Nicht nur das Mitmachen, sondern auch das Zuhören war eine Freude für Jung und Alt. Foto Lukas Schumacher
Nicht nur das Mitmachen, sondern auch das Zuhören war eine Freude für Jung und Alt. Foto Lukas Schumacher

Musik

Jodeln ist schwindelerregend schön

Die bekannte Einsiedler Jodlerin hatte am Vortag des 1. August zum spontanen Jodeln auf dem Sagenplatz geladen. Drei Crash-Schnupperkurse standen auf dem Programm. EA-Korrespondentin Gina Graber hat sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen und liess sich vom Jodelvirus anstecken.

Es ist schon am Vormittag heiss an diesem Freitag, auf dem Sagenplatz herrscht gemütliche Wochenmarktstimmung. Hinter einem der Stände steht auch Nadja Räss und hält statt Rüebli und Käse CDs und Kursinfos feil. Ich bin bekennender Jodelfan und lasse mich nur allzu gern auf eine sinnliche halbe Stunde mit der Profijodlerin ein. Zugegeben, es ist schon etliche Jahrzehnte her, seit ich an der Abschlussprüfung der Bezirksschule Zofingen einen glatten Sechser ersungen habe, aber ich habe immer noch viel Vertrauen in meine Stimme. Bloss an der Übung fehlt es halt ein bisschen.

Beten hilft!


Punkt zehn Uhr ruft Nadja Räss die Jodelwilligen zu sich, gegen zwanzig Frauen und Männer scharen sich im lockeren Kreis um sie herum. Die Vorfreude auf das Ad-hoc-Jodelerlebnis ist uns allen anzusehen, wir strahlen mit der Sonne um die Wette wie die Maikäfer. Das ist auch gut, denn was ein echter Jodler ist, soll nicht nur schön juzen, sondern dabei auch noch gefällig aussehen. Das macht eine gute Gattung beim Publikum und ist dem Wohlklang förderlich, denn die Stimme findet bei angespannten Lachmuskeln viel mehr Platz im Kopf zum Tönen. Vor dem Jodeln werden auch Körper und Stimme spielerisch gelockert, es darf gezischt, gedehnt, geächzt und gejammert werden. Unsere Jodellehrerin gibt uns Tipps, wie wir die zum Jodeln nötige Bodenhaftigkeit erlangen: «Stellt euch vor, ihr stecktet in schweren Skischuhen, vor allem bei den hohen Tönen.» Sagts und machts vor. Beim Jodeln kommen Muskeln zum Einsatz, die man sonst nicht so braucht. Gegen einen allfälligen Krampf im Kiefer hilft beten, weiss Nadja Räss: «Presst die Handflächen vor der Brust zusammen, das bringt Entspannung in der Halsregion.» Gesagt, getan, und siehe da, beten hilft!

Der Kehlkopfschlag am Abgrund


Und dann tönts, und wie es tönt! Im Kopf und aus der Brust. Denn das ist die Kunst beim Jodeln, das Switchen zwischen der edlen Kopfnote und dem vollen Brustton, der berüchtigte Kehlkopfschlag. Nadja Räss hilft mit schauspielerischem Körpereinsatz, diesen ungewohnten Aufund Abstieg der Stimme zu veranschaulichen: «Beim Wechsel von der Kopfstimme zur Bruststimme müsst ihr euch vorstellen, ihr blicktet in einen tiefen Abgrund und bekämt Höhenangst. » Sagts und beugt sich – juu-ooooh! – mit schreckgeweiteten Augen abrupt nach vorne. Wir lassen Stimme und Oberkörper auf «ooooh» im Chor fallen, was nach einigen schwindeligen Übungen ganz gut klappt. Aber mit dem theatralischen «juuooooh » ist es natürlich nicht getan, es soll ja melodisch tönen und auch noch schön aussehen.

Wohlige Schauer, patriotisch schön


Nadja Räss führt uns in kürzester Zeit anschaulich und leicht verständlich in die Magie des Jodelns ein. Eine einfache Melodie auf einfachen Silben gesungen und schon tönts patriotisch. Wie schön, dass sich ein paar Männer mit ihren sonoren Bässen zu dem Jodel-Crashkurs eingefunden haben, denn sie bilden das warme, solide Fundament eines jeden Jodelchörlis. Die halbe Stunde ist allzu schnell vorbei. Der in kürzester Zeit erlernte Naturjodel tönt zum Abschluss des Crashkurses so schön über den Sagenplatz, dass einem wohlige Schauer über den Rücken rieseln. Ich bin definitiv angesteckt und freue mich auf die Jodelkurse, die Nadja Räss nächstes Jahr in Einsiedeln anbietet. 

Einsiedler Anzeiger / Gina Graber

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Musik

Publiziert am

04.08.2020

Webcode

schwyzkultur.ch/RpnPDi