Illusion oder Wirklichkeit? Paul Jud und Toni Ochsner präsentieren humorvoll ihr Werk «Totentanz». Bild Noldi Landtwing
Illusion oder Wirklichkeit? Paul Jud und Toni Ochsner präsentieren humorvoll ihr Werk «Totentanz». Bild Noldi Landtwing

Literatur

Vom Tod zum Tanz aufgefordert

Metaphysisches Gruseln war garantiert: Die Vernissage des Buches «Totentanz» fand am Freitag um Mitternacht in verfallenen Räumen statt. Wer beherzt den düsteren Gang gewagt hat, kehrte mit der Gewissheit heim: An den Geschichten ist was dran.

Suchten zuerst Einzelne an der menschenleeren Schwanenstrasse vorsichtig den ungewohnten Ort zur Buchvernissage, füllte sich eine Viertelstunde vor Mitternacht innert weniger Minuten die abbruchreife Halle. Dicht gedrängt sassen gut 150 Menschen aller Schichten auf engstem Raum vereint: Handwerker, Hausfrauen, Lehrer, Politiker, Theologen und sogar ein Mitglied der Regierung. Wie in alten Zeiten kam offenbar auch 2012 keiner der Stände darum herum, der Einladung zum Totentanz Folge zu leisten. Ob jung oder alt, namenlos oder prominent, auf der wackligen Festbank wurden für zwei Stunden alle gleich. Die Stimmung im Steinhof war dafür wie geschaffen: zersplitterte Scheiben, Putz, der von den Wänden fällt und eine spärliche Beleuchtung.

Der Totentanz lädt zum Leben ein

Das rege Stimmengewirr erstarb Schlag Mitternacht als nur noch ein paar Kerzen flackerndes Licht spendeten und die höllischen Glocken der Rockgruppe AC/DC erklangen. Eine geheimnisvolle Schrift erschien an der Wand und warnte vor Dingen, von denen man besser die Finger lasse, vor allem wenn man davor gewarnt worden sei. Gespenstische Bilder zogen vor den Augen der Zuschauer vorüber. Und dann ertönte es, das unheimliche «Klack, klack, klack» der roten Teufel. Ohne die Lösung vorwegzunehmen las Pater Urban Federer aus der 12. und letzten Geschichte des «Totentanzes», in der ein spät abends Heimwankender bedrängt wird. In einem grossen Bogen über etliche Jahrhunderte öffnete Pater Urban einen farbigen Fächer und zeigte auf, wie lebendig die Tradition des Totentanzes bis in die heutige Zeit hinein ist. Er wies darauf hin, dass gerade Einsiedeln mit dem Welttheater die Auseinandersetzung mit dem Tod bestens vertraut ist. Seine Ausführungen endeten mit dem Relief, das beim Eingang zum Friedhof anzutreffen ist. Dieses Bild lädt die Vorbeigehenden ein, innezuhalten und über das Leben nachzudenken.

Die Schwarzkunst lebt

Autor Paul Jud zeigte in wenigen Schritten, wie viel künstlerisches Handwerk und welch enormer Zeitaufwand im Entstehungsprozess der bibliophilen Ausgabe des neuen Buches verborgen sind. Er erzählte von unheimlichen Zwischenfällen, die sich bis in die letzten Minuten des Produktionsprozesses ereignet hatten. Dass der Totentanz umgesetzt werden konnte, war etlichen Gönnern zu verdanken. Bedeutungsschwer war der Ort dieser Vernissage, da sie in den alten Hallen stattfand, wo einst der Einsiedler Anzeiger eine Druckerei führte. Zuweilen vermeinte tatsächlich der eine oder andere Besucher während der Präsentation eine feine Wolke Druckerschwärze wahrgenommen zu haben. Oder war der Ort gar eine mögliche Antwort auf die Frage von Pater Urban, wo der Autor die Inspiration für die düsteren Geschichten für seine Geschichten gefunden hatte?

Die 13. Geschichte wartet

Liest man das Buch bei flackerndem Kerzenschein, beginnen die Bilder zu leben und es kann durchaus sein, dass plötzlich ein schwarzer Schmetterling durch den Raum flattert. «In den Illustrationen steckt etwas Ungewisses», offenbarte Toni Ochsner. Man müsse mehrmals hinschauen und sich dann immer wieder fragen «ist das jetzt Illusion oder Wirklichkeit?». Auf die Frage, ob es denn auch eine 13. Geschichte gebe, kniff Paul Jud die Augen zusammen, neigte sich dem Gegenüber zu und raunte mit leiser Stimme. «Sie geschieht eben jetzt hier in Einsiedeln. Die rostige Sense steht in einer Ecke mitten im Dorf. Viele gehen jeden Tag daran vorbei und sehen sie nicht. Vielleicht schon morgen holt der Tod seine Sense ab und fordert einen von uns zum Tanz auf.» Bei Totenbeinli und einem Glas Wein verweilten die Besucher der Vernissage noch lange in anregendem Gedankenaustausch. Beinahe machte es den Anschein, keiner traute sich nach der Vernissage mehr alleine auf die stockdunklen Strassen. Munteres Murmeln und Lachen drang jedenfalls noch lange in die mittlerweilen tiefschwarze Nacht hinaus. Und im Dorf wird bereits gemunkelt, einer der Heimkehrenden habe die rostige Sense gesehen und er habe es in dieser Nacht ge

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

30.05.2012

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schwyzkultur.ch/rbyAn1