Auf dem Estrich gehts rund, die Brandstifterinnen tanzen Gottlieb Biedermann auf der Nase herum, der Polizist und die Feuerwehrleute schauen zu.  Foto: Gina Graber
Auf dem Estrich gehts rund, die Brandstifterinnen tanzen Gottlieb Biedermann auf der Nase herum, der Polizist und die Feuerwehrleute schauen zu. Foto: Gina Graber

Bühne

Die Wahrheit will man nicht wahrhaben

Premierenabend des Stiftstheaters mit Frischs «Biedermann und die Brandstifter»: Unter der Regie von Oscar Sales Bingisser ist den jungen Darstellenden des Stiftstheaters eine beeindruckende Aufführung gelungen, die beim Publikum im Nachgang manche Diskussion um Menschlichkeit, Wahrheit und Zivilcourage auslösen dürfte.

Die Geschichte beginnt unterschwellig harmlos und endet in einem Inferno. Dabei wollte Gottlieb Biedermann, ein Durchschnittsbürger und Haarwasserfabrikant, doch nur mensch-lich sein. Sein naiver Plan, aus seiner Menschlichkeit Profit zu schlagen, um vor den grassierenden Brandstiftungen verschont zu bleiben, führt alle in die Katastrophe.

Die politische Parabel von Max Frisch wurde vor 64 Jahren uraufgeführt und bietet seither Stoff für Diskussionen über Gut und Böse, über Ethik und Moral. «Für die Schülerinnen und Schüler war die Erarbeitung des Stücks angewandter Geschichtsunterricht », berichtet Regisseur Oscar Bingisser von seiner Arbeit mit den Jugendlichen. Das Resultat dieser Auseinandersetzung ist eine überzeugende Darbietung der Handlung, die nichts von ihrer Brisanz verloren hat.

Verhängnisvolle Spirale in den Abgrund


Die Szenerie beginnt gespenstisch: Feuerwehrleute sitzen auf der Bühne verteilt herum, harren der Dinge und beschwören das Schicksal im Chor. Der behäbige Herr Biedermann (Ricardo Riniker) zündet sich eine Zigarre an, Dienstmädchen Anna (Julia Fekete) meldet ihm einen Besuch, der alsbald eintritt: Josefina «Josy» Schmitz (Jasmin Besmer), ehemalige Ringerin und – was Biedermann noch nicht ahnt – Brandstifterin. Durch ihr selbstbewusstes Auftreten im bunten Dirndl (Kostüme: Patricia Schönbächler) manipuliert sie Biedermann geschickt, so dass er ihr auf dem Estrich ein Nachtquartier zur Verfügung stellt. Später gesellt sich Josys Komplizin Wilhelmina «Wilma » Eisenring (Anna Höfliger) dazu. Biedermann lässt sie aus «Menschlichkeit» gewähren und verköstigt sie grosszügig.

Biedermann gerät zusehends in eine Spirale von Überheblichkeit, Selbstbetrug und schlechtem Gewissen, die sein Handeln bestimmen. Selbst als Wilma und Josy etliche Benzinfässer auf den Estrich schaffen und ihre Pläne nicht verheimlichen, gelingt es dem selbstgerechten Bürger nicht, der Wahrheit ins Auge zu sehen und couragiert zu handeln. Haaröl befinde sich in den Fässern, behauptet er gegenüber dem Polizisten (Tobias Freund), der ihm über den Selbstmord eines seiner Mitarbeiter berichtet, den er, Biedermann, kürzlich entlassen hatte.

Manipulative Brandstifterinnen


Biedermann und seine Frau Babette (Prisca Barothy) verlieren mehr und mehr die Kontrolle über ihr Handeln und lassen sich von den Brandstifterinnen alles gefallen. Durch deren subtile Manipulationen glauben Herr und Frau Biedermann bis zum Schluss,

sie selbst handelten menschlich und aus freiem Willen. Auch der warnende Chor der Feuerwehrleute (Dorine Brandenberg, Salome Brandenberg, Ella Brunner, Alessia Büeler, Olivia Lüönd, Victoria Schönbächler, Sina Steiner) vermag nichts zu bewirken; angesichts des bevorstehenden Feuersturms bleiben sie taten- und wehrlos.

Nach dem Schlussvorhang herrschte Stille im Theatersaal, bevor der Applaus einsetzte und wie eine Welle anschwoll. Max Frischs burleskes Drama und dessen Darbietung machten einen Moment lang sprachlos. Sowohl die Hauptdarstellerinnen und -darsteller wie auch die Mitglieder des Feuerwehrchors leisteten mit «Biedermann und die Brandstifter» grossartiges Laienbühnenhandwerk.

Darstellerinnen und Darsteller von Format Ricardo Riniker hatte wegen einer Umstellung im Ensemble nur gerade drei Monate Zeit,seine Hauptrolle einzustudieren. Seinem Biedermann, einer Papa- Moll-Karikatur, schaut man fasziniert und fassungslos zu, wie er zugrunde geht. Prisca Barothy als seine Frau Babette gibt die vertrauensselige Hausfrau mit der eleganten Fassade wie einem betulichen Familienfilm entsprungen. Die Brandstifterin Schmitz wird durch Jasmin Besmer zur todbringenden Amazone mit flammendem Haar und derbem Schalk, im Gegensatz dazu spielt Anna Höfliger den zu allem entschlossenen Todesengel Eisenring leidenschaftlich kühl. Julia Fekete zeigt, dass Anna Charakter und gesunden Menschenverstand hätte, die ihr als Dienstmädchen in der hoffnungslosen Situation im Hause Biedermann aber nichts nützen. Tobias Freund hat sowohl als Polizist als auch als Witwe des Selbstmörders zwei kurze, prägnante Auftritte. Fredi Trütschs schnörkelloses Bühnenbild passt zu der biedermännischen Wehrlosigkeit, Veit Kälin hat das spiessige Ambiente des Haarwasserfabrikanten ins rechte Licht getaucht. Gemäss Max Frisch ist sein «Biedermann und die Brandstifter » ein Lehrstück ohne Lehre. Die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine zeigen, dass sein Drama zeitlos ist und auch heute noch beklommen macht.

Einsiedler Anzeiger / Gina Graber

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

22.03.2022

Webcode

www.schwyzkultur.ch/QQ4PY8