den Standort des Gebäudes und der Bücher sowie den Auftrag der Bibliothek als Forschungsstätte mit dem Zweck, Leistungen insbesondere für die Geisteswissenschaften zu erbringen. Das erwähnte Sanierungspaket hat sich nach Auffassung Oechslins allerdings «gegen die Satzungen der Stiftungsurkunde gerichtet». Für ihn stehen die Interessen der Geldgeber im Widerspruch «zum Zweck und zum Inhalt» der Stiftung. «Wer zahlt, befiehlt», weiss auch Oechslin. «Doch dafür bin ich nicht bereit. » Selbst unter Vermittlung eines alt Bundesrates konnten die Gräben nicht zugeschüttet werden. Für Oechslin hat «nicht ein Mangel an Leistung oder Qualität » diese Krise verursacht: «Es geht nicht um Inhalt und Wissenschaft, sondern um Macht.» «Dabei», betont Oechslin wiederholt, «beruht unsere internationale Anerkennung genau auf der spezifischen Eigenart unserer Bibliothek. Man kann jedoch diese Leistungen totschweigen und nur auf die finanziellen Probleme hinweisen.» Persönlich enttäuscht ihn, dass die «Leistungen der Bibliothek institutionell nicht respektiert werden». Was die Zukunft bringt, weiss selbst Werner Oechslin nicht. Doch zum Abschluss des Gespräches bilanziert er: «Es geht jetzt um die Wurst.»

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2017: Ein niederschmetterndes Urteil


Das Bundesverwaltungsgericht hatte am 2. Oktober 2017 eine Beschwerde der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin abgewiesen und den Entscheid des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung gestützt (EA 81/17). Damit wurde letztinstanzlich geklärt, dass die Einsiedler Institution keine neuen Forschungsgelder erhält. Diese hatte für die Jahre 2017– 2020 ein Gesuch über einen Beitrag von 5,45 Millionen Franken gestellt, um die laufende Bücherinventarisierung beschleunigt abschliessen zu können. Die Ablehnung begründete das zuständige Departement primär mit finanziellen Argumenten. Die Bibliothek selbst erhielt von den Behörden auf jeder Stufe hingegen exzellente Noten. Für seine Evaluation betrachtete das Departement auch die finanzielle Situation der Stiftung. In den Bereichen Entschuldung und Bücherkauf stellte es bereits damals «gewisse finanzielle Unsicherheiten und Risiken» fest, was gegen eine Gewährung von Finanzhilfen gesprochen hat. So sei nicht ersichtlich, wie die Stiftung mit den in den nächsten Jahren fälligen Darlehen über 2,5 Millionen Franken umzugehen plane, oder wie die Stiftung die Sicherung des Bücherbestandes garantiere, da sich die Mehrheit des Bestandes noch immer im Besitz der Familie Oechslin befinde.

Ein Zentrum wissenschaftlicher Forschung


Ende 1998 wurde die Stiftung Bibliothek Werner Oechslin mit Sitz in Einsiedeln gegründet und zu Beginn des Jahres 1999 ein Nutzungsvertrag mit der ETH Zürich abgeschlossen. Damit konnten die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit der Stiftung geschaffen werden. Als selbstständige, kleine und dynamische Institution, die durch die feste Verbindung zur ETH Zürich in die Hochschullandschaft eingebunden ist, soll die Bibliothek zu einem Kompetenzschwerpunkt werden, zu einem Zentrum wissenschaftlicher Forschung. Auf die Qualität der Bibliothek Werner Oechslin ist von vielen Seiten hingewiesen worden. Die Initiative, diese Quellensammlung einer wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich zu machen, erregte weltweit Aufsehen und veranlasste viele prominente Wissenschaftler zu positiven Reaktionen. Aber auch Institutionen, wie etwa die International Society for Intellectual History, die den kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhang als aktuelle Forschungsaufgabe erkannt haben, begrüssten diesen Schritt. Seit dem Abschluss eines neuen Nutzungsvertrages mit der ETH Zürich Ende 2009 hat die Bibliothek die offizielle Bezeichnung Stiftung Bibliothek Werner Oechslin, eine Forschungsbibliothek in Kooperation mit der ETH Zürich. o

Einsiedler Anzeiger / Victor Kälin

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Dies & Das

Publiziert am

04.08.2020

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