«19 intensive Jahre im Kloster»: Harry Bruno Greis, neben einer Zeichnung von Toni Bisig. Bild Victor Kälin
«19 intensive Jahre im Kloster»: Harry Bruno Greis, neben einer Zeichnung von Toni Bisig. Bild Victor Kälin

Literatur

«Diese Träume sind verschwunden»

Erst war er Rockmusiker, dann Mönch: Aus diesem Spannungsfeld ist der Roman «Toccata & Fuge» entstanden. Eine gerade aus Einsiedler Optik spannende Lektüre.

Victor Kälin: Mit «Toccata & Fuge» machen Sie es dem Leser nicht leicht. In Ihrem – gemäss Selbstangabe – «Roman nach wahren Begebenheiten » fragt man sich gerade als Einsiedler, was nun wahr, und was erfunden sei. Drum: Was ist wahr? Und was erfunden?

Harry Bruno Greis: Das ist immer eine der ersten Fragen, die mir gestellt wird. Und ich sage jeweils: Das ist mein Geheimnis. Mittlerweile weiss ich selbst nicht mehr, was Fiktion, was Realität ist.

Am Ende des Buches fragt sich die Hauptperson, was sie wirklich erlebt, oder was sie nur geträumt hat. Doch ist es so wichtig, dies immer so genau zu wissen? Die Figur des Fredi ist frei erfunden; das ist klar. Er ist ein «Gegenstück » zu den anderen Figuren, obwohl der Beruf als Journalist mit mir zu tun hat: Ich war beim «Schaffhauser Bock» und den «Schaffhauser Nachrichten» als Journalist tätig. Andere Figuren wiederum habe ich aus mehreren Charakteren komponiert, die nicht einmal zwingend etwas mit Einsiedeln zu tun haben. Diese Figuren sind nicht eins zu eins auf reale Personen übertragbar. Und dann gibt es noch solche, die man ganz genau erkennt: Im doch eher chaotischen Bibliothekar ist Pater Joachim Salzgeber sehr gut erkennbar.

Einerseits schreiben Sie von «wahren Begebenheiten», andererseits weiss der Leser aber doch nicht verlässlich, wie weit da die Fantasie mitgeschrieben hat. Immerhin ist es ein Roman. Was ist der Reiz, mit diesen zwei Ebenen zu spielen und den Leser im Ungewissen zu lassen?

Es ist eben kein Sachbuch, sondern ein Roman. Es ist letztlich eine freie Form, selbst wenn viele Teile der Geschichte mir zugeschrieben werden können: Rockmusiker, Mönch, Organist, Lehrer …

«Das Klosterleben eines Rockstars», so der Untertitel, weist stark autobiografische Züge auf. Wer Harry Greis nur ein bisschen kennt, erkennt ihn in der fiktiven Hauptperson Bernhard wieder. Wo stimmen der fiktive Bernhard und der konkrete Harry überein, und wo unterscheiden sie sich?

(lacht) ... da müsste ich erst eine Analyse machen. Eins zu eins übernommen habe ich die Episoden der Rockband, selbst wenn ich sie im Buch unter einem anderen Namen auftreten lasse. Aber dann gibt es eine Anzahl Geschichten, die so nicht stattgefunden haben. Nur ein Beispiel: Da ich während meiner Zeit als Religionslehrer für meine Filmprojekte zusätzlich als Ton- und Bildtechniker arbeitete, war ich klosterintern auch für die Installation von Kameras in den Kapellen zuständig. Was ich sagen will: Ich habe zwar solche Kameras montiert, damit aber nie einen solch skurrilen Gottesdienst belauscht, wie das im Roman der Fall ist – es gab schlichtweg keinen solchen.

Dann gibt es die «gut getarnte Geheimsekte » gar nicht, die Sie im Buch gefilmt haben? Dabei haben Sie deren unheimliches Tun so plastisch beschreiben! Da geht es ziemlich handfest zu und her. Mitglieder werden ritualisiert erniedrigt, nackt an einen Marterpfahl gebunden und durch Maskenmänner ausgepeitscht … Die Verbindungen sollen selbst ins Kloster reichen («die eigentliche Macht»). Das ist alles erfunden?

Doch, doch. Das gibt es. Aber nicht in Zusammenhang mit meinen Einsiedler Klostererlebnissen. Es kommt aber nachweislich vor, dass Masochismus gerade in frommen Kreisen häufig anzutreffen ist. Man denke nur an die Selbstgeisselung. Es fängt mit Masochismus an und endet in meinem Buch mit Sadismus. Ein Motiv, wie es in der Literatur und im Film häufig anzutreffen ist. Für diese Szene habe ich allerdings verschiedene Zutaten verwendet.

Als Bernhard berichten Sie aus dem Innenleben eines Klosters. Sie wählten zwar das längst aufgehobene Kloster Rheinau als Ort des Geschehens. Ihre konkreten Erfahrungen machten Sie jedoch im Kloster Einsiedeln, dem Sie als Benediktiner 19 Jahre lang angehörten. 2009 verliessen Sie die Klostergemeinschaft und zügelten nach Schaffhausen. Wie viel Einsiedeln steckt in Rheinau?

Sehr viel. Nur schon das Gebäude erinnert durch seine Form, die Architektur, die Farben an Einsiedeln. Als ich erstmals auf der Insel Rheina

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

18.08.2017

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schwyzkultur.ch/ZXMATG