Besonderer Moment: In der Stiftsbibliothek Einsiedeln bot sich die Gelegenheit, Original und Faksimlie des Einsiedler Heilsspiegels genau zu betrachten. Bild Bruder Gerold Zenoni OSB
Besonderer Moment: In der Stiftsbibliothek Einsiedeln bot sich die Gelegenheit, Original und Faksimlie des Einsiedler Heilsspiegels genau zu betrachten. Bild Bruder Gerold Zenoni OSB

Literatur

Multipliziertes Original präsentiert

Als eine besondere Preziose in der Stiftsbibliothek Einsiedeln gilt der um 1450/1460 in Nordfrankreich entstandene Einsiedler Heilsspiegel. Dieser Bilderreigen aus 176 Miniaturen zur biblischen Geschichte erschien nun als Faksimileausgabe. Am vergangenen Freitag fand in der Stiftsbibliothek die Präsentation statt.

Eine der wertvollsten Handschriften der Stiftsbibliothek Einsiedeln ist der um 1450/1460 in Nordfrankreich entstandene Einsiedler Heilsspiegel, der seit dem 18. Jahrhundert in der Stiftsbibliothek bezeugt ist. In 176 Miniaturen werden Szenen aus dem Alten und Neuen Testament zu einem engen Beziehungsgeflecht verwoben. Der Buchmaler führt die Geschichte des Sündenfalls und der Erlösung der Menschheit von ihrer Erschaffung bis zum Jüngsten Gericht vor Augen.

Sinn für Schönes

Am Freitag, 19. Juni, fand vor einer stattlichen Anzahl Gäste in der Stiftsbibliothek Einsiedeln die Präsentation des im Luzerner Qaternio Verlag erschienenen Faksimiles des Einsiedler Heilsspiegels statt. Stiftsbibliothekar Pater Justinus Pagnamenta sprach in seinem Vortrag vom Schöpfungsbericht in der Genesis. Am Ende lese man, dass sich Gott alles ansah. Es war sehr gut. «Das Gute und Schöne gehört zum Leben.» Wer ein Faksimile kaufe, tue das, weil es für ihn eine Bedeutung habe. Und Pater Justinus fragte, was der Heilsspiegel im 21. Jahrhundert für eine Bedeutung habe?

Bedeutung

Der Heilsspiegel setzte Begebenheiten aus dem Alten Testament in Beziehung zu Ereignissen aus dem Neuen Testament. Das Manna in der Wüste etwa wird mit dem Abendmahl in Verbindung gebracht. Auch Christus bediente sich dieser Typologie und nannte die Sintflut als Hinweis auf seine Wiederkunft. Die Geschichte von Jonas mit seinem Verbleiben im Bauch des Wals wird auf Christi Grabesruhe hin gedeutet. «Die ganze Geschichte Israels weist auf das Mysterium Christi hin.» Für den Stiftsbibliothekar ist der neue Faksimileband kein Lesebuch, sondern ein Werk um in die Heilsgeschichte einzutauchen.

Heimspiel

Verlagsleiter Gunter Tampe sprach in seiner Ansprache in Anspielung auf die geringe Distanz zwischen dem Verlagsort Luzern und Einsiedeln von einem Heimspiel und zitierte das Sprichwort vom Guten, das so Nahe liege. «Als wir die Handschrift sahen, war klar, dass wir sie ins Programm aufnehmen würden.» Offenbar ist die Reproduktion derart gut gelungen, dass der Stiftsbibliothekar fast Angst hat, ein Faksimileexemplar könnte mit dem Original verwechselt werden. Die Produktion war gemäss Gunter Tampe etwas aufwendiger als vorerst geplant. «Wir gehen bei der Faksimilierung nur kleine Kompromisse ein.» Nach dem Verlagsleiter sollten Faksimileausgaben so gut sein, dass sie für die Forschung verwendet werden können. 100 Franken pro verkauftes Exemplar gehen an das Projekt «Klosterplatz» des Klosters Einsiedeln.

Max und Moritz

Abt Urban Federer sprach zu Beginn seiner Ausführungen von seiner Vorliebe für die Comic-Serie «Asterix & Obelix» und zitierte eine Stelle aus «Max und Moritz» von Wilhelm Busch. Wie der Einsiedler Heilsspiegel zeige, sei das Zusammengehen von Text und Bild viel älter. Für den Klostervorsteher ist der Heilsspiegel eine Augenweide. «Es ist ein Spiel mit dem Schönen also von Gott selbst. Es ist ein Vorgeschmack auf das Schöne, das uns noch bevorsteht.» Der Abt dankte dem Stiftsbibliothekar und dem Verlag für die Realisierung dieses kulturell bedeutsamen Vorhabens. Ein Buchbogen könne nicht alle Sinne ansprechen, meinte der Abt, und verwies auf das Gehör und die abschliessende Musikdarbietung mit modernen Tönen eines Saxophonensembles der Stiftsschule Einsiedeln.

Schwierig

Nach Auskunft von Verlagsleiter Gunter Tampe ist das wirtschaftliche Umfeld für derart kostbare Faksimileausgaben nicht ganz einfach. Aufgrund des Frankenkurses mussten die Preise in Deutschland, wo etwa 80 Prozent der Käuferschaft lebt, nach oben angehoben werden. «Wir versuchen vermehrt über Veranstaltungen an unsere Käuferschaft heranzukommen.» Sind weitere Faksimileausgaben aus der Stiftsbibliothek Einsiedeln denkbar? Das wollte der Verlagsleiter keineswegs ausschliessen. Schliesslich ist ja der Weg von Luzern nach Einsiedeln nicht weit und jedenfalls viel kürzer als zu Bücherschätzen in ausländischen Bibliotheken!

www.quaternio.ch



Einsiedler Anzeiger (bgz)

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

23.06.2015

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schwyzkultur.ch/eTuxVt