Mit beschränkter Teilnehmerzahl und genügend Platz von Stuhl zu Stuhl konnte Nadja Räss und Markus Flückiger im Museum Fram die Premiere von «Fiisigugg» durchführen. Nadja Räss und Markus Flückiger beim musikalischen «Fläderläcklä» mit Meinrad Lienert – links der Stuhl des Dichters. Bild Gina Graber
Mit beschränkter Teilnehmerzahl und genügend Platz von Stuhl zu Stuhl konnte Nadja Räss und Markus Flückiger im Museum Fram die Premiere von «Fiisigugg» durchführen. Nadja Räss und Markus Flückiger beim musikalischen «Fläderläcklä» mit Meinrad Lienert – links der Stuhl des Dichters. Bild Gina Graber

Musik

«Heute tut der Applaus doppelt gut»

Das Duo Flückiger-Räss präsentierte in der Fram letzten Freitag das neue Programm «Fiisigugg».

Die Premiere konnte stattfinden! Die Fram ist zum Glück klein genug, um ein Konzert wie das des Duos Nadja Räss und Markus Flückiger unter Berücksichtigung aller Corona-Schutzmassnahmen – Stand Freitagabend – durchführen zu können. Der musikalisch- lyrische Streifzug war eine Hommage an den Dichter Meinrad Lienert und liess das Publikum in zuweilen schräge Klangwelten abtauchen und die noch schrägere Realität vergessen. Der «Fiisigugg» ist ein findiger Tüftler und schrulliger Sonderling, ein sonderbarer Physikus, dem man auch Zaubereien zutraut. Er gab dem neuen Programm den Namen und half vielleicht mit geeigneter Magie auch nach, dass das Premierenkonzert von Nadja Räss (Jodel/ Stimme) und Markus Flückiger (Schwyzerörgeli) am Freitagabend durchgeführt werden konnte. Etwa siebzig Premierengäste hatten sich im sehr locker bestuhlten Saal der Fram verteilt, erlaubt gewesen wären hundert Personen. Nadja Räss zeigte sich denn auch sehr glücklich: «Wir haben in den letzten Tagen und Stunden gebibbert und sind nun doppelt froh über den Applaus. » Schon mit den ersten Tönen war der Ausnahmezustand draussen vergessen. Eine liebliche Jodelmelodie, begleitet von vertrauten Schwyzerörgeliakkorden nahm die Zuhörer mit in eine andere Welt voller Überraschungen, schwoll an, bog ab auf unbekannte Pfade und fand zurück zu weichen Harmonien. Die einleitende Ballade ohne Worte dauerte fast eine Viertelstunde, wie die meisten Stücke des Abends liess sie dem Publikum Zeit, sich in den manchmal schrägen, oft verblüffenden Wendungen der verschlungenen Weisen hineinzufühlen. Immer fühlte man sich nach dem letzten Ton sonderbar frei und horchte offenen Sinnes der verklungenen Melodie nach.

Lienert in Zeiten von Corona


Nadja Räss’ hinreissende Stimmakrobatik und Markus Flückigers traumtänzerisches Spiel auf seinen vier Schwyzerörgeli verschmolzen mit ausgewählten Gedichten von Meinrad Lienert (1865 bis 1933). Der Einsiedler Dichter lieferte die Lyrik zu den Fiisigugg-Melodien und hauchte ihnen damit poetische Stimmungen ein: Die Liebe, der Tanz, #MeToo, Seuchen und der Tod begleiteten die Menschen immer schon, wurden singend gelobt, beklagt und beschworen. Die Auseinandersetzung mit den oft hintergründigen, überraschenden Texten Lienerts führt das Duo Flückiger-Räss musikalisch durch faszinierende Welten, mal lieblich, mal schräg, mal frech – immer für Überraschungen gut. Die gewählten Gedichte stammen aus der Sammlung «’s Schwäbelpfyffli», das vor über hundert Jahren erschienen ist. Nadja Räss’ und Markus Flückigers musikalische Interpretationen werden der Zeit am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gerecht, sie spiegeln die Sorglosigkeit, den hoffnungsvollen Aufbruch in eine neue Zeit. Die zuweilen archaisch-dadaistischen Melodien sprengen Konventionen, als wollten sie die absurden Schrecknisse der Vergangenheit und der Gegenwart verspotten.

Fläderläcklä


Meinrad Lienerts Gedichte erzählen aus dem Alltag seiner Zeit, finden zwar oft ein gutes Ende, vermögen aber zwischendurch auch zu irritieren. Das Duo Flückiger-Räss nimmt die vielfältigen Stimmungen seiner Texte musikalisch auf, bettet sie in Jodel, Gesang und Örgeliklänge, federt das schroff Unverhoffte ab und trägt sie schwungvoll in die Gegenwart. Der Abend war ein fulminanter Flirt mit Meinrad Lienert – oder wie man hier sagt: fläderläcklä mit dem Dichter und seinen Texten. Ein bisschen hatte er sich an jenem Abend selbst zum Publikum gesellt, denn im Keller der Fram hatte sich ein Stuhl gefunden, der ihm gehörte. Der stand während des Konzerts neben der Bühne, eine Reminiszenz, über die sich der Dichter bestimmt gefreut hätte. Die CD «Fiisigugg» des Duos Flückiger-Räss ist hier erhältlich: www.nadjaraess.ch.

Einsiedler Anzeiger / Gina Graber

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

17.03.2020

Webcode

schwyzkultur.ch/CbugF7