Undatierte Aufnahme von Otto Hellmut Lienert. Die Foto stammt aus der Sammlung seines Sohnes Konrad Rudolf Lienert, einem früheren Kulturredaktor des Tages Anzeigers. Bild zvg
Undatierte Aufnahme von Otto Hellmut Lienert. Die Foto stammt aus der Sammlung seines Sohnes Konrad Rudolf Lienert, einem früheren Kulturredaktor des Tages Anzeigers. Bild zvg

Literatur

Mitten im Krieg ans Schreiben gedacht

Vor 75 Jahre wurde der Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverein (ISSV) gegründet. Zum ersten Präsidenten wählte die konstituierende Versammlung vom 27. Januar 1943 den Einsiedler Otto Hellmut Lienert.

Der damals 45-jährige und in Sursee wohnhafte Otto Hellmut Lie- nert war ein Jahr vorher bereits im Initiativkomitee dabei, das einen Aufruf an die Schriftsteller der Zentralschweiz lanciert hatte. Von Walter Kälin* Ziel des zu gründenden Vereins war es, die Berufskollegen einander näherzubringen, «auf dass wir wenigstens in den dringlichsten Angelegenheiten zusammenstehen und die Existenzsorgen, die der Zweite Weltkrieg uns aufbürdet, gemeinsam zu meistern suchen.» Während sich bei der Gründung des ISV – das zweite «S» wurde erst Jahrzehnte später in den Namen integriert – nur 13 Mitglieder einschrieben, zählt der ISSV im Jubiläumsjahr 165 Schriftstellerinnen und Schriftsteller.


Waise schon vor der Geburt


Otto Hellmut Lienert (1897–1965) hatte das Talent zum Schreiben offensichtlich in den Genen. Sein Onkel und Götti war der weitherum bekannte Meinrad Lienert (1865–1933), sein Vater dessen Bruder Konrad, der mit nur 36 Jahren noch vor der Geburt des fünften Kindes verstarb. «Die Mueter hät vil duregmacht, Scho jung der Ma verlore; As Witfrau, gly no’s Vatters Tod, ’s füüft Chind, nu mich gibore.» Dieses jüngste Kind nach Lina, Rosa, Konrad und Marie war Otto Hellmut. Zwei seiner Geschwister sind den älteren Einsiedlerinnen und Einsiedlern noch gut in Erinnerung, nämlich Rosa, besser bekannt als «Tante Rösli», die einen offenen Kindergarten führte, und Konrad Lienert-Rausch, der 1972 verstorbene Vater von Christian (Jimmy) Lienert.


Vom gleichen Holz


Aufgewachsen im Haus zur Wachsbleiche an der unteren Schwanenstrasse, lebte Otto Hellmut 25 Jahre lang in seinem Geburtsort, wo er nach Gymnasialjahren in Appenzell, St.Gallen und Zug der Mutter im elterlichen Geschäft (Kolo- nialwaren, Petrolhandel, Zeitungs- druckerei) zur Seite stand. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich später als Vertreter, bis er in Zürich eine Stelle als Redaktor im Verlag Conzett & Huber fand, wodurch Beruf und Berufung langsam deckungsgleich wurden. Mitte der 30er-Jahre liess er sich als freier Schriftsteller mit seiner Frau, der Pianistin Gertrud Frei, in Sursee nieder. Die ersten Gedichte erschienen aber schon 1926, noch zu Lebzeiten von Götti Meinrad. «Ä zweite Lienert!», verkündete eine Leserin und meinte weiter: «Jetzt hät ä zweite Sunnestrahl der Wäg is Tal gfunde!» Der «zweite Lienert» bemerkte dazu in einer Autobiografie: «Dieses Kompliment tut mir heute noch wohl. Eine Zeit lang kam es mir nämlich vor, mein Vettergötti und ich seien zwei Bergtannen, er die grosse und ich die kleine. Die grosse Tanne gab der kleinen Schutz und Schirm, jedoch auch ungewollt Schatten.» Ein Einsiedler Zeitgenosse, der Kunsthistoriker Prof. Dr. Linus Birchler (1893–1967), schätzte die «kleine Tanne» so ein: «Wer nur flüchtig hinhört, glaubt die Melodie Meinrad Lienerts zu hören. Aber wer feinere Ohren hat, vernimmt eine eigene Tonart, die sogar etwas mehr in Moll klingt als bei seinem Onkel.» Onkel und Neffe starben übrigens beide im Alter von 68 Jahren.


Schriftdeutsch und Mundart


Neben zahlreichen Gedichtbänden veröffentlichte der Autor auch Jugendbücher («Purzelbäume im Kinderparadies»), Märchen («Nidel- gret»), Erzählungen («Die heilige Kümmernis») und Romane («Das Bild der Madonna»). Zur Einweihung des Heiwilibrunnens in Erinnerung an Meinrad Lienert schrieb Otto Hellmut «Äs Brunnespili», das von der Einsiedler Bevölkerung aufgeführt wurde.


«Einischt möchti wider hei,
Hei i üüs’ri Gäged,
Won eim d’Lüüt nu ’s Zyt abnend
Und der Name säged.»


Die Werke erschienen in verschiedenen Verlagen, teils bei Huber, Sauerländer oder im Walter Verlag, teils in Einsiedeln bei Benziger und im Verlag Waldstatt. Als Präsident des Innerschweizer Schrifstellerinnen- und Schriftstellervereins wirkte Otto Hellmut Lienert 18 Jahre lang, seine Nachfolger waren Josef Konrad Scheuber, Julian Dillier, Dominik Brun, Andreas Iten und Daniel Annen, der dem ISSV seit 2013 vorsteht. Im Jubiläumsjahr setzt der Verein zum siebten Mal zu einem Höhenflug an, das Literaturfestival Zug vom 23. bis 25. März verspricht nämlich einen «Höhenflug 2018». Neben Lesungen von etablierten Autorinnen und Autoren werden auch wenig bekannte mit ihren Erstlingen vertreten sein. Und – das würde Otto Hellmut Lienert freuen – ein zweiter Schwerpunkt wird gemäss Mitteilung auf der Website mit dem Thema Dialekt gesetzt: «Dialekt boomt: Auf der Bühne, im spoken word und im spoken script.»


Einsiedler Anzeiger / Walter Kälin

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

26.01.2018

Webcode

schwyzkultur.ch/Utfkp1