Der Meister (Franz Kälin, rechts) und einige seiner Protagonisten (von links): Moritz Kälin, Hanspeter Kälin, Arthur Kälin und Beat Camenzind. Bild Victor Kälin
Der Meister (Franz Kälin, rechts) und einige seiner Protagonisten (von links): Moritz Kälin, Hanspeter Kälin, Arthur Kälin und Beat Camenzind. Bild Victor Kälin

Film

Ein Klassentreffen in der Cineboxx

Premiere der digitalisierten Fassung des Einsiedler Spielfilmes «absolut normal» aus dem Jahre 1984: Auch 30 Jahre nach der Erstaufführung vermag «absolut normal» das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Diesmal nicht nur als abendfüllender Spielfilm, sondern auch als Dokument seiner Zeit.

«Das hat mich berührt, als ich im Film Willi Tosoni neben mir auf der Konzertbühne sah.» Tosoni war der Gitarrist der Band «Just Friends», zu deren auch heute noch erstaunlich zeitlosen Liedern Beat Camenzind in «absolut normal» singt und tanzt. Tosoni ist vor sieben Jahren gestorben. Die Filmpremiere bescherte auch Camenzind ein emotionales Wiedersehen.

30 Jahre - eine lange Zeit

Fast alle, die vor 30 Jahren irgendetwas mit «absolut normal» zu tun hatten, fanden sich am Dienstagabend auf Einladung von Franz Kälin in der Cineboxx ein. Es war ein Klassentreffen im Banne dessen, was man miteinander erschaffen hatte. Die Stimmung war erst erwartungsvoll, dann gelöst. Man war unter sich und fand so dankbare Abnehmer der vielen Reminiszenzen, welche die Jahre überdauert haben. «An die Geschichte kann ich mich noch gut erinnern; an etliche Szenen aber nicht mehr», räumte Klaus Korner stellvertretend für etliche Schauspieler ein. Und Rosmarie «Ringgi» Oechslin war vor der Aufführung gar der Ansicht, dass Hanspeter «James» Kälin auf dem Stationenweg tatsächlich gestorben sei - bis er dann kartoffelschälend in der nächsten Einstellung mehr oder weniger fidel wieder im Bild erscheint. Die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen.

«Ansprüche, aber kein Geld»

Uneingeschränkt einig war man sich über die Verdienste von Franz Kälin. «Der war erst 23, als er über ein Jahr lang das ganze Team zusammenhielt, alles organisierte, improvisierte und gar einen Kredit aufnahm, um ein passendes Tonbandgerät kaufen zu können», wundert sich Hanspeter Kälin. «Und was er vor 30 Jahren technisch geleistet hat, davon kann man sich keinen Begriff machen - aber heute Abend hat man es gesehen.» «Ansprüche hatte ich, aber kein Geld», kramte Franz Kälin in seinen Erinnerungen. Unbedingt hätte er im breiten, aber teureren Cinemascop-Verfahren drehen wollen, was damals in der Schweiz praktisch unbekannt war. «Ein Anflug von Grössenwahn», gestand Kälin, 30 Jahre später und in der Gewissheit, damals richtig entschieden zu haben. Viermal hat er den Film damals gezeigt, «und jedes Mal hoffte ich, dass keine der 600 Klebestellen reisst». Dank der Digitalisierung ist er diese Sorgen los: In einer solchen Qualität hat man «absolut normal» noch nie gesehen. Der Meister zeigte sich zufrieden: «Ich konnte aus dem Originalmaterial einiges herausholen, der Film wirkt besser als 1984.»

In der Zeit und doch zeitlos

1984 diskutierte man in Einsiedeln über die Migros, den Waffenplatz Rothenthurm, die Legalisierung von Cannabis, das Finden eines Kulturareals oder Parkplätze auf dem Brüel. Franz Kälin und Joe Mazenauer verwoben in ihrem Drehbuch diese Themen mit den Geschichten zweier benachbarter Familien, die kaum etwas verband - und wenn schon, dann höchstens der Generationenkonflikt. Die Geschichte ist erstaunlich fliessend, manchmal auch breit und langsam, in den Dialogen oft holprig und aufgesetzt, doch kaum eine Minute langweilig. Die Musik ist eine Wucht und etliche der damals jungen oder schon gesetzteren Schauspieler agieren umwerfend natürlich. Der Film bietet dem Betrachter Variabeln - sozusagen ein Geschenk des erreichten Alters: Man kann «absolut normal» als Spielfilm sehen, als Dokumentarfilm, als Musikfilm, als Landschafts- oder Heimatfilm  Letztlich ist «absolut normal» zu einem filmischen Zeitdokument über Einsiedeln geworden. Einsiedeln, wie es einmal war - und gewissermassen noch immer ist. Allen Veränderungen zum Trotz.

«Absolut normal» in der Cineboxx: Freitag, 7.11., 18 Uhr/20.15 Uhr. Samstag, 8.11., 20.15. Sonntag, 9.11., 11 und 18 Uhr. Montag, 10.11., 20.15 Uhr. Dienstag, 11.11., 20.15 Uhr. Mittwoch, 12.11., 20.15 Uhr.



Einsiedler Anzeiger

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Film

Publiziert am

07.11.2014

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