Musik

Heute wäre das ein «Tatort»-Krimi!

J. S. Bachs «Johannespassion» im Barocksaal des Klosters: Eines der bedeutendsten Werke Bachs erlebte im Barocksaal des Klosters eine glanzvolle Aufführung.

 Die «Frank Martin Players», ein bulgarisch-schweizerisches Jugend- Kammerorchester, und der bulgarische Kammerchor Plovdiv beeindruckten mit der monumentalen «Johannespassion». Dramatik, Spannung, Lügen, Feigheit, würden heute Ingredienzien für einen «Tatort»-Krimi abgeben. Bis zum Todesschrei Jesu und dem weihevollen «Es ist vollbracht » herrscht schmerzvolle Spannung. Ja, die Bibel und ihre Texte, ein hochinteressantes Buch mit Tod und Verbrechen. Wie soll man dieses Monumentalwerk beschreiben – und wie passt es in unsere Zeit? Gewiss, gerade jetzt erleben wir anhand der verschiedenen Kriege Grausamkeiten. Aber die werden am Fernsehen gezeigt als ein bedauerliches Tagesgeschehen. Die «Johannespassion» mag zu ihrer Zeit auf die Zuhörer etwa gleich gewirkt haben wie die Kriege in Nahost für die dortigen Bewohner. Die Massenszenen mit Chor und Orchester verursachen in ihrer Dringlichkeit auch heute noch Schauer und Hühnerhaut. Da wird ein Ohr abgehauen, gefoltert, gekreuzigt und es werden Knochen gebrochen. Viel brutaler geht es in der heutigen Zeit auch nicht zu. Und das Volk, der Mob, heizt sich auf, will Opfer sehen. Schlussfolgerung: Die Welt hat sich in 2000 Jahren nicht verändert, ist immer noch gnadenlos.

 

Eröffnung mit Schweizer Komponist

Das Orchester eröffnete das Konzert mit einem Stück des Schweizer Komponisten Frank Martin. Er war das jüngste von zehn Kindern. Die aufgeführte Komposition schuf er bei einem Zürich-Aufenthalt. Das feierliche, getragene Stück wurde von den Streichern mit romantischen Anleihen vorgetragen und führte in seiner Bedächtigkeit hervorragend in den folgenden «Bach» ein.

 

«Johannespassion» ein Schwergewicht

In den Texten werden weihevolle Momente und allzu menschliche Schwächen mit dramatischen Effekten «verziert», dramatisch dargestellt. Diese Passionsvertonungen sind sehr dramatisch umgesetzt, so zum Beispiel die aufgeregte Diskussion der Kriegsknechte beim Teilen der Kleider. Dann fährt das hammerartige «Kreuzige » oder das spottende «Sei gegrüsst, lieber Juden König» ein. Die Ernüchterung des Petrus nach dem Hahnenschrei, als ihm der Schwurbruch die dreimalige Verleugnung seines Herrn gewahr wird – eine eindrückliche Szene.

Jesus ist in allen Stellen sehr würdevoll – bis zum Schluss beim sehr weihevollen «Es ist vollbracht» – eine eindrückliche Wiedergabe des Solisten. Die Rolle des Pilatus ist sehr fordernd. Erst will er den schuldlosen Jesus freigeben. Aber der von den Hohepriestern aufgestachelte Mob, das vom Chor eindrücklich «gelebte Volk», lassen ihn furchtsam und wankelmütig werden. Die Intonationen des Chors sind von ausladendem Umfang. Die psychologische Ausgestaltung der Chorsätze stellte sehr hohe Anforderungen an die Sängerinnen und Sänger. Die prügelnde und spottende Menge so darzustellen – hohes Niveau der Wiedergabe.

 

Ausdrucksstarker Bach

Äusserst ausdrucksstark, geradezu episch ist die erzählende (gesungene) Wiedergabe des Evangelisten. Umfang und Anforderung an seinen Part sind sehr hoch. Er meistert das Ganze hervorragend, hält die «Spannung» über die zwei Stun-den. Man ist ständig mittendrin. Wie er den Faden immer wieder aufnimmt, lässt einen im «Stück». Man geht mit bis zur finalen Kreuzigung auf Golgotha, des bewegenden «Es ist vollbracht». Die Stimmung ist düster, mit dem Entzweireissen des Vorhangs im Tempel bin ich wieder in der alltäglichen Wirklichkeit. Vielen Dank an Chor und Orchester für die eindrückliche Wiedergabe dieses so tie-fen Werkes. Wie wurde die Johannespassion auch schon genannt: «Einer der wichtigsten abendländischen Kulturbeiträge überhaupt.» Dem ist nichts beizufügen. Aber wunderbar, so etwas mitten in der Fastenzeit in Einsiedeln erleben zu können.

 

Einsiedler Anzeiger / Paul Jud

Autor

Einsiedler Anzeiger

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Kategorie

  • Musik

Publiziert am

17.03.2026

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