Regisseur Bernard Weber und die Mitwirkenden Nadja Räss (links) und Miriam Helle waren an der Cineboxx-Matinee anwesend. Fotos: Gina Graber
Regisseur Bernard Weber und die Mitwirkenden Nadja Räss (links) und Miriam Helle waren an der Cineboxx-Matinee anwesend. Fotos: Gina Graber
Für wissenschaftliche Zwecke jodelt Nadja Räss auch schon mal in einem Magnetresonanz- omografen. Filmausschnitt: zvg
Für wissenschaftliche Zwecke jodelt Nadja Räss auch schon mal in einem Magnetresonanz- omografen. Filmausschnitt: zvg

Film

Musik

Die Stimme ist ein Ventil für die Seele

«Der Klang der Stimme» erlebte am vergangenen Sonntag in der Einsiedler Cineboxx eine berührende Filmmatinee. Zu Gast im Einsiedler Kino war nebst Regisseur Bernard Weber auch Nadja Räss, welche in dem Film eine Nebenrolle spielt.

Das ureigene Instrument der Menschen ist die Stimme. Benützt man sie singend, schreiend, weinend oder jodelnd, setzt man – bewusst oder unbewusst – Kräfte aus seinem tiefsten Inneren frei. Davon erzählt der Dokumentarfilm «Der Klang der Stimme» von Bernard Weber. Neben dem Regisseur war unter anderen auch die Mitwirkende Nadja Räss zu Gast an der sonntäglichen Matinee im Kino Cineboxx. Musizieren ist bei Alt und Jung beliebt, sei es in einem Chor, in einer Band oder solo daheim im stillen Kämmerlein: Musik tut gut. Bernard Webers subtiler wie leidenschaftlicher Film zeigt, dass Musik noch viel mehr kann als gut tun, vor allem, wenn man die eigene Stimme dazu benützt, Klänge zu erzeugen. «Der Klang der Stimme» zeigt unterschiedliche Meisterinnen und Meister ihres Fachs bei der täglichen, teils Schweiss treibenden Arbeit an ihrer Stimme, bei der repetitiven Erarbeitung von Repertoires und beim Hinarbeiten auf öffentliche Auftritte. Als Zuschauerin oder Zuschauer hat man unmittelbar teil am Schaffen der Protagonisten an sich, im wahrsten Sinn des Wortes. Indem sie Töne aus sich heraus erzeugen, öffnen sie ihre Seele. Mitanzusehen, wie sich Menschen mittels ihrer Stimme frei machen von Ängsten und Zwängen, wie sie entfesselt oder voll konzentriert singen und unerhörte Klänge von sich geben, das fährt ein. Etliche Kinobesucherinnen und -besucher wurden am Sonntagvormittag denn auch gefühlsmässig ziemlich durchgeschüttelt.


Verrückter Beatboxer


Da ist Jazzsänger Andreas Schaerer, der schon als Kind begonnen hatte, mit seiner Stimme zu experimentieren. Staunend sieht und hört man ihm zu, wie er Knack- und Zischlaute von sich gibt, gleichzeitig durch die Nase singt und durch Wangenbewegungen Pfeiftöne erzeugt, das Ganze in einem mitreissenden Beatboxing-Tempo, dass es einem schwindlig wird. Als Jugendlicher wurde ihm gesagt, die Experimentiererei habe keinen Platz im Musikunterricht – längst füllt er mit seiner verrückten Stimmkunst Säle und heimst Preise ein. Auf anderen Bühnen ist die Sopranistin Regula Mühlemann zu Hause. Der glockenreine Klang ihrer Stimme ist das Ergebnis intensiver Arbeit. Bis eine Arie bis in die letzte musikalische und emotionale Finesse perfektioniert ist, brauchts Disziplin und Selbstvertrauen. Das Üben beschränkt sich nicht auf den Gesang, auch an der inneren und äusseren Haltung muss stetig gefeilt werden.


Stimme ist Bewegung


Die Sängerin und Jodlerin Nadja Räss lockt in ihren Jodelkursen harmonische Urklänge aus Stadtmenschen. Der Zungenschlag will gelernt sein, was sie ihren Schülern und Schülerinnen nicht zuletzt auch durch Körperarbeit beibringt. Überhaupt sind alle Protagonisten immer in Bewegung, denn die Stimme ist nicht nur anatomisch untrennbar mit unserem dynamischen Körper verbunden. Dem Phänomen Stimme hat sich Matthias Echternach verschrieben. Der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt und ausgebildete Tenor wollte wissen, was im Rachen passiert, wenn gesungen oder gejodelt wird. Um der menschlichen Klangphysik auf die Spur zu kommen, hat er unter anderem Nadja Räss und Regula Mühlemann in die MRT-Röhre gesteckt und sie dort singen und jodeln lassen. Die menschliche Stimme rein wissenschaftlich anhand anatomischer Begebenheiten erklären zu können, blieb dem singenden Stimmforscher zwar verwehrt, aber der durchleuchtende Blick auf Zunge und Stimmbänder ist auf jeden Fall faszinierend. Miriam Helle lässt ihre Stimme nicht nur zum Selbstzweck klingen. Die Stimmtherapeutin hilft Menschen in verschiedensten Lebenssituationen, die eigene Stimme zu gebrauchen, um Ängste und Verspannungen zu lösen. So bereitet sie mit Atemtechnik und Stimmarbeit auch werdende Mütter (und Väter) auf die bevorstehende Geburt vor, um dank bewusster Körper- und Atemkontrolle die Schmerzen besser aushalten zu können.


Wie ein erhörtes Gebet


Unsere eigene Stimme ist ein wichtiges Ventil, denn durch sie können wir unseren Gefühlen in Freude, Schmerz, Angst und Kampf freien Lauf lassen und auf archaische Art unser Innerstes offenbaren. Schreie, Röcheln, Grunzen und schwere Atemgeräusche sind ebenso in uns drin wie fröhlich hin geträllerte Melodien. Musik und Geräusche, die wir mit unserer eigenen Stimme erzeugen, wirken auf unsere Seele wie eine reinigende Befreiung, die vielleicht mit dem Glück eines erhörten Gebets zu vergleichen ist. Der Dokumentarfilm «Der Klang der Stimme» besticht durch eine klare Kameraführung, mal distanziert überblickend, mal ins porentiefe Detail fokussiert. Bernard Weber ist es gelungen, das Publikum über einen meisterhaften Spannungsbogen an die transzendente Wirkung der menschlichen Stimme heranzuführen.


Einsiedler Anzeiger / ggm

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Film
  • Musik

Publiziert am

20.02.2018

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schwyzkultur.ch/eUpkb4