) Sinnenfroher Dialog zwischen Sprache und Musik: Peter Gisler (links) und Hanspeter Müller-Drossaart harmonieren auf der Bühne perfekt. Foto: Gina Graber
) Sinnenfroher Dialog zwischen Sprache und Musik: Peter Gisler (links) und Hanspeter Müller-Drossaart harmonieren auf der Bühne perfekt. Foto: Gina Graber

Bühne

Liebelei zwischen «Ürnerditsch» und Kontrabass

Der Sonntagmorgen stand im Chärnehus ganz im Zeichen der Dialektpoesie. Schauspieler und Autor Hanspeter Müller-Drossaart präsentierte zusammen mit dem Musiker Peter Gisler seinen zweiten Gedichtband «gredi üüfe».

Einen Schalter im Ohr umklappen, das mussten wahrscheinlich viele der zahlreichen Matinee- Gäste. Die Urner Mundart ist zwar wie der Einsiedler Dialekt von Tälern und Bergen geprägt und tönt für Hiesige nicht ganz so fremd. Aber wenn ein Wortkünstler und Profischauspieler wie Hanspeter Müller-Drossaart in seiner Muttersprache zu fabulieren beginnt, braucht das Hirn ein paar Augenblicke, um sich an das neue Idiom zu gewöhnen. Weich und doch knorzig kommt er daher, der Urner Dialekt mit seinen gedehnten «üü» und «äi» und «iä», wie geschaffen für melodiöse Poesie. Dabei ist Urnerdeutsch «nur» die zweite Muttersprache des Schauspielers: Die Familie zügelte von Obwalden nach Erstfeld, als Müller-Drossaart ein Schulkind war. In den Ohren seiner neuen Kameraden war er am Anfang einfach der «Tschifeler», ein Schimpfwort, das die Obwaldner ihren anderen Nachbarn, den Nidwaldnern, zu verdanken haben. Da gabs nur eins: Schleunigst den Dialekt wechseln, um den Hänseleien ein Ende zu setzen.

Kleine Sprachreise vom Sarner- zum Urnersee


Müller-Drossaart beherrscht alle Sprachnuancen zwischen Sarner- und Urnersee. Mit witzigen Geschichten und blumigen Sprachspielen zeigte er dem Publikum die Unterschiede auf: «Obwalden ist eine Pop-Rokoko- Sprachregion, ihr Dialekt ist so sanft, man spürt die ganze Hinterhältigkeit ihrer Bewohner gar nicht mehr.» In dieser Sprache der sanften Hinterhältigkeit hat er 2015 einen Gedichtband veröffentlicht («zittrigi fäkke»). Das neue Buch «gredi üüfe» swingt ganz auf «Ürnerditsch». Die 86 Gedichte sind eine liebevolle Hommage ans Reusstal, an seine Bewohnerinnen und Bewohner und natürlich an den Föhn. Was, wenn der älteste Urner nicht mehr wäre? Keine Kopfschmerzen mehr, aber auch keine Ausreden mehr für die vielfältigen Befindlichkeiten, die man sich doch anders gar nicht erklären kann. Hanspeter Müller-Drossaart jongliert mit Wörtern, spielt lustvoll mit der Sprache – und spielte natürlich auch Theater. Was man sich beim Lesen seiner Gedichte fantasievoll vorstellen muss, stellte er am Sonntagmorgen schwelgerisch auf der Bühne dar: Die Seele, den Charakter der Menschen dort im Tal drüben, das am Gotthard oben endet. Älpler, Freigeister, Unverbesserliche, Verliebte und Gewitzte, die sich mal wortkarg, dafür mit viel Gestik verständlich machen, oder aber launisch lamentierend ihre Unzufriedenheit kundtun.

Der Kontrabass erzählt Geschichten


Ohne Worte kommt Peter Gisler auf der Bühne aus. Der Musiker und Komponist begleitet Hanspeter Müller-Drossaart seit zwei Jahren bei dessen Lesungen, den Kontrabass und das Schwyzerörgeli im Gepäck. In dieser Zeit sind Gislers Musik und Müller-Drossaarts Texte zusammengewachsen, die poetischen Geschichten im Rhythmus des Urner Dialekts sind eins mit den Saitenklängen des Kontrabasses. Gisler ist ein begnadeter Klangtüftler, der seinem Instrument mit subtiler Oberton-, Flageolett- und Bogentechnik vielfältige Töne und Klangfarben entlockt. Mal tönt der Bass naturtönig wie ein Büchel, im letzten Abendrot hoch oben auf der Alp geblasen, mal grollt er tief aus föhngepeitschten Chrächen. Die Melodien, die Gisler auf dem Schwyzerörgeli spielt, tönen vertraut, kippen doch unvermittelt ins Schräge, Fremde und bringen die Ohren aus dem Takt. Das sehnsuchtsvolle Seufzen des Balges verschmilzt mit dem Atem der Gedichte und leitet über zur nächsten Wort-Darbietung Müller-Drossaarts.

«Liäbälä»


Eines der schönsten Wörter im Urner Dialekt ist «liäbälä». Es steht für die vielfältigen Annäherungsversuche und verliebten Handlungen zwischen zwei Menschen. «Liäbälä» kann handfest sein,aber auch erfolglos im Keim ersticken. Das harmonische Miteinander zwischen Hanspeter Müller-Drossaarts Texten und Darbietungen und Peter Gislers Musik ist eine Liebelei, die zu Herzen geht. So kamen die Matinee-Gäste im Chärnehus in den exklusiven Genuss, einen liebevollen Blick in die sprachliche Seele des Kantons Uri und seiner Bewohnerinnen und Bewohner zu werfen. Hanspeter Müller-Drossaarts Gedichtband «gredi üüfe» ist im Buchhandel erhältlich (mit Hör-CD).

Einsiedler Anzeiger / Gina Graber

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Bühne

Publiziert am

28.02.2020

Webcode

schwyzkultur.ch/BYsaTL