Co-Kurator Pater Lukas Helg erklärt Leben und Werk des Komponisten Pater Anselm Schubiger aus Uznach (1815 bis 1888).
Co-Kurator Pater Lukas Helg erklärt Leben und Werk des Komponisten Pater Anselm Schubiger aus Uznach (1815 bis 1888).
Co-Kurator Christoph Riedo erklärt die Hintergründe zum vierten Akt und schildert, wie Bellinzona zum Tor ins Land der Musik wurde
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Pater Gall Morel (1803 bis 1872) legte den Grundstein zur Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln
Pater Gall Morel (1803 bis 1872) legte den Grundstein zur Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln

Dies & Das

Musik

Das Museum Fram stellt musikalische Schätze aus dem Kloster Einsiedeln

Eine Ausstellung im Museum Fram präsentiert Notenwerke aus einer der grössten Musikbibliotheken Europas. Sie führt das Publikum in vergangene Jahrhunderte, in denen die Benediktiner musizierten, komponierten und Noten von berühmten Musikern kopierten.

Die Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln weist den grössten Bestand an Handschriften vor dem Jahr 1800 in der Schweiz auf. Die Ausstellung «Ein himmlisch Werk» zeigt ab dem 25. Mai einige der wertvollen Notenwerke, die vom   orierenden musikalischen Leben innerhalb der Einsiedler Klostermauern und von der Sammelleidenschaft der Mönche zeugen. Aus heutiger Sicht sei es unvorstellbar, was sich damals in Einsiedeln zutrug, sagte Christoph Riedo an einem Medienrundgang im Museum Fram. Der Co-Kurator der Ausstellung schilderte, wie die Mönche ihre Leidenschaft für die Oper in die Kirche trugen und im Gottesdienst die Ouvertüre zur «Hochzeit des Figaro» von Wolfgang Amadeus Mozart spielten. Das sorgfältig geführte Kapellmeisterbuch zeuge davon. «Aktenkundig ist auch, dass bei Inszenierungen im Stiftstheater bekannte Werke umgeschrieben wurden, weil im Gymnasium keine Mädchen zugelassen waren», sagte Riedo: So sei denn aus Gaetano Donizettis «Fille du régiment» ohne Rücksicht auf Verluste «Der Regimentsbursche» geworden. Den Grundstein für die beeindruckende Sammlung mit einigen Kuriositäten und zahllosen Kostbarkeiten legte Pater Gall Morel, der im 19. Jahrhundert für das Kloster Einsiedeln neben einem Skizzenblatt von Mozart auch Briefe von Mendelssohn, Liszt, Verdi und Wagner erwarb.


Wie die Landeshymne entstand


«Die Besucher können Johann Christian Bach und Abschriften seiner Werke begegnen, die neben den Autografen die ältesten überlieferten Quellen des katholischen Bach sind», sagte Co-Kurator Pater Lukas Helg, der seit 42 Jahren die Musikbibliothek des Klosters Einsiedeln leitet: «Das Publikum macht Bekanntschaft mit klostereigenen Komponisten wie Pater Daniel Meier, der von seinem Lehrer Paul Hindemith gezeichnete Neujahrsgrüsse erhielt.» Ganz und gar schweizerisch sei die Aufzeichnung einer Messe für Männerchor von Pater Alberik Zwyssig aus Bauen im Kanton Uri. Darin enthalten sei das Graduale «Diligam te Domine», aus dem später – mit neuem Text – der Schweizerpsalm und schliesslich die Landeshymne wurde. Der Raum des Museums Fram wird in sieben Bereiche aufgeteilt, welche die Schätze der Musikbibliothek in einer Ouvertüre und sechs Akten präsentieren. Es gibt an der Ausstellung Musik nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören, einerseits mit Audioguides, andererseits in einem speziell eingerichteten Auditorium, in dem die Besucher länger verweilen und Werken zuhören können, die in der Bibliothek archiviert sind.


Zwischen Gottesdienst und Bühne


Seit dem 10. Jahrhundert lebe eine Mönchsgemeinschaft in Einsiedeln, die ihren Tagesablauf nach der Regel des heiligen Benedikt von Nursia gestaltet, sagte Pater Lukas Helg: Jeder Tag sei vom Gebet, von der Arbeit und von der geistlichen Lesung bestimmt. «Da mindestens ein Teil des täglichen Gebets gesungen werden soll, erstaunt es nicht, wenn sich in einer über tausendjährigen Klostertradition ein riesiger Bestand an gesungener Gottesdienstmusik angesammelt hat», führte Helg aus: Viele dieser Werke seien von klostereigenen Komponisten geschaffen worden, denen der erste Akt der Ausstellung gewidmet ist. Darunter sind Ulrich Wittwiler, Anselm Schubiger, Oswald Jaeggi, der Hindemith-Schüler Daniel Meier und der Bartolucci-Schüler Theo Flury zu finden, der mit Jahrgang 1955 der Jüngste in der langen Reihe der «Hauskomponisten» ist. «Im Lauf der Geschichte haben sowohl klostereigene als auch Komponisten ausserhalb des Klosters, die mit Einsiedeln in persönlicher Verbindung standen, Werke für den Gottesdienst geschaffen», konstatierte Walter Kälin, Präsident des Fram-Clubs und der Stiftung Kulturerbe Einsiedeln: Speziell zu erwähnen seien neben Motetten und anderen kleinen Kompositionen grosse Messen wie die beiden «Einsiedler Messen» von Hans Huber und Albert Jenny. Die Musik für den Gottesdienst wird im zweiten Akt der Ausstellung dargestellt. «Dabei wird auch erzählt, dass bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in der Kirche erstaunlicherweise Musik aus Opern gespielt wurde», stellte Kälin fest: So erklang denn zum Beispiel ein Magnificat mit Musik aus Mozarts «Le nozze di Figaro», wobei aus der Arie «Contessa perdono» kurzerhand ein «Gloria patri» wurde.


Mönche bearbeiten hemmungslos


Noch vor dem legendären Zyklus im Opernhaus Zürich führten 1965 Einsiedler Stiftsschüler Monteverdis «Orfeo» auf. Ein Jahr später versiegte die Operntradition an der Stiftsschule, die bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nachweisbar ist. «Da es bis 1970 keine Mädchen am Gymnasium gab, wurden die Opern von den Mönchen hemmungslos bearbeitet, sodass aus Frauenpartien Männerrollen wurden», erzählte Pater Lukas: Im dritten Akt «Operntradition an der Klosterschule » würden denn dem Publikum ein paar Kuriositäten präsentiert. Im vierten Akt wird gezeigt, welche Auswirkungen die Schule hatte, die das Kloster von 1675 bis 1852 in Bellinzona führte. «Über diese Filiale kamen grosse Bestände oberitalienischer Musik ins Heimatkloster, welche die im Tessin wirkenden Einsiedler Patres in Mailand und an anderen Orten Oberitaliens entdeckten und kopierten», sagte Riedo: Werke von über fünfzig Komponisten aus der lombardischen Metropole befänden sich in der Musikbibliothek, darunter sechs Original-Partituren des Mailänder Domkapellmeisters Carlo Donato Cossoni (1623–1700). Von unschätzbarem Wert seien auch die hundert zeitgenössischen Abschriften von katholischer Kirchenmusik des jüngsten Bach-Sohnes Johann Christian Bach (1735 bis 1782), der sich in jungen Jahren in Mailand aufhielt.


Von welscher zu deutscher Musik


Der fünfte Akt zeigt derweil die Auswirkungen der Französischen Revolution auf das Musikleben im Kloster Einsiedeln. «Im Jahr 1798 musste der aus 93 Mönchen bestehende Konvent   iehen», berichtete Helg: Die Patres liessen sich zum grössten Teil im vorarlbergischen St. Gerold nieder und steuerten von dort aus verschiedene Klöster in Österreich und Deutschland an. «Eine wahre Offenbarung war für sie die Musik von Joseph Haydn», sagte Pater Lukas: Seine Streichquartette, Sinfonien, Messen und Oratorien hätten dazu beigetragen, dass sich die Einsiedler von der «welschen Musik» ab- und der deutschen Musik zuwandten. Ein herausragender Einsiedler Mönch schliesslich steht im Mittelpunkt des sechsten und letzten Akts: Pater Gall Morel. Dieser gelte auch aus heutiger Sicht als «der universalste Geist, den das Stift besessen», wie es im Professbuch des Klosters heisst. Er erstellte im Jahr 1835 zusammen mit den Novizen das erste Verzeichnis der vorhandenen Notenwerke und legte damit den Grundstein für die Einsiedler Musikbibliothek. Zudem erweiterte Morel die Bibliothek um 27’000 Bücher, Manuskripte und kostbare Autografen, etwa von Mozart, Mendelssohn, Liszt, Verdi und Wagner. In einer Zugabe kommt mit Artur Beul (1915 bis 2010) ein Komponist aus dem Klosterdorf zu Ehren: Vom Schöpfer zahlreicher Evergreens wie «Nach em Räge schint Sunne» oder «Stägeli uf, Stägeli ab» liegt die Aufzeichnung des Schlagers «Am Himmel stoht es Sternli z’Nacht» in der Musikbibliothek des Klosters in Einsiedeln.


Bis Ende September geöffnet


Die Ausstellung «Ein himmlisch Werk» geht vom 25. Mai bis 29. September im Museum Fram in Einsiedeln über die Bühne.


Einsiedler Anzeiger / ml.

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Dies & Das
  • Musik

Publiziert am

21.05.2019

Webcode

schwyzkultur.ch/bSQUKa