Lukas Bärfuss erhält den wichtigsten Literaturpreis Deutschlands und ist Autor des Einsiedler Welttheaters 2020.
Lukas Bärfuss erhält den wichtigsten Literaturpreis Deutschlands und ist Autor des Einsiedler Welttheaters 2020.

Literatur

«Sie müssen sich nicht ängstigen»

Lukas Bärfuss erhält mit dem Georg-Büchner-Preis, der mit 50’000 Franken dotiert ist, die renommierteste deutsche Literaturauszeichnung

Mit Lukas Bärfuss zeichne die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung «einen herausragenden Erzähler und Dramatiker der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aus», schreibt die Jury in ihrer Begründung. Der Autor des Einsiedler Welttheaters 2020 nimmt Stellung zum Preis. Mit Lukas Bärfuss sprach Magnus Leibundgut


Magnus Leibundgut: In Einsiedeln freut man sich, dass Ihnen der Georg-Büchner-Preis verliehen wird. Allerdings macht sich auch Panik breit wegen des Welttheaters: Kommen Sie jetzt überhaupt noch dazu, das Stück zu schreiben?


Lukas Bärfuss: Sie müssen sich nicht ängstigen im Klosterdorf. Wir kommen gut voran mit dem Stück, und die Rohfassung steht ja bereits. Definitiv wird das Stück bis zum 1. November fertig geschrieben sein.


Beeinflusst die Verleihung des Preises den Inhalt des Stücks in irgendeiner Art und Weise?


Nein, das «Grosse Welttheater» von Calderon verfügt ja über enge Leitplanken. Da kann der Georg-Büchner- Preis das Stück in keiner Weise prägen.


Können Sie uns bereits etwas über den Inhalt des Stücks verraten?


Der Text setzt sich mit Calderon auseinander. Wir wollen dessen zentrale Fragen 2020 erneut stellen: Warum lebe ich? Was mache ich mit meinem Leben – nicht zuletzt angesichts des vorbestimmten Todes? Der Text soll sich nicht in den Fragen des Zeitgeistes verlieren. Denn die Aktualität der Thematik ist universell, da die grundsätzlichen Lebensfragen die Menschen überall auf der Welt beschäftigen. Statt der allegorischen Hauptfiguren der Schönheit, des Reichen, des Bauern wird ein einziger Mensch im Zentrum der Handlung stehen – eine Frau.


Wie würden Sie selbst die Bedeutung des Preises für das Welttheater einschätzen? Gehen Sie davon aus, dass dank des Preises die Tickets für das Welttheater jetzt erst recht weggehen wie warme Weggli?


Das wäre natürlich umso schöner (lacht). Allerdings geht es ja beim Welttheater in Einsiedeln nicht nur um den Autor alleine, sondern um ein gemeinsames Projekt, um das ganze Umfeld der Aufführung, das bereits seit zwei Jahren engagierte Arbeit leistet.


Wie kommt denn der Preis an sich bei Ihnen selbst an? Sind Sie komplett überrumpelt worden?


Ja, sehr, in der Tat. Ich würde von einer grossen Erschütterung sprechen, die mich erfasst hat.


Der Büchner-Preis hebt Ihr Werk auf den Olymp. Wie fühlt man sich, wenn man in einer Reihe steht mit Dürrenmatt, Frisch und Muschg, die ja auch alle den Georg-Büchner-Preis bekommen haben?


Ich fühle mich sehr schwindlig. Erst recht, da ich ja nun auch in einer Reihe stehe mit Heiner Müller, George Tabori, Elfriede Jelinek und Peter Handke.


Sie gelten als politischer Schreiber, als Politessayist. Erkennen Sie einen politischen Charakter im «Grossen Welttheater» von Calderon?


Calderon hat sich in seinem Mysterienspiel «Das grosse Welttheater» mit existenziellen Themen auseinandergesetzt und keine Gesellschaftskritik geschrieben. Es beschäftigt sich mit Fragen des Alltags, des menschlichen Lebens und des Sterbens. Naturgemäss leitet sich aus existenziellen Fragen auch immer implizit Politisches ab.


Darf das Publikum davon ausgehen, dass auch die Schweiz als Land, als Nation eine Rolle spielen wird in Ihrem Stück zum Welttheater?


Einsiedeln spielt als Klosterdorf an sich eine bestimmte Rolle in der Schweiz. Insofern spielt das Stück von sich aus automatisch in diesem Schweizer Echoraum. Ohne dass das Land Schweiz nun eine explizite Rolle im Stück selber erhalten würde.


Welche Rolle spielt die Schweiz derzeit in der Welt Ihrer Meinung nach?


Eine kleine. Ein Volk von Zwergen will man hierzulande sein und bleiben. Das Verhältnis zur EU ist seit der Ablehnung des Beitritts der Schweiz zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) kompliziert. Ein Problem stellt nur schon das geplante Rahmenabkommen der Schweiz mit der EU dar.


Sie haben im Jahr 2015 einen Warnruf verfasst namens «Die Schweiz ist des Wahnsinns». Hat sich etwas geändert in Ihrer Beurteilung der Lage unseres Landes?


Die Situation der Schweiz ist unverändert unübersichtlich. Unsere Lage in Europa bleibt unklar. Die Wirtschaft brummt, und alle scheinen zufrieden zu sein.


Aber was ist, wenn die Wirtschaft ins Stottern gerät?


Immerhin scheint die Hegemonie der rechtspopulistischen Demagogen durchbrochen zu sein.

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

12.07.2019

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