Richard Mörgeli, Präsident des Schwyzer Kantonal Musikverbands, spielt mit Leidenschaft Bassklarinette: «Dieses Instrument hat einen einmalig wundersam warmen Klang.» Foto: Magnus Leibundgut o
Richard Mörgeli, Präsident des Schwyzer Kantonal Musikverbands, spielt mit Leidenschaft Bassklarinette: «Dieses Instrument hat einen einmalig wundersam warmen Klang.» Foto: Magnus Leibundgut o

Musik

«Ein Dorf ohne Musik ist wie eine Suppe ohne Salz»

Richard Mörgeli heisst der neue Präsident des Schwyzer Kantonal Musikverbands (SKMV): Der 65-jährige Einsiedler ist ein begeisterter Musikant und offen für gute Ideen: Er will den Verband wieder näher zu den Musikvereinen führen und das Kulturgut Musik pflegen und erhalten.

Magnus Leibundgut: Wie sind Sie zum Präsidentenamt gekommen – wie die Jungfrau zum Kind?


Richard Mörgeli: Zum Verband bin ich in der Tat durch eine lustige Geschichte gekommen: An einem Chlaushöck bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass es an Leuten fehlt im Vorstand des Musikverbands. So bin ich fürs Erste während fünf Jahren Kassier beim SKMV geworden. Denn Zahlen liegen mir. Ich bin nicht der grosse Kommunikator, der vor die Leute hinsteht. Deswegen habe ich damals nicht das Ressort Kommunikation übernommen. Unverhofft bin ich jetzt ins Präsidium nachgerückt und hoffe, mit meinen Ideen dieses Amt bereichern zu können.

War es ein Bubentraum von Ihnen, Präsident zu werden?


Nein, das wäre wohl zu weit hergeholt: Ich agiere lieber hinter den Kulissen und habe dies auch in meinem Berufsleben als Techniker und EDV-Fachmann tun können. Ich sehe die Funktion eines Präsidenten beim SKMV als die eines Bindeglieds zwischen den Musikvereinen und dem Schweizer Blasmusikverband (SBV): Ich möchte den Verband wieder näher zu den Vereinen führen.

Was möchten Sie als Präsident des SKMV bewegen?


Ich möchte das Kulturgut Musik pflegen und erhalten. Denn ein Dorf ohne Musik ist wie eine Suppe ohne Salz. Just im Kanton Schwyz verfügt die Blasmusik über eine überaus lange und reichhaltige Tradition. So gehört die vor 216 Jahren gegründete Musikgesellschaft Konkordia Einsiedeln zu den ältesten Vereinen im Kanton Schwyz, der eine wahre Blasmusik-Hochburg ist. Den Verband möchte ich erneuern und modernisieren, ihn in das elektronische Zeitalter führen. Die Kommunikation ist seit Langem das Sorgenkind des SKMV. So sind wir fürs Erste auf der Suche nach einem Vorstandsmitglied, welches das Ressort Kommunikation übernehmen würde.

Um welche Aufgaben sollte sich ein Verantwortlicher des Ressorts Kommunikation kümmern?


Dieser sollte in der Lage sein, die Homepage des SKMV zu erneuern, einen Newsletter via E-Mail aufzugleisen und Kanäle von Social Media zu betreiben: Es ist an der Zeit, dass der Verband auf Facebook, Instagram und Twitter vertreten wäre. Das ist ein Gebot der Zeit: Wir können uns nicht länger dem Zeitgeist verweigern. Diese neuen Aufgaben sind naturgemäss mit viel Arbeit und Verantwortung verbunden.

Welchen Zweck erfüllt der SKMV?


Es gilt das Kulturgut Musik zu pflegen und weiterzubringen. Ganz wesentlich hierzu trägt die Ausbildung der jungen Musikantinnen und Musikanten bei: Der SKMV organisiert Kurse, Instrumenten-Workshops und Dirigentenkurse. Neu wird auch Musiktheorie zum Thema beim Verband: So rücken Registerleiterkurse in den Fokus.

Wieso braucht es den SKMV?


Es gilt den Jungen zu zeigen: Hey, wir machen etwas! Die Jugendförderung gehört denn zu den wichtigsten Zielen des Verbands: Es ist wichtig, junge Leute für die Blasmusik begeistern zu können. Der SKMV soll ein Bindeglied zwischen den Musikvereinen und dem SBV sein. Zu den Aufgaben des Verbands gehört zudem die Organisation des alle fünf Jahre stattfindenden Musikfestes und die Zusammenarbeit mit den Gesangsvereinen und -verbänden.

Vielen Musikvereinen mangelt es an Nachwuchs: Wie können Vereine junge Leute zum Eintritt bewegen?


Es ist ganz wichtig, den Kontakt zu den Musikschulen zu suchen, um dort die Jungen abzuholen und sie für das Vereinswesen gewinnen zu können. Die Jungen in der heutigen Zeit spielen immer noch wie früher ein Instrument. Aber es gibt die Tendenz seit den Nullerjahren, dass sie nach der Musikschule nicht mehr weiter in einen Erwachsenenverein übertreten. Mit der Organisation von Lagern in Jugendblasorchestern versuchen wir überdies auf ein Netzwerk zurückzugreifen, in dem Junge miteinander verbunden sind. Junge sind gut darin, Leute zu finden, wenn sie eine Aushilfe für ihre Musik brauchen. Dieses Netzwerk ist Gold wert.

Wieso darben viele Vereine generell in der jetzigen Zeit?


Die Leute sind grundsätzlich nicht mehr daran interessiert, sich an einen Verein zu binden. Vielmehr steht bei vielen Projektarbeit im Fokus: Man engagiert sich vielleicht noch für ein vorübergehendes Adhoc-Projekt. Das ist natürlich sehr schade, weil Vereine einem ja auch sehr viel bringen können, eine Art Familie bedeuten, ein Netzwerk. Vereine sind in der Lage, ihren Mitgliedern in ihrem Leben helfen zu können. Die Leute haben entweder keine Zeit oder keine Lust mehr, sich für einen Verein zu engagieren und wöchentlich zu proben. Sicherlich hat die Misere auch mit einem ausufernden Freizeitangebot zu tun. Und mit der Tendenz einer Individualisierung in unserer Gesellschaft: Wer nur noch individuell unterwegs ist, hat kein Interesse mehr, sich für etwas Gemeinsames zu engagieren.

Aus welchen Gründen verliert die Freiwilligenarbeit in unserer Gesellschaft an Stellenwert?


Zu beobachten ist, dass Neuzuzüger in der heutigen Zeit für sich bleiben wollen und kein Interesse zeigen, sich einen neuen Freundeskreis in ihrem neuen Wohnort aufzubauen. So wird eine Gemeinde zu einem Schlafdorf, und die Freiwilligenarbeit bleibt auf der Strecke. Aber die Leute vergessen, was sie ohne das Vereinswesen verpassen. Als wir vor 28 Jahren nach Einsiedeln gezogen sind, ist meine Frau in den Frauenverein und ich in die Musikgesellschaft Konkordia eingetreten. Das hat uns sehr geholfen bei der Integration: Wir fühlen uns sehr verbunden mit den Menschen im Klosterdorf. Und in Einsiedeln ist das Vereinsleben ja auch immer noch sehr rege: In jedem Viertel, ausser in Trachslau, gibt es einen Musikverein. Von der Hand weisen lässt sich nichtsdestotrotz das Faktum nicht, dass auch in Einsiedeln Neuzuzüger zur Freiwilligenarbeit und zum Vereinswesen eher auf Abstand gehen. Damit gerät unweigerlich auch das Kulturgut Musik mit der Zeit in Gefahr, verloren zu gehen.

Wie sind Sie selbst in die Musik hineingeraten?


Mit zehn oder elf Jahren habe ich begonnen, Klarinette zu spielen, bin mit zwölf Jahren in die Jugendmusik und mit zwanzig Jahren in die Harmoniemusik Affoltern am Albis eingetreten. Dann habe ich für ein paar Jahre aufgehört mit der Musik: Die berufliche Weiterbildung und meine sportlichen Interessen sind im Vordergrund gestanden. Aber die Musik ist immer wieder ein Thema gewesen, besonders nach meiner Heirat. Erst bin ich in den Musikverein Schindellegi-Feusisberg und dann in die Musikgesellschaft Konkordia Einsiedeln eingetreten. Und bin nun also seither Mitglied in zwei Musikvereinen.

Ist es noch die Regel oder vielmehr die Ausnahme, dass Kinder in der heutigen Zeit ein Instrument spielen?


Das ist immer noch so, dass viele Kinder ein Instrument spielen. Allerdings hat sich der Fokus verschoben: Blasmusikinstrumente, so wie man sie in Orchestern spielt, sind out und aus der Mode geraten. In sind eher individuelle Instrumente wie die Geige, das Klavier, die Gitarre, das Schlagzeug: Diese Instrumente spielt man eher in Bands und kleinen Formationen. Aber diese Modetrends sind Wellenbewegungen unterworfen: Ich hoffe, dass die Talsohle nun erreicht ist und Blasmusikinstrumente wieder im Schwang sind. Und dass Blasmusikinstrumente wieder bei den Kindern ankommen, wenn in Parcours an den Schulen Instrumente vorgestellt werden.

Wie sind Sie ausgerechnet auf die Klarinette gekommen?


Das Instrument hat mich schon als Bub fasziniert: Die Klarinette hat eine schöne Klangfarbe, bietet viele Möglichkeiten und gehört sicherlich zu den schwierigeren Instrumenten. Meine Eltern haben mich also keineswegs zu diesem Instrument gezwungen (lacht). Hinzu kommt die faszinierende Spielart der Klarinette: Man spielt sie mit neun Fingern und dosiert die Luft mit der Lippe. Lippenstellung und Zungenarbeit sind wichtig und tragen zur Virtuosität bei.

Was fasziniert Sie an der Bassklarinette?


Bei der Bassklarinette fasziniert mich gleichsam der Klang: Man kann mit ihr ganz fein spielen und aber auch einen sagenhaften, unglaublichen Sound produzieren. Das hört man dann wirklich! Zudem geht der Tonumfang über vier Oktaven. Man kann mit der Bassklarinette begleiten und schöne Stimmungen wiedergeben: Mal wirkt sie mystisch, mal fröhlich. Gute Komponisten und Arrangeure verstehen es, die Stimme der Bassklarinette optimal und in der richtigen Lage einzusetzen.

Welches Instrument würden Sie gerne auch noch spielen?


Das Euphonium: Es ist ein tiefes Blechblasinstrument, das aufgrund seiner konischen Mensur zur Familie der Bügelhörner gehört, wie das Flügelhorn, das Tenorhorn, das Bariton und die Tuba. In seinem Klang erinnert es auch primär an letzteres Instrument – mit dem Unterschied, dass es nicht auf den Bass-, sondern den Tenor- und Baritonbereich abzielt. Das Euphonium hat einen wundersamen Klang: Kein Wunder, wird dieses Instrument unter anderem vor allem in der Filmmusik eingesetzt, um sphärische Klanglandschaften zu bilden.

Wie schätzen Sie die Unterstützung ein, die der Bezirk Einsiedeln und der Kanton Schwyz der Kultur zukommen lassen?


Bezirk und Kanton könnten mehr machen, um die Kultur zu unterstützen. Insbesondere würde ich mir wünschen, dass sie ihre Beträge für die Musikvereine anpassen beziehungsweise erhöhen würden. Ich verstehe nicht, wieso der an sich reiche Kanton Schwyz dermassen spart bei den Kulturausgaben. Da müsste die Politik über die Bücher und sich gegenüber der Kultur grosszügiger zeigen. Schliesslich müssen die Vereine zum Beispiel auch den Lohn ihres Dirigenten berappen. Ohne Sponsoring und Spenden könnten wir uns längst nicht mehr über Wasser halten.

Was halten Sie von der kantonalen Musikschulinitiative?


Ich persönlich finde diese Initiative eine gute Sache: Man sollte alle Kinder und Musikschüler gleich behandeln und die Löhne der Musiklehrer anpassen. Sonst werden unnötige Ungerechtigkeiten geschaffen. Was die Meinung des Verbands zur Musikschulinitiative betrifft: Dieser ist politisch neutral. Er hält sich demzufolge zurück mit Parolen zu politischen Vorlagen.

Fühlen Sie sich in Einsiedeln wie ein Einsiedler oder sind Sie bereits Mitglied einer Zunft?


Ich bin in Einsiedeln sehr gut aufgenommen worden und fühle mich überaus wohl im Klosterdorf. Ich zähle mich beinahe schon zu den Einheimischen – nach fast dreissig Jahren in Einsiedeln (lacht). Ohne dass ich bereits Mitglied einer Zunft geworden wäre: Dies ist wohl definitiv den Einsiedler Geschlechtern vorbehalten. Um im Klosterdorf anzukommen, muss man den Einsiedlern ein Stück weit selber entgegenkommen. Dann klappt das recht gut mit der Integration.

Einsiedler Anzeiger / Magnus Leibundgut

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

10.12.2021

Webcode

www.schwyzkultur.ch/CDDnNu