De Wisel, die Figur geschaffen von Amy Bollag erschien 34 Jahre im Einsiedler Anzeiger.
De Wisel, die Figur geschaffen von Amy Bollag erschien 34 Jahre im Einsiedler Anzeiger.
Jedes Papier ist eine Einladung zum Zeichnen – so auch das Tischtuch im Restaurant.
Jedes Papier ist eine Einladung zum Zeichnen – so auch das Tischtuch im Restaurant.
Seit 66 Jahren verheiratet: Amy und Thea Bollag, beide mit Jahrgang 1924. Fotos: Lukas Schumacher
Seit 66 Jahren verheiratet: Amy und Thea Bollag, beide mit Jahrgang 1924. Fotos: Lukas Schumacher

Kunst & Design

«Die Freude des anderen zu sehen»

Amy Bollag über sich, das Zeichnen und die Welt – und wie bei ihm alles zusammenhängt.

Nach 34 Jahren erscheint heute der Wisel letztmals im Einsiedler Anzeiger. Zeichner Amy Bollag erinnert sich an die Anfänge in Einsiedeln und an die Anfänge bei der Zeitung.


Victor Kälin: Wer ist Wisel?


Amy Bollag: Er ist ein einfacher Mann. Er trägt sein Herz auf der Zunge …


Ist er ein Schwätzer?


Nein. Er spricht nur, wenn man ihn fragt.


Gab es vor 1984 den Wisel bereits?


Nein, ich habe ihn für den Einsiedler Anzeiger erfunden.


Wo sind sich Wisel und Amy Bollag nahe?


In einer fast kindhaften Einfachheit. Wie sagt Thea, meine Frau, doch immer wieder zu mir: Amy, Deine Einfachheit ist schon fast wieder kompliziert.


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Das Interview findet in einem Zürcher Restaurant statt. Er sei aber noch nie ein grosser Esser gewesen, meint der 93-jährige Amy Bollag. Er wünscht sich deshalb etwas ganz Einfaches: «Gschwellti» und Spiegelei. Was so einfach gemeint ist, wird für das Personal kompliziert: So etwas gibt es nicht auf der Speisekarte – wenigstens nicht in dieser Kombination! Doch mit einigem Zureden lässt sich auch das arrangieren.


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Und wo sind der Wisel und Sie unterschiedlich?


Wisel hat den Vorteil, im Alter zu bleiben. In meinem 94. Altersjahr merke ich, dass das Leben den Menschen doch kräftig in die Finger nimmt. So habe ich ein Leben lang gut gesehen. Doch jetzt habe ich Mühe, dem Wisel ein Gesicht zu geben. Dass ich damit Mühe bekunde, ist doch eine grosse Veränderung. Die grossen Formen sehe ich unverändert; es fehlen aber die den eigenen Geist schärfenden Einzelheiten. Gerne würde ich weiterhin tiefer hineinschauen können.


Woher kommt die Idee des Wisels?


Ich wollte für eine Zürcher Zeitung den «Jossel» zeichnen. «Jossel » ist eine Verkleinerungsform von Josef. Es wurde nichts daraus. Der Wisel war doch näher als «Jossel», er war viel schweizerischer. Der Wisel ist aber nicht bauernschlau; gerade die Ehrlichkeit ist sein grösstes Gut. Da hat keine Schlauheit Platz.


Und woher kommt der Hut?


Der «Jossel» hat auch einen gehabt … «Jossel» ist mir eigentlich näher als Wisel. Er ist ein Jude wie ich.


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Amy Bollag zückt einen Pinselstift und beginnt unverhofft auf das papierene Tischtuch zu zeichnen. Mit sicherem Strich entsteht nach und nach ein Männchen – zweifelsfrei der «Jossel», auch wenn man ihn zuvor noch nie gesehen hat. «Sie kennen mich gut in diesem Restaurant», schmunzelt der Künstler. «Ich habe schon auf unzählige Tischtücher gezeichnet.» Fortgeworfen sei noch nie eines geworden.


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Und wie kam der Wisel zum Einsiedler Anzeiger?


Ich ging zum damaligen Redaktor Gerhard Oswald. Wir kannten einander bereits, da ich auch für den EA religiöse Bilder zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten malte. Gerhard Oswald war sehr offen. Da ihm meine Entwürfe gefielen, ging alles sehr schnell. Am 27. Januar 1984 erschien dann der erste Wisel in dieser Zeitung.


Wie schaffen Sie es, mit 93 Jahren noch immer zeichnen und illustrieren zu können?


Ich zeichne um des Zeichnens Willen. Aus einer kindhaften Unberührbarkeit heraus. Ich verspüre immer Freude, die Freude des anderen zu sehen: Dann bin ich jeweils bereits bezahlt.


Wie sind Sie mit Einsiedeln verbunden?


«Alte Liebe rostet nicht!» Schon mein Vater Herz Bollag hatte Kunden in Einsiedeln. Er zeigte mir auch die Klosterkirche. Wie das auf mich wirkte! Nachdem ich viele reformierte Kirchen und Synagogen und deren Nüchternheit gesehen hatte, fühlte ich mich in der Klosterkirche wie in einem Vorhimmel. Für mich dachte ich: So könnte es einmal im Tempel in Jerusalem ausschauen. Es war Liebe von Kind an.


Gibt es das Ferienhaus auf dem Schnabelsberg noch?


1969 waren wir in Bennau Skifarhen. Da Thea selbst nicht fuhr, ging sie am damals noch fast unbebauten Schnabelsberg spazieren. Dabei sah sie ein Schild von Thomas Kälin: «Land zu verkaufen ». Wir zwei gingen zu ihm hin wie zwei scheue Täubchen, um ihn nach einem Stück Land zu fragen. Nach zehn Minuten waren wir uns handelseinig! Und Architekt Thomas Kälin konnte unser Haus gleich planen. Es war und ist dann unser Ferienhaus für Generationen geworden. Der Hausname lautet heute noch: Arc Theamy, wobei Arc die Initialen unserer drei Söhne ist. Und mittlerweile wohnt auch die dritte Generation mit Freude darin.


*


Am Tisch sitzt auch Claude Bollag, einer der drei Söhne. Er zückt sein Handy und zeigt wunderbare Landschaftsaufnahmen vom Schnabelsberg, die seine Tochter Eynat eben geschickt hat. Schönstes Winterwetter, während wir alle in der Zürcher Nebelsuppe sitzen …


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Für die letzte EA-Ausgabe des Jahres 2017 zeichnen Sie nun den allerletzten Wisel. Sie sind frei in der Thematik. Ist das schwierig für Sie?


Nein, es ist nicht schwierig. Ich weiss noch nicht genau, was ich zeichnen werde. Vielleicht trage ich den Wisel auf den Schultern und sage zu ihm: «Nun machen wir zwei einen Schritt weiter.»


Sie zeichnen ja nicht nur für den Einsiedler Anzeiger …


Ich weiss gar nicht, für wen ich alles gezeichnet habe. Für die Aargauer Zeitung, die Schweiz am Wochenende, das Zürcher Tagblatt, für Musik und Theater; früher auch für Bulgarische und Israelische Zeitungen; ich zeichnete, wie Cortez in Mexiko an Land ging. Mein Bild wurde für einen Prospekt verwendet, der millionenfach um die Welt ging – leider ohne meinen Namen. Ich schreibe noch heute Geschichten und illustriere diese. Für die Handelszeitung entwarf ich den «Börsi» und für die Bauernzeitung den «Power Bauer». Ich illustrierte unzählige Theater und einst, als ich im Opernhaus zeichnete, bedankte sich der ehemalige Direktor Pereira mit einem wunderschönen Brief. Ich liebe den Wisel. Und ebenso die Diskussionen mit der Redaktion. Dass ich die Gesichtsausdrücke nicht mehr erkennen kann, macht den Abschied weniger schwer. Wir scheiden in Minne.


Ein Wort noch zum Abschied?


Eine Freundschaft ohne Hintergedanken ist die schönste Art des Zusammenlebens. Wenn es in der Ehe mehr Freundschaft als Liebe gäbe, gäbe es keine Scheidungen …


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… sagt Amy Bollag, der seit 66 Jahren mit seiner (fast gleichaltrigen) Thea verheiratet ist.

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Kunst & Design

Publiziert am

29.12.2017

Webcode

schwyzkultur.ch/6LvJ2H