Kari Hensler beim Signieren seines neuen Buches. Bild Fredy Stäheli
Kari Hensler beim Signieren seines neuen Buches. Bild Fredy Stäheli

Literatur

Ein Spaziergang durch Leben und Werk

Der Einsiedler Karl Hensler hat eine neue Schrift zu Meinrad Lienert verfasst aus Anlass des 150. Geburtstags des Schriftstellers. In einer leicht lesbaren und informativen Publikation wird dem Leser Meinrad Lienert näher gebracht.

Bereits in einem ersten, 2010 erschienenen Buch hat sich Kari Hensler mit dem Einsiedler Dichter beschäftigt. Dort lag der Schwerpunkt bei Herkunft und Werdegang des Dichters. Dem widmet sich wiederum ein wichtiges Kapitel der neuen Schrift. Allerdings ist die Verbindung zwischen Leben und Werk diesmal noch enger als in der ersten Publikation. Ergänzt werden diese biografischen und werkgeschichtlichen Informationen mit Betrachtungen zu seiner Sprache und Gedanken zur Einordnung und Bewertung seines Werkes. Vor allem aber lädt das Buch dazu ein, den Schriftsteller Meinrad Lienert von ganz verschiedenen Seiten her besser kennenzulernen und gleichsam unter der kundigen Führung von Kari Hensler durch Leben und Werk zu spazieren.

Biografische Stationen

Hensler orientiert sich zunächst an den Aufenthaltsorten und Lebensabschnitten des Schriftstellers und ordnet ihnen die jeweils entstandenen Werke zu. Das hat das Verdienst, dass Meinrad Lienert selber ausgiebig zu Wort kommt, und so auch wenig bekannte Facetten seines Werkes in Erscheinung treten. Ausgehend vom Geburtsort Einsiedeln schwenkt Hensler zum Ybrig über, dem Lebensort seiner Grossmutter mütterlicherseits, der zu Lienerts zweiter Heimat wurde. Darauf geht es hinab an den Zürichsee, was Gelegenheit bietet, einen vertieften Blick auf das Wirken und Walten Lienerts im Lesezirkel Hottingen zu werfen.

Hotspot der Literatur

Der Lesezirkel war damals gewissermassen die wichtigste Schweizer Bühne für zeitgenössische Literatur. Und die Gästeschar war prominent, wie die Namen von Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Robert Walser und C.G. Jung zeigen. Doch auch innerhalb der Schweizer Literatur war Meinrad Lienert Teil eines damals gewichtigen Beziehungsnetzes, verbanden ihn doch Freundschaften mit Carl Spitteler, Heinrich Federer, Ernst Eschmann oder mit Eduard Korrodi, Feuilletonchef der NZZ und damaliger Literaturpapst der Schweiz. Doch auch dem Wirken Lienerts als geschätzter und kompetenter Mitarbeiter des Schweize rischen Idiotikons ist ein Abschnitt gewidmet. Ergänzt wird dieser biografische Teil durch Ausführungen zu Sprache und Werk Lienerts. Da lässt sich manches entdecken, was einer Vertiefung lohnte, so etwa das Motiv der Vagabunden und Landfahrer, die immer wieder im Werk Lienerts auftauchen. Hensler fördert auch etwelche Perlen zu Tage, wie beispielsweise den für das Feuilleton der NZZ verfassten Text über das Pfeifenrauchen oder seine mannigfachen literarischen Annäherungen an Paracelsus.

Schriftsprache und Dialekt

Hensler streift immer wieder auch das Verhältnis von Schriftsprache und Mundart. Er ist dabei auf eine aufschlussreiche Quelle gestossen, es handelt sich um einen fingierten Dialog eines Verwandten mit Meinrad Lienert: «Los, Vetter, mer hetted jetzed glyeinist üsers silbrig Hochsig. Tätist mer nüd ä paar Värsli mache, dr müesstisch, währligott, nüd vürsustig.» Des Schriftstellers ironische Antwort lautet: «Jä natürli, blöiss ä so Värsli uf Schwyzerdütsch.» Lienert will damit sagen, dass in Mundart schreiben genauso anspruchsvoll ist wie in der Schriftsprache. «Ich nahm das Schweizerdeutsche mindestens so ernst wie unsere alldeutsche Schriftsprach, auch wenn man's Mundart nennnt, was etwa sagen will, dass es quellfrisch aus Mund und Herzen komme», schreibt Lienert. Reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist, und sich schriftlich im Dialekt ausdrücken sind eben zweierlei Handschuhe. Wer wüsste das besser als Meinrad Lienert.

Der Band erfreut aber nicht nur durch zahlreiche Belegstellen für Lienerts Schaffen, sondern auch durch viele Fotografien und Reproduktionen von Originaldokumenten sowie durch seine schöne Gestaltung. Ausgesprochen verdienstvoll sind auch die Bibliographie, die alle Erstausgaben auflistet und das Wortverzeichnis der Dialektwörter im Text am Schluss des Buches. Gerade für Letzteres dürfte mancher Leser dankbar sein.



Meinrad Lienert 1865-1933

Band II
von Karl Hensler



Zu beziehen bei

Waldfink V

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

23.05.2015

Webcode

schwyzkultur.ch/d71wpC