Regula Brühwiler-Giacometti im angeregten, sehr persönlichen Gespräch mit Gabriel Palacios. Bild Gina Graber
Regula Brühwiler-Giacometti im angeregten, sehr persönlichen Gespräch mit Gabriel Palacios. Bild Gina Graber

Literatur

«Wie ich meine wahre Identität fand»

Am Montagabend präsentierte Regula Brühwiler-Giacometti ihre soeben erschienene Autobiografie «Seitensprungkind: Wie ich
meine wahre Identität fand.» Im Gespräch mit Gabriel Palacios gab die Autorin einen sehr persönlichen Einblick in ihre Lebensgeschichte.

Am Anfang jeder Adoption stehen die leibliche Mutter und ihr Neugeborenes: Welchen gewaltigen Druck braucht es, bis eine Frau ihr Kind unmittelbar nach der Geburt oder wenige Wochen später für immer weggibt? Das hat sich auch Regula Brühwiler-Giacometti immer wieder gefragt. Sie wurde Ende 1958 im Alter von zwei Monaten zur Adoption freigegeben und wuchs bei ihren Adoptiveltern in Lugano in fürsorglicher Geborgenheit auf. Alle Anstrengungen der leiblichen Mutter, das Mädchen zu behalten, schlugen fehl. Die geschiedene Frau lebte in einfachen Verhältnissen und ohne finanzielle Unterstützung durch ihren Exmann. Ausserdem hatte sie schon drei Kinder, für deren Unterhalt sie selber sorgen musste. Der Buchtitel macht klar: Regula Brühwilers leiblicher Vater war bereits verheiratet, ihre Mutter wollte das «idyllische Familienglück» ihres Seitensprung-Partners nicht zerstören und bat darum, den Namen des Vaters nirgends zu erwähnen.

Neue Identität

Im Alter von drei Jahren wurde die Adoption endgültig beurkundet, was für Regula Brühwiler im Rückblick einer eigentlichen Wiedergeburt gleichkommt. Als Helga Oertli geboren, hiess sie von da an Regula Giacometti und war nun offiziell die Tochter ihrer «Herzenseltern », die ihr eine wohl behütete Kindheit ermöglichten. Auch in der Familie Giacometti gab es Höhen und Tiefen, einschneidende Ereignisse und Schicksalsschläge, aber trotzdem ist Regula Brühwiler ihren Adoptiveltern dankbar. Sie wusste immer schon, dass ihre Mami und ihr Papi nicht ihre «richtigen» Eltern waren, aber vor allem zu ihrem Adoptivvater hatte sie eine wunderbare, enge Beziehung. «Die Adoption war die bestmögliche Entscheidung für mich», ist die Autorin überzeugt. Trotzdem blieb die Frage: Warum hat mich meine Mutter weggegeben? Die Suche nach Antworten hat Regula Brühwiler lange vor sich hergeschoben. Erst mit der Geburt ihres eigenen Sohnes vor rund dreissig Jahren wurde ihr bewusst, dass dies ihr erster leiblicher Verwandter war, den sie zu Gesicht bekam. Neben der Neugierde nach vererbten Talenten und Angewohnheiten fragte sich die Mutter auch, ob es allenfalls Erbkrankheiten gäbe, von denen sie wissen müsste. Aber die erste Spurensuche nach ihren leiblichen Eltern verlief harzig, die Kriterien zur Veröffentlichung von Adoptionsakten waren noch viel strenger als heute. Zwar konnte sie schon damals ihre leibliche Mutter kennenlernen, allerdings war es keine tränenreiche Begegnung wie in der TV-Sendung «Happy Day». Und erst vor zwei Jahren, nach einer Lockerung der Adoptionsgesetze, wurde ihr vollständiges Dossier freigegeben. Jetzt konnte die Aufarbeitung richtig beginnen, aus der schliesslich diese offene, ehrliche und berührende Biografie entstanden ist.

Thema Adoption ist aktuell

Regula Brühwiler-Giacometti las am Montagabend berührend und mit ruhiger Stimme einige Passagen aus ihrem Buch vor, tauchte dabei selber manchmal fast verwundert ein in ihr eigenes Leben. Durch die Lesung begleitet wurde sie von Gabriel Palacios, Buchautor und Hypnotiseur. Im vertraulichen Gespräch offenbarte Regula Brühwiler einen noch persönlicheren Einblick in ihre Familiengeschichte, als es das Buch bieten kann. «Das Buch macht süchtig», warnte denn auch Gabriel Palacios: «Wer mit der Lektüre beginnt, wird es so schnell nicht mehr aus der Hand legen.» Das Thema Adoption ist immer wieder Thema in den Medien. Regula Brühwiler hat als Adoptivkind mit ihrer Autobiografie «Seitensprungkind » den Weg zu sich selbst gefunden und möchte damit auch anderen Betroffenen helfen, sich selbst besser zu verstehen.

Das Buch «Seitensprungkind: Wie ich meine wahre Identität fand» von Regula Brühwiler-Giacometti ist im Cameo Verlag erschienen und in der Buchhandlung Benziger erhältlich.

Einsiedler Anzeiger (ggm)

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

20.10.2017

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schwyzkultur.ch/3sfpDc