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Jüüzli «hackten» digitale Kommunikationsgeräte
Sie ist Dirigentin, Komponistin, Arrangeurin, Pianistin, Geschichtenerfinderin, Choreografin, kreativer Kopf, gute Seele und nicht zuletzt fast Dompteuse, die Leiterin des Einsiedler Kinder-Jodelchörlis, Agatha Kälin-Schönbächler. Und was sie auf die Bühne zauberte, war einfach nur genial und herzerwärmend!
Auf die Frage: «Habt ihr Lampenfieber? », verneinten die kleinen und grösseren Mitwirkenden des Kinder-Jodelchörlis der Musikschule Einsiedeln spontan. Levin ergänzte gar: «Agi hat uns so gut vorbereitet, da müssen wir wirklich nicht nervös sein vor unserem Auftritt.» Worauf die Leiterin des Jüüzli-Musicals, Agatha Kälin-Schönbächler, trocken meinte: «Dann bin ich wohl die Einzige hier, die Lampenfieber hat!» Grund dafür hätte sie aller-dings nicht gehabt, wie sich in der knapp einstündigen, herzberührenden Produktion mit den rund 50 sechs- bis sechzehnjährigen Jodlerinnen und Jodlern zeigte. Wer jedoch realisierte, was alles in ihren Händen lag und sie sozusagen in Personalunion für alle Aufgaben bis ins kleinste Detail verantwortlich war, der konnte verstehen, dass sich bei ihr etwas Nervosität breitmachte, ob auch wirklich alles klappen würde. Dies tat es denn auch und wie!
«Kartsche Seejbi» als roter Faden
Schon der Auftakt war fulminant. Aus den verschiedensten Ecken des stockfinsteren Theatersaals des Klosters Einsiedeln, der übrigens wie immer in Kürze prallvoll war, ertönten Jodelklänge, was bereits für Stimmung im gut gelaunten Publikum sorgte. Kurz darauf liessen einen die vergeblichen Rufe nach «Kartsche Seejbi » für einen Moment in die Vergangenheit eintauchen. Dann aber gab es einen Zeitsprung von 600 Jahren, und Agathas Geschichte zu diesem begnadeten, erfundenen Jüüzler konnte in Wort, Gesang, Jodel, Instrumentalmusik, Tanz, Gestik und Begeisterung der jungen Talente erlebt werden.
Da ging es Schlag auf Schlag, und an der Chorleiterin war es, die Übersicht zu behalten, wer wo und wann mit seiner Darbietung dran war, aber gleichzeitig auch zu dirigieren oder die jungen Akteure mit dem Piano zu begleiten. Die Formationen, Standorte, Gruppengrössen, Instrumentalisten, altersmässigen Mischungen der Sängerinnen und Sänger und Erzähler wechselten ohne Pause ab. Dabei galt es stets, den roten Faden, konkret die friedliche und gelöste Heiterkeit mit dem «Kartsche Seejbi», nicht zu verlieren und die Besucher mit den vielfältigen Liedern und Jüüzli von seinen Geissen über den Sennenball bis hin zum Tanzjüüzli zu begeistern.
«Abgstürzt-ghackt-Zämebruch»
Bis jäh die Stimmung kippte und sich das digitale Zeitalter in Form von (von den jüngeren Kindern mit viel Spass selbst gebastelten!) Handys auf der Bühne breit machte. Die Begleitmusik wechselte abrupt, wurde hart und monoton, sich wiederholende Klatschmuster hämmerten sich bei den Zuhörern ein, niemand hatte mehr Zeit, es wurde still und «Kartsche Seejbis» Töne wurden nirgends mehr gehört. Die Leute waren gehetzt, hässig und lebten einsam nur noch in ihrer Computerwelt.
Plötzlich aber kam Panik auf! Raffiniert rhythmisch, fast dramatisch untermalt und akustisch verstärkt wurden Dokumente unterbrochen, ja gaben gar alle elektronischen Geräte ihren Geist auf oder wie es die Erzählerin schon fast unheimlich ausdrückte: «Die ganz Wält isch abgstürzt!» Friedliche Zeiten kehrten zurück In dieser tristen Zeit kam ein Hoffnungsschimmer auf, die Leute erinnerten sich an «Kartsche Seejbi» und seine froh machenden Jüüzli und Lieder und begannen wieder zu sin-gen. Diese positive Stimmung und das Gemeinschaftsgefühl drückte das Kinder-Jodelchörli mit rassigen, mitreissenden Stücken, Gesten und Bewegungen, Tanzformen, Posen, Instrumentalbegleitung verschiedenster Art und unglaublich ansteckender Freude aus. Da kamen von den Jüngsten bis zur Stimmbruchgruppe und dem Plegerchörli mit ehemaligen Jodlerinnen und Jodlern der Musikschule alle zum Zug und es war ihnen ein Riesenapplaus gewiss. Genauso wie der vorbildlich engagierten Leiterin dieses Projekts, die nota-bene nicht nur die Geschichte zu dieser Darbietung, sondern fast alle Jüüzli und Lieder selber geschrieben hat, während die Örgeli-Stücke von den bekannten Walliser «Genderbüebu» stammten.
Ein Traum geht in Erfüllung
Umso mehr freut es Agatha Kälin Schönbächler, dass sie bald einen lang gehegten Traum verwirklichen kann. So wird sie endlich das Projekt «eifach jüüzle» realisieren können, indem sie einen Tonträger aufnehmen und ein Begleitheft mit dem gleichlautenden Titel dazu herausgeben wird. Damit wird sie eine Menge ihrer selbstkomponierten Jüüzli und Lieder der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, damit jüngere und ältere Kinder einen spannenden und kindgerechten Zugang zum Jüüzle bekommen, fehlt doch grösstenteils solche musikalische Literatur für den Nachwuchs. Dazu werden die Mitwirkenden vom Kinder-Jodelchörli der Musikschule Einsiedeln ins Obwaldnerland reisen und mit ihr einige Jüüzli für dieses Heft aufnehmen dürfen.
Bei den Dankesworten am Ende hatte schliesslich eine kleine Jodlerin nach dieser doch bedenkenswerten, gesanglich und musikalisch umrahmten Geschichte im Umgang mit den sozialen Medien und den elektronischen Geräten die Lacher auf ihrer Seite, sprich hat die Gegenwart die Besucher wieder eingeholt: «Wer kein Bargeld für die Kollekte hat, der darf gerne auch twinten!»
Einsiedler Anzeiger / Marlies Mathis
Autor
Einsiedler Anzeiger
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