Christian Schmid (links) und Daniel Annen (Mitte) sorgten auch dank Gesprächsleiter Walter Kälin (rechts) für spannende Einschätzungen. Bild Franz Kälin
Christian Schmid (links) und Daniel Annen (Mitte) sorgten auch dank Gesprächsleiter Walter Kälin (rechts) für spannende Einschätzungen. Bild Franz Kälin

Literatur

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Diskussionsabend im Museum Fram Daniel Annen und Christian Schmid analysierten im Museum Fram Werk und Wirkung Meinrad Lienerts. Gesprächsleiter Walter Kälin entlockte den beiden Fachleuten spannende Antworten.

Der Einladung des Museums Fram zu einem Expertengespräch über Meinrad Lienert war eine erstaunlich grosse Zuhörerschaft gefolgt. Ein Gewinn für den Gesprächsabend waren nicht nur der Schwyzer Literaturkenner Dr. Daniel Annen und der Berner Dialektologe Christian Schmid, sondern auch Gesprächsleiter Walter Kälin mit seinen wertvollen Impulsen.

Ein Idealist und ein Realist

Schon bald konnten die Gäste feststellen, dass Annen und Schmid sich nicht nur ergänzten, sondern in ihrer Wahrnehmung von Lienerts Werk und seiner literarischen Bedeutung sich auffallend stark unterscheiden. Man ist fast versucht zu sagen, was die Bedeutung und Beliebtheit von Lienerts schriftstellerischem Werk betrifft, sei der «Schulmann» Annen ein Idealist und der «Radiomann» Schmid ein Realist. Aus heutiger Sicht, so Schmid, sei das Prosawerk Lienerts nicht mehr von allzu grosser Bedeutung. Demgegenüber wies Annen aber auch auf undiskutable Werte bei Lienert hin, wie zum Beispiel die aufzehrende Sehnsucht nach Glück und Natur, seinen gelungenen Schalk und die neben Sonnenschein und Liebelei unabwendbare Tragik. Schmid konterte: Und trotzdem werde Meinrad Lienert nur noch selten gelesen wie auch der «gute, alte» Gotthelf.

Nationalstolz und Heimatgefühl

Das war denn auch eine Schlüsselfrage des Literaturabends: Wird Lienert heute überhaupt noch gelesen? Die zweite zentrale Frage des Moderators war, warum Lienert als Literaturschaffender einst so gefeiert wurde und heute sozusagen vergessen sei. Dazu wurde klargestellt, dass die Schweiz damals trotz schwieriger wirtschaftlicher Umstände von einem grossen Nationalstolz und starkem Heimatgefühl getragen worden sei. Gegenüber der Industrialisierung, Verstädterung und der Technisierung von Handwerk und Verkehr habe sich ein starkes Verlangen entwickelt, das alte Brauchtum, die alten Geschichten und die schon damals bedrohte heimische Sprache zu erhalten. Gesteigert wurde diese Haltung noch durch die grosse Begeisterung für Natur und Berge. Schmid meinte, Lienert sei zur richtigen Zeit am richtigen Ort genau in dieses Biotop hineingefallen.

Die grösste Leistung Lienerts

Die Anfänge unserer Mundartdichtung gingen wesentlich auf den Kanton Zürich zurück. Erwähnt sei beispielsweise der Zürcher Schriftsteller Jakob Christoph Heer (18591952). Noch früher ist der Zürcher Martin Usteri (17691827) mit seinen einst angesehenen «Dichtungen in Zürcher Mundart» in Erscheinung getreten. Und in den Jahren um 1900 erscheint im «Hottinger Lesezirkel» in Zürich plötzlich «ein Mann, der aus den Wäldern kam und Dichter war». Bei den anschliessenden Ausführungen zeigt Schmid unversehens den Band «Erzählungen aus der Schweizer Geschichte» und sagt dazu, das sei für ihn so etwas wie «eine Bibel für das Volk». Und etwas später hält er die vierbändige Ausgabe vom neu edierten «Schwäbelpfyffli» in seinen Händen und erklärt, das sei die grösste Leistung Meinrad Lienerts, eine einzigartige Poesie! In Mundart so etwas zu schaffen, sei wohl niemand anderem so exzellent gelungen. Höheren Wert misst Annen den Novellen, Geschichten und Romanen des Einsiedlers bei. Und darum nochmals Kälins Frage, warum denn Lienert heute nicht mehr gelesen werde? Darauf erwidert der realistisch analysierende Schmid: Weil wir heute in einer ganz anderen Welt leben würden, wo selbst einst stilsichere und kunstvolle Literatur die Leute nur noch beschränkt anspreche, weil die Heutigen eine andere Sprache sprechen und in einer ganz anderen Welt mit anderen Vorstellungen und anderen Problemen leben würden. Es war ein grossartiger Diskussionsabend im Rahmen des Meinrad-Lienert-Jubiläums.

«Auf der Suche nach Meinrad Lienert»

Eine Ausstellung und Veranstaltung zum 150. Geburtstag des Einsiedler Dichters. Dauer: Museum Fram bis 8. November 2015.

Einsiedler Anzeiger (ELB)

Autor

Einsiedler Anzeiger

Kategorie

  • Literatur

Publiziert am

30.06.2015

Webcode

schwyzkultur.ch/ZEQL7Y