Martin Werlen. Wo kämen wir hin? (Herder, 2016), 28.90 Franken. Pater Martin Werlen präsentiert sein Buch im Zürcher Hauptbahnhof – rechts Lektor Rudolf Walter. Fotos: Urs Gusset
Martin Werlen. Wo kämen wir hin? (Herder, 2016), 28.90 Franken. Pater Martin Werlen präsentiert sein Buch im Zürcher Hauptbahnhof – rechts Lektor Rudolf Walter. Fotos: Urs Gusset

Literatur

«Da leuchtet plötzlich vieles im Evangelium auf»

Pater Martin Werlen, Kloster Einsiedeln, zu seinem neuen Buch «Wo kämen wir hin?», präsentiert am vergangenen Dienstag in Zürich.

Urs Gusset: Wie haben Sie Ihre Buchpräsentation in Erinnerung?

Pater Martin: Gelungen! Es waren Leute mit ganz unterschiedlichen Erfahrungshintergründen. Und doch haben wir eine Gemeinschaft an einem ungewöhnlichen Ort gebildet.

In einer Pizzeria im Zürcher Hauptbahnhof. Wieso?

Weil das Buch vom Leben spricht, vom Alltag. Darum sollte es auch an einem Ort vorgestellt werden, der nicht isoliert ist vom Alltag. Hier habe ich schon viele Menschen getroffen und Glaubensgespräche geführt  früh am Morgen, tagsüber und am späten Abend.

Wieso haben Sie das Buch «Wo kämen wir hin?» geschrieben?

Es ist ein Weiterdenken und Weitergehen der Publikationen «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken» und «Heute im Blick», die zu Bestsellern geworden sind. In Begegnungen mit Menschen, die sich von der Kirche verabschiedet haben, entdecke ich immer wieder: Sie verabschieden sich nicht wegen des Evangeliums, sondern wegen der Art und Weise, wie das Evangelium gelebt wird. Da wird klar: Die Kirche muss nicht nur Umkehr predigen, sondern selber immer wieder den Weg der Umkehr wagen.

Welches ist die Kernbotschaft Ihres Buchs?

Wenn wir in eine Sackgasse geraten, bleibt uns nichts anderes übrig, als umzukehren. Das gilt auch für die Kirche. Die Kirche ist in verschiedenen Bereichen in Sackgassen  die einzelnen Getauften genauso wie die Gemeinschaft aller Gläubigen. Wenn wir zu bestimmten Menschen oder zu bestimmten Herausforderungen nichts anderes zu sagen haben als «Nein», dann sind wir in einer Sackgasse. Das führt nicht weiter. Unser Glaube führt in die Weite, nicht in die Enge.

Von Umkehr ist in der Kirche oft die Rede. Wie kann die Kirche aus der Sackgasse geführt werden?

Sie muss nicht herausgeführt werden. Wir alle, die Getauften, sind Kirche. Umkehren heisst für uns: Leben, was wir beten. Leben, was wir feiern. Umkehren ist nicht einfach etwas, das man macht und dann ist gut. Umkehr gehört zu unserem Leben Tag für Tag.

Inwiefern hat Umkehr etwas mit liberal oder konservativ zu tun?

Umkehr hat nichts zu tun mit liberal oder konservativ, sondern mit unserer Orientierung an Jesus Christus. Dann kommen wir aus liberalen und aus konservativen Sackgassen heraus.

Ist «Umkehr» sprachlich nicht inhaltlos, wie jemand auf Twitter einen Tag vor Ihrer Buchpräsentation und in Unkenntnis Ihres Buchuntertitels geschrieben hat?

Umkehr ist alles andere als inhaltlos. Wir alle sind schon in Sackgassen geraten. Da gibt es nur eines: umkehren. Aber unser religiöses Tun und damit auch die Begriffe, die wir dafür brauchen, haben oft nichts zu tun mit unserem Alltagsleben.

Der Tages-Anzeiger erkennt in seiner Buchbesprechung zwischen den Zeilen Ihre eigene Umkehr von «Abt Martin» zu «Mensch Martin». Was sagen Sie dazu?

Das ist ein Kompliment. Wenn das Amt wichtiger ist als der Mensch, ist Umkehr angesagt. Ich bete darum, dass ich diesen Weg der Umkehr Tag für Tag wage  aber nicht erst, seit ich nicht mehr Abt bin. «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken» habe ich übrigens als Abt geschrieben. Mein Engagement in den Klostergemeinschaften Einsiedeln und Fahr und in der Bischofskonferenz habe ich auch versucht, in diesem Sinn wahrzunehmen.

Man sollte in Menschen und nicht in Zahlen denken, steht in Ihrem Buch.

Ich zitiere da den Anfang Jahr verstorbenen Bankier Hans Vontobel: «Man denkt in Zahlen. Und das ist falsch. Was man machen sollte, das ist: Man sollte in Menschen denken. Und das ist verloren gegangen.» Das gilt nicht nur für die Wirtschaft, das gilt in besonderer Weise für die Kirche. Den Menschen in seiner Grösse und in seiner Not wahrnehmen. Auch in seinem oft banalen Alltag.

Ihr Buch ist vom Alltag bestimmt. Da kommen Tennisspieler Rafael Nadal, Banker Hans Vontobel, Maler Vincent Van Gogh, Dichter Leo Tolstoi, Politiker Cédric Wermuth oder Freidenker Valentin Abgottspon vor. Was können wir von diesen Persönlichkeiten lernen?

Über den heiligen Antonius, den Mönchsvater im 2./3. Jahrhundert, heisst es in seiner Lebensbeschrei

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

30.09.2016

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schwyzkultur.ch/bm1TY2