«Zu sagen, er sei erbaulich, wäre wohl übertrieben»: Franz Marian Kälin über seinen Roman.
«Zu sagen, er sei erbaulich, wäre wohl übertrieben»: Franz Marian Kälin über seinen Roman.

Literatur

Ein ungeschönter Blick zurück

«Süssestes Herz Jesu» ist ein brillant geschriebener Roman, ein Sittengemälde aus dem Jahre 1925, als in Egg in Pater namens Notker als Pfarrer wirkte.

Die eigene Familiengeschichte fand er zu langweilig. «Aber ein Bild zu zeichnen über die damalige Zeit», das reizte ihn. Die Rede ist von Franz Marian Kälin, 89-jähriger Maler und Denker aus dem Viertel Egg, der mit seinem Erstling «Süssestes Herz Jesu» ins Jahr 1925 zurückblickt. Es ist ein schneidender, ungeschönter Blick in eine Zeit, in der ein Pater namens Notker als Pfarrer in Egg wirkte und dessen Zuneigung zu dem ihm anvertrauten Weiss-Sonntags-Schüler Beat zwischen Gründonnerstag, Ostern und Weissem Sonntag eine dramatische Zuspitzung findet.

«Lasset die Kleinen zu mir …»

Kälin zeichnet ein differenziertes Bild einer bigotten Gesellschaft. Er erinnert gleich zu Beginn seiner Geschichte daran, dass vom süssesten Herzen Jesu «die zwielichtige Bitte» stamme: «Lasset die Kleinen zu mir kommen.» Für das Seelenheil sei wichtig, dass eben die Kleinen mit dem Lesen und Schreiben auch den Katalog der lässlichen und schweren Sünden in sich aufnahmen. Sie sollten ihr ganzes zukünftiges Leben nie mehr vergessen, zu was das Sündigen führte: ins Fegefeuer oder sogar in die Hölle. Und keine zerebrale Logik war stark genug, diesen Wall zu durchbrechen. «Es ist eine wahre Geschichte», beteuert Kälin. «Der rote Faden stimmt; das Ende hingegen ist eine belletristische Fiktion.» Sollten gewisse Einzelheiten nicht so geschildert sein, wie sie Augenzeugen jener Tage in Erinnerung behalten haben, «so wäre dies nichts im Vergleich zu den Abschweifungen, die sich Könige und Päpste geleistet haben».

«Im Volk war es bekannt»

Augenzeugen bei einer 88 Jahre zurückliegenden Geschichte? «Die alten Leute in Egg wissen es … Und in unserer Familie wussten es alle; aber es wurde nicht darüber gesprochen. » Laut hätte man die Geschichte ohnehin nie erzählen dürfen; doch als Schulbuben hätten sie «Witze über diesen Notker gerissen». Im Volk war es bekannt. Mindestens damals vor 30 Jahren, als Kälin die Geschichte aufgeschrieben hat, deren Überarbeitung nunals 160-seitiger Roman erschienen ist. «Es ist keine Generalabrechnung mit der Kirche», betont Franz Marian Kälin. «Ich bin gerne Mitglied der ecclesia romana.» Und wer sich ins Buch vertieft, spürt die Sympathie, die Empathie gar, mit welcher der Autor seine Figuren begleitet – wenn es sein muss, bis zum bitteren Ende. Als intellektuellen Gegenentwurf zu Notker stellt Kälin den jungen Domvikar Nikodem aus Chur dar, der als geistlicher Sohn der Mutter über die Festtage in Egg weilt. «Ein Glücksfall für das klerikale Kader der Kirche, das keine körperlich oder psychisch kränkelnden Diener Gottes gebrauchen konnte.» Wie eben Notker einer war.

Handverlesene Empfänger

Nur wenige Reaktionen sind auf seine Geschichte bisher eingegangen, erklärt Franz Marian Kälin. Was nicht verwundert, da erst einige wenige Exemplare handverlesen an Freunde verteilt worden seien. Aber eine Begebenheit vergesse er nicht mehr so schnell, als ihm ein Einsiedler in Einsiedeln noch vor dem Erscheinen des Buches zugerufen hätte: «Ihr habt doch damals einen gehabt, der Ministranten ‹ausgepackt› hat …!»

«Süssestes Herz Jesu – eine Geschichte aus der Innerschweiz».
Franz Marian Kälin, 2013
ISBN 978-3-8423-9692-0
Books on Demand
www.bod.Franz_Marian_Kälin


Einsiedler Anzeiger

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

12.04.2013

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schwyzkultur.ch/MDys1B