220 Jahre Verlagsgeschichte auf beinahe 400 Seiten: Auch formal ein währschaftes Buch. Fotos: Victor Kälin
220 Jahre Verlagsgeschichte auf beinahe 400 Seiten: Auch formal ein währschaftes Buch. Fotos: Victor Kälin
Beispiele aus der Produktion des Benziger Verlags Einsiedeln: Ein Andachtsbild aus dem Jahr 1873 (links) sowie ein Missionsbild aus dem Jahr 1912.
Beispiele aus der Produktion des Benziger Verlags Einsiedeln: Ein Andachtsbild aus dem Jahr 1873 (links) sowie ein Missionsbild aus dem Jahr 1912.

Literatur

Der Egger Heinz Nauer verfasste das Buch «Fromme Industrie.

Auf knapp 400 Seiten setzt sich der 33-jährige Heinz Nauer mit der Geschichte des Benziger Verlags und untrennbar damit verbunden auch mit der Familie Benziger auseinander.

Der Benziger Verlag mit Sitz in Einsiedeln prägte die Schweizer Verlagslandschaft über zwei Jahrhunderte lang. Bereits im 18. Jahrhundert etablierte die Verlegerfamilie den Handel mit religiösen Souvenirs und ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurde man international tätig mit Filialen in den USA, Frankreich und Deutschland. Seine Informationen holte sich Historiker Nauer grösstenteils im umfangreichen Nachlassarchiv des Verlags in Einsiedeln, das 500 Laufmeter mit Buch- und Bildpublikationen, Druckplatten, Farb- und Musterbüchern sowie rund 200 Laufmeter Akten und weitere Materialien zur Firmengeschichte umfasst. Dank eines Doc.Mobility-Stipendiums verbrachte Nauer einen mehrmonatigen Aufenthalt am KADOC in Leuven (Belgien). Zudem führte er Recherchen in den vatikanischen Geheimarchiven aus, die der Autor auf Seite 22 aber als «wenig ergiebig » bezeichnet, da sich nur wenig gehaltvolle Quellen für dieses spezifische Thema finden liessen.


Das Buch


Anfang Oktober 2017 erschien «Fromme Industrie» im hier und jetzt Verlag. Die Dissertation wurde leicht angepasst und nach Zeitepochen gegliedert. Zu seinen Beweggründen schreibt der Autor: «Es gibt bislang keine umfangreichere Untersuchung zum Benziger Verlag, die wissenschaftlichen Kriterien entspricht und mehr als einen einzelnen Aspekt der Verlagsgeschichte im Blick hat.» Das Werk ist in sechs thematische Hauptkreise gegliedert. Im Buch gibt es zudem zwei kommentierte Bildstrecken, eine mit Inhalten aus der Verlagswerbung und Produktion im 19. Jahrhundert, die zweite enthält Fotografien aus der Verlagsgeschichte zwischen 1860 und 1989. Das erste Kapitel «Wallfahrt und Wirtschaft» setzt sich mit der Entstehung des Unternehmens und seiner weiteren Entwicklung bis etwa 1900 auseinander. Damals galt der Gebetbuchverlag der Firma Benziger als «der grösste der Welt». Immer bestehen blieb jedoch die regionale Verankerung. «Es ist auf den ersten Blick erstaunlich, dass der Benziger Verlag seinen Hauptsitz stets in Einsiedeln beliess, das mit seiner peripheren Lage in den Innerschweizer Voralpen wahrlich keine günstigen Bedingungen für Massenproduktion und den internationalen Absatz bot», schreibt Nauer. «Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass Einsiedeln auf einer konfessionellen ‹mentalmap› als Wallfahrtsort ein in der ganzen katholischen Welt bekanntes religiöses Zentrum war.» Um 1850 gehörte Einsiedeln mit 8500 Einwohnern zu den 15 grössten Ortschaften der Schweiz.


In allen Winkeln der Welt


Das Kapitel «Expansion» befasst sich mit der internationalen Umwelt der Firma. Im Nachlassarchiv des Verlags sind Gebetbücher in mehr als 20 Sprachen überliefert, darunter Spanisch (ab 1886), Portugiesisch (1892), Flämisch (1891), Serbokroatisch (1887), Swahili (1892), Polnisch (1891) oder Quechua (1891). Über Missionen verbreiteten sich Benziger-Bücher bis in periphere Regionen des Globus. Der Abschnitt «Ware für den Katholischen Markt» handelt von der Funktion religiöser Medien in der Moderne und gibt eine Übersicht der wichtigsten Medientypen des Verlags im 19. Jahrhundert: Gebetbücher, Andachtsbilder, Periodika und Belletristik. Mit dem Niedergang der religiösen Literatur ging der Aufstieg der «schönen Literatur» einher. Die Verlagsleiter stellten sich zunehmend den Fragen wie: «Was ist profan und was ist säkular?» oder «was macht eine religiöse Zeitschrift aus?»


Wechselwirkung mit der Kirche


Das Kapitel «Filialen der Kanzel?!» stellt Benziger in einen internationalen Kontext und zeigt fünf Fallbeispiele des katholischen Verlagswesens in Zentraleuropa. Benziger durfte sich ab 1888 «Päpstliches Institut für christliche Kunst» nennen. Die Verflechtung zwischen Kirche und Verlagen war aber laut Nauer «kein reiner Top-down-Prozess». Die Verleger wurden nicht einseitig durch die kirchliche Hierarchie vereinnahmt, sondern bemühten sich aktiv um Anschluss an ein kirchliches Netzwerk. Das Verhältnis des Verlages und der religiösen Vertreter wird anhand der Reisen der Verleger nach Rom und zum Papst gezeigt. Der Abschnitt «Innenansichten» versucht eine soziale und politische Untersuchung der Verlegerfamilie und ihrer Unternehmenskultur: Die Familie Benziger bildete in Einsiedeln eine kapitalstarke und einflussreiche lokale Elite. Im Jahre 1848 versteuerten Josef Karl Benziger-Meyer und sein Bruder Nikolaus Benziger ein zu damaliger Zeit riesiges Privatvermögen von 115’000 beziehungsweise 85’000 Gulden. Sie gehörten damals zu den reichsten Männern im Kanton Schwyz. Nauer untersucht ein Sample der Heiratspraxis der engeren Verlegerfamilie über zwei Generationen hinweg, das zeigt, dass sich die Benzigers bewusst mit Vertretern von Berufsgruppen «einer neuen sozialen Elite» zusammentaten. Nicht nur die Benziger- Söhne erhielten angemessene Bildung, sondern auch die Töchter. Aufgrund der grossen zeitlichen Distanz lässt sich die Rolle der Frauen im Familiengeschäft nur schwer abschätzen. Belegt ist jedoch, dass die Rosenkranz- und Devotionalienläden eine Frauendomäne waren. Das letzte Kapitel, «Kontinuitäten und Zäsuren im 20. Jahrhundert», behandelt die Verlagsgeschichte zwischen 1920 und 1970 und thematisiert auch das Ende des eigenständigen Unternehmens. Der Erste Weltkrieg war ein massiver Einschnitt für die Firma, auch wenn sie teilweise Bücher mit extrem hohen Auflagen verlegten, die sich beispielsweise an den «katholischen Soldaten» richteten. Zu den äusseren Schwierigkeiten gesellten sich weitere Probleme: Benziger war in technologischer Hinsicht gesehen längst nicht mehr der fortschrittliche Betrieb, den er in den 1840er- bis 1880er-Jahren gewesen war. In den Nachkriegsjahren stand der Verlag das erste Mal kurz vor der Liquidation. Man trennte sich in den belletristischen und den Schulbuch- und religiösen Verlag. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurden vermehrt junge Schweizer Autoren gefördert. Im Jahre 1984 wurde die Firma von der Rheinpfalz Verlagsgruppe in Ludwigshafen übernommen. Das grafische Unternehmen in Einsiedeln ging 1992 in den Besitz des damaligen Geschäftsführers Louis Senn über, der Druckereibetrieb wurde 1993 eingestellt, die Buchbinderei und der übrige Geschäftsbetrieb zwei Jahre später.


Historisch wertvoll


Das Werk von Heinz Nauer ist spannend, gut recherchiert und beleuchtet historische Hintergründe, die wohl auch Kennern des Benziger Verlags neu sein dürften. Vor allem die Anfangsjahre und das 19. Jahrhundert, das der heutigen Gesellschaft ziemlich fern ist, werden ausgiebig und facettenreich beleuchtet. Das 20. Jahrhundert und der Niedergang des einstigen Weltunternehmens werden nur kurz gestreift, hier hätte ich mir mehr Informationen und Analysen aus der Neuzeit gewünscht. Mit der Thematik des Niedergangs befasst sich jedoch die aktuelle Ausstellung im Museum Fram intensiver. Ansonsten ist die leicht abgeänderte Dissertation spannend zu lesen und die Fussnoten lenken nicht vom Lesefluss ab, wenn man sich für eine Referenz aber genauer interessiert, werden viele Zusatzinformationen geliefert. Der Aufbau der Kapitel ist logisch und chronologisch gegliedert, man liest nirgends zwei Mal das Gleiche. Ich würde das Buch historisch interessierten Zeitgenossen empfehlen. Dass ein Einsiedler Verlag in frühen Jahren dermassen international ausgerichtet war, erstaunte mich von Mal zu Mal. Interessant sind auch die diversen Mitglieder der Familie Benziger und ihre Tätigkeiten. Auch dieses Kapitel könnte man ausbauen, da die Familie Benziger gross und die Interessen vielfältig waren. Es ist jedoch verständlich, dass das Buch «Fromme Industrie» vor allem die Protagonisten des Verlagsgeschäfts behandelt und nicht deren Verwandte, die Geistliche, Kunstmaler oder ähnliches waren.


Einsiedler Anzeiger / Patrizia Pfister

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

01.12.2017

Webcode

schwyzkultur.ch/8RH8mF