Film
«Meine Leidenschaft ist mein Beruf»
Wenn Franz Kälin durch die «Cineboxx» führt, spricht er nicht einfach über Projektoren, Leinwände oder Sitzplätze. Er beschreibt die Atmosphäre, das Licht, den richtigen Ton. Über das Gefühl, wenn ein Film die Menschen packt. Man merkt schnell: Hier steht keiner, der bloss ein Kino betreibt. Hier steht jemand, der das Kino lebt.
Dabei begann alles lange bevor die «Cineboxx» gebaut wurde. Eigentlich schon in der Kindheit. Denn das Fotografieren und Filmen liegt bei Familie Kälin seit Generationen in den Genen. Bereits eine Urgrosstante führte Ende des 19. Jahrhunderts ein Fotostudio in Einsiedeln. Zu Hause wurde entwickelt, kopiert, archiviert und gefilmt. Es existieren noch heute Schwarz-Weiss-Filme seiner Vorfahren, Aufnahmen vom Sihlsee, und gar schon vom kleinen «Foti Fränzel sen.» als dreijährigem Jungen. Dass Franz Kälin jun. einmal Fotograf werden würde, war also vorgezeichnet.
Zwischen Dunkelkammer, Filmrollen und Fotos
Franz Kälin wuchs mitten in die-ser Welt mit zwei Schwestern und einem Bruder auf. Während andere Kinder spielten, stand er in der Dunkelkammer, entwickelte Filme oder half dem Vater beim Kopieren von Fotos. «Am Abend haben wir manchmal noch dreihundert Totenbildli entwickelt », erzählt er. Der Sohn kopierte, der Vater entwickelte. Oft stand er bis spätabends im Labor. Schon als Erstklässler hatte er als Einziger einen Fotoapparat auf die Schulreise mitgenommen. Die Bilder entstanden damals noch in Schwarz-Weiss – Farbfotos waren zu teuer. «Ich habe einfach immer fotografiert. » Die Schule dagegen interessierte ihn weniger. «Ich ging nicht gerne zur Schule. Der Stoff langweilte mich.» Stattdessen tüftelte er lieber, wollte Erfinder werden und war ständig am Ausprobieren. Sein Vater nahm ihn oft mit zum Fotografieren. Früh lernte er auch, ungewöhnliche Perspektiven einzunehmen. Im Hoch-Ybrig etwa dokumentierte der Vater zahlreiche Baustellen und Tourismusprojekte – damals noch ohne Drohnen. Also stieg Franz junior, zusammen mit seinem Vater, auch auf Baukräne. Angst scheint dabei nie ein Thema gewesen zu sein.
Nach der obligatorischen Schulzeit schickten ihn die Eltern – wie alle Kälin-Kinder – für ein Jahr ins Welschland. Franz kam nach Lille in Nordfrankreich, wo er als Volontär in einem Altersheim für pensionierte Pfarrer mitlebte. Morgens arbeitete er im Heim, später besuchte er den Französischunterricht. Danach erledigte er Gartenarbeiten und kochte abends für 25 Personen – dort habe er auch das Kochen gelernt. Anfangs verstand er kaum ein Wort Französisch. «Ich musste mich einfach durchkämpfen. » Rückblickend sei dieses Jahr enorm wichtig für ihn gewesen: «Ich wurde selbstständig.»
Er war schon immer ein Macher
Das erste Jahr seiner vierjährigen Fotografenlehre absolvierte er zunächst bei seinem Vater in Einsiedeln, da es fast keine Lehrstellen gab. Nach einem Jahr konnte er zu einem Fotografen in Zürich wechseln, wo er auch die Kunstgewerbeschule besuchte – wie auch schon Foti Franz senior selbst. Dass ausgerechnet die analoge Fotografie später die ideale Grundlage fürs Filmemachen sein würde, ahnte er zu dieser Zeit aber noch nicht. Filmschulen interessierten ihn weniger, zumal es damals in der Schweiz keine gab. Franz Kälin war schon immer Praktiker – einer, der lieber macht als theoretisiert.
Und er machte früh Filme: Lustige Kurzfilme, Trickaufnahmen, Slapsticks oder Experimente mit Schatten und Spezialeffekten – oft ganz ohne Drehbuch. Bereits als Jugendlicher drehte er mit Super-8-Kameras seine ersten Produktionen. Sein erster grosser Film entstand 1982: «Warum gerade ich?» – die Geschichte eines jungen Leukämiepatienten mit Daniel Inderfurth in der Hauptrolle. Gedreht wurde mit einem Spezialobjektiv im Breitformat – zu einer Zeit, als Fernsehen noch ausschliesslich im fast quadratischen 4:3-Format lief. «Ich wollte einfach schon immer dieses breite Kinobild.» Der Film dauerte 82 Minuten – und überraschte alle. Rund 800 Menschen wollten ihn sehen, aber nur 398 hatten Platz im alten Kino Etzel. Für Kälin war das ein Schlüsselmoment. «Das war wahrscheinlich einer der Gründe, weshalb ich weiter Kinofilme gedreht habe.»
Operateur und Programmverantwortlicher im alten Kino Etzel
Parallel dazu engagierte er sich während rund fünfzehn Jahren unentgeltlich im alten Kino Etzel. Anfangs als Operateur mit dem grossen und aufwendigen 35-mm-Film, später auch als Programmverantwortlicher. Er telefonierte mit Filmverleihern, lernte die Branche kennen, und baute Beziehungen zu den Filmverleihern auf. «Ich wusste daher schon früh, was möglich wäre.» Eigentlich wollte Franz Kälin das Kino Etzel selbst übernehmen. Doch dazu kam es nie. Seine eigenen Filme über Einsiedler Themen lockten immer viele Einsiedlerinnen und Einsiedler ins Kino. Also fasste er einen Entschluss, den viele damals für verrückt hielten: Er baute sein eigenes Kino. Selbst in die Fasnachtszeitung schaffte er es mit dieser verrückten Idee. Viele machten sich damals über ihn lustig: «Einsiedeln bekommt ein neues Kino, weil das alte aus allen Nähten platzt», hiess es etwa. Kälin nahm es von Anfang an mit Humor. «Wer etwas Mutiges macht, wird durchgenommen. Nur wer nichts macht, wird nicht in der Fasnachtszeitung erwähnt.»
Bequeme Sitzplätze und Parkplätze vor dem Haus
Der Entscheid, die «Cineboxx» mit 272 Sitzplätzen und modernster Technik auf der grünen Wiese unterhalb des Schnabelsbergs zu bauen, erwies sich im Nachhinein als einer der besten seines Lebens. Das Grundstück bot genügend Platz für Parkplätze – ein entscheidender Vorteil, denn heute kommt mehr als die Hälfte des Publikums von auswärts. Die Dimension des Gebäudes ergab sich aus der Grösse des Landes. Um aufwendige und teure Dachkonstruktionen zu vermeiden, entschied sich Kälin für 16,30 Meter messende Stahlträger, um eine Stahlkonstruktion zu umgehen. Was auch dem Budget zugute kam. Von Beginn an wusste er genau, worauf es ihm ankommt: bequeme Sitze, eine grosse Leinwand und erstklassige Bildund Tonqualität. «Das Wichtigste im Kino ist der bequeme Sessel », sagt er schmunzelnd. «Und dass man direkt vor dem Haus parkieren kann.» Gleichzeitig ist ihm die technische Qualität heilig. Die Projektionslampe im Projektor wird konsequent nach 500 Betriebsstunden ersetzt – obwohl jede Einzelne rund zweitausend Franken kostet. «Man könnte sie länger laufen lassen. Aber dann wird das Bild dunkler.» Dass diese Liebe zum Detail auffällt, zeigen auch Reaktionen aus der Filmbranche. So staunte etwa Ivo Kummer vom Bundesamt für Kultur nach einer Vorführung in der «Cineboxx»: «Was ist hier anders?» Für Kälin liegt die Antwort weniger in der Technik selbst als in deren sorgfältigem Einsatz – bei Bildschärfe, Helligkeit und Ton. Es ist ein Familienunternehmen, geführt mit seiner Frau Esther, Tochter Bettina und Sohn Gian sowie rund zwanzig Teilzeitangestellten.
Der Start der «Cineboxx» verlief allerdings alles andere als glamourös. Am ersten Donnerstagabend lief kein einziger Gast durchs Foyer – nicht einer. Weder «National Treasure» noch «The Kite Runner» des Schweizer Regisseurs Marc Forster lockten Menschen an. «Im Nachhinein war mir klar warum. Die Einsiedler waren es nicht gewohnt, dass das Kino am Donnerstag offen ist!» Doch bereits am Freitag standen die Besucher Schlange.
Der leidenschaftliche Filmemacher
Heute ist die «Cineboxx» längst etabliert. Zwar brachte Corona einen deutlichen Einbruch – statt früher rund 64’000 Eintritten zählt das Kino heute noch zwischen 45’000 und 50’000 Gäste pro Jahr. Auch das Verhalten des Publikums habe sich verändert. Spätvorstellungen funktionieren kaum noch. Dafür setzt man auf neue Ideen: Frauenkino mit Cüpli, das Nachmittagskino Cineor mit Kaffee und Kuchen, das Männerkino mit Bier und Wurst oder neuerdings sogar ein StrickKino.
Neben dem Kino blieb Franz Kälin immer auch Filmemacher, und drehte nebst Auftragsfilmen für Kunden eigene Projekte. Das sind ausschliesslich Geschichten mit Bezug zu Einsiedeln: Traditionen, Landschaften oder Porträts von Menschen. Inspiration findet er beim Spazieren oder in Gesprächen. So entsteht aktuell auch der Fasnachtsfilm «Bodenerdenlustig – die Einsiedler und ihre Fasnacht», den er gemeinsam mit Roli Ochsner realisiert und der im November 2026 in der Cineboxx Premiere feiern wird.
Die Digitalisierung der Filmproduktion empfand er nie als Bedrohung, sondern als Befreiung. Früher verschlangen Filmmaterial und Filmentwicklung sowie das Tonstudio enorme Summen. Heute sei für ihn Filmemachen einfacher und günstiger geworden – und trotzdem perfekter. Auch das Smart-phone nutzt der Fotograf regelmässig. «Es ist immer dabei und die Qualität ist mittlerweile erstaunlich gut.» Beruflich war Kälin übrigens fast nie angestellt. Genau genommen bloss einen einzigen Tag. Damals, als er nach der Lehre eine Stelle als Fotograf in Luzern annahm, sie jedoch schon nach dem ersten Tag wieder kündigte, als sich herausstellte, dass es in dem Laden gar kein richtiges Fotostudio gab. «Am zweiten Tag bin ich also wieder gegangen.» Seither arbeitet er selbstständig – flexibel, spontan und oft kurzfristig. «Ich plane eigentlich nie gross.» Vielleicht passt genau das zur Filmwelt, in der Wetter, Licht und Zufälle oft wichtiger sind als perfekte Zeitpläne.
Seine Stärke sieht er in der Kreativität, der Flexibilität und der Leidenschaft für die Sache. Sorgen habe er sich selten gemacht. «Will ich e Macher bi, lueg ich nöd in erschter Lini ufs Gäld.» Und wenn Franz Kälin heute Freizeit hat? Dann filmt er meistens auch. Denn Filmen ist sein Lebenswerk.
Einsiedler Anzeiger / Franziska Keller
Autor
Einsiedler Anzeiger
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